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Koordination UVG / Krankheit > Nicht trennbare Gesundheitsschäden

In Kürze

Art. 36 UVG ist anwendbar, wenn

  • die Gesundheitsschäden (Unfall und Krankheit) den gleichen Körperteil betreffen;
  • d. h. der vorliegende gesamte Gesundheitsschaden schlussendlich gemeinsam verursacht wurde;
  • d. h. die Unfallfolgen und der krankhafte Vorzustand überscheiden bzw. beeinflussen sich gegenseitig;
  • d. h. die gleiche Operation/Therapie/Behandlung dient sowohl den Unfall- als auch den Krankheitfolgen.

Heilbehandlung und Taggelder werden gemäss Art. 36 Abs. 1 UVG trotz nur unfallbedingter Teilkausalität bis zum Vorliegen eines Status quo sine/ante voll bezahlt.

Invalidenrenten werden gemäss Art. 36 Abs. 2 UVG nur gekürzt, wenn im Zeitpunkt des Unfalles ein invalidisierender Faktor vorlag.

Zusammentreffen verschiedener Schadensursachen

Art. 36 UVG

 

1 Die Pflegeleistungen und Kostenvergütungen sowie die Taggelder und Hilflosenentschädigungen werden nicht gekürzt, wenn die Gesundheitsschädigung nur teilweise Folge eines Unfalles ist.

 

2 Die Invalidenrenten, Integritätsentschädigungen und die Hinterlassenenrenten werden angemessen gekürzt, wenn die Gesundheitsschädigung oder der Tod nur teilweise die Folge eines Unfalles ist. Gesundheitsschädigungen vor dem Unfall, die zu keiner Verminderung der Erwerbsfähigkeit geführt haben, werden dabei nicht berücksichtigt.

Art. 47 UVV

 

Das Mass der Kürzung von Renten und Integritätsentschädigungen beim Vorliegen unfallfremder Ursachen richtet sich nach deren Bedeutung für die Gesundheitsschädigung oder dem Tod, wobei den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Berechtigten ebenfalls Rechnung getragen werden kann.

Grundsatz

Urteil 8C_172/2018 E. 4.4.2. vom 04.06.2018 (Volltext)

 

Nicht trennbare Gesundheitsschäden:

 

Die Anwendung von Art 36 UVG setzt voraus, dass der Unfall und das nicht versicherte Ereignis eine bestimmte Gesundheitsschädigung gemeinsam verursacht haben. Liegt in diesem Sinne - wie im hier zu beurteilenden Fall - eine gemeinsame Schadenverursachung vor, kann keine Aufteilung der Leistungen nach Kausalitätsanteilen erfolgen (BGE 121 V 326 E. 3c S. 333).

 

Trennbare Gesundheitsschäden:

 

Dagegen ist Art. 36 UVG nicht anwendbar, wenn die beiden Einwirkungen einander nicht beeinflussende Schäden verursacht haben, so etwa wenn der Unfall und das nicht versicherte Ereignis verschiedene Körperteile betreffen und sich damit die Krankheitsbilder nicht überschneiden. Diesfalls sind die Folgen des versicherten Unfalls für sich allein zu bewerten (BGE 126 V 116 E. 3a S. 117, 121 V 326 E. 3c S. 333 mit Hinweisen).  

Natürliche und adäquate Kausalität

BGE 123 V 98 vom 21.05.1997 (Volltext): Voraussetzung

 

Die Anwendung von Art. 36 UVG stellt sich erst, wenn sowohl die natürliche als auch die adäquate Kausalität gegeben sind.

 

Bestätigung: Urteil 8C_896/2011, E. 3.2 vom 23.4.2012, Urteil 8C_637/2013, E. 2.3.2 vom 11.3.2014

Urteil 8C_956/2011 vom 20.6.2012 (Volltext): Solange besteht volle Leistungspflicht

 

4.2. Mit dem Erreichen des Status quo sine vel ante entfällt eine Teilursächlichkeit für die noch bestehenden Beschwerden.

 

Solange jedoch der Status quo sine vel ante noch nicht wieder erreicht ist, hat der Unfallversicherer gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG in aller Regel neben den Taggeldern auch Pflegeleistungen und Kostenvergütungen zu übernehmen, worunter auch die Heilbehandlungskosten nach Art. 10 UVG fallen.

 

Demnach hat die versicherte Person bis zum Erreichen des Status quo sine vel ante auch Anspruch auf eine zweckgemässe Behandlung, welche auch operative Eingriffe umfassen kann.

Invalidisierender Charakter

BGE 121 V 326 vom 11.11.1995 (Volltext): Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG

 

Die Kürzungen der Invalidenrente setzt voraus, dass die Gesundheitsschädigung vor dem Unfall eine länger dauernde, erhebliche Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit zur Folge hatte und damit invalidisierenden Charakter aufweist. - Bei einer Versicherten, die in den vier Jahren vor dem Unfall während rund drei bis vier Monaten aus psychischen Gründen arbeitsunfähig war, liegt kein länger dauernde Beeinträchtigung vor.

Urteil 8C_181/2009 vom 30.9.2009 (Volltext): Situation im Zeitpunkt des Unfalls

 

5.6 ... Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG macht die Nichtberücksichtigung des Vorzustandes nicht davon abhängig, dass sich dieser nie auf die Erwerbsfähigkeit auswirken würde, verlangt ist einzig, dass er sich im Zeitpunkt des Unfalls (noch) nicht ausgewirkt hat.

Vorgerücktes Alter

BGE 113 V 137 vom 27.5.1987 (Volltext)

 

Das vorgerückte Alter (Art. 28 Abs. 4 UVV) ist keine Gesundheitsschädigung im Sinne von Art. 36 UVG: Keine Kürzung, solange nicht zusätzliche krankhafte Zustände oder Entwicklungen vorliegen.

Integritätsentschädigung

BGE 113 V 59 vom 20.1.1987 (Volltext)

 

Art. 36 Abs. 2 Satz 2 UVG gilt nicht für die Integritätsentschädigung. Diese kann somit auch dann gekürzt werden, wenn der krankhafte Vorzustand die Erwerbsunfähigkeit nicht beeinträchtigt hatte. Beispiele: Arthrosen, Spondylosen und andere Abnützungskrankheiten.