Hauptinhalt

Natürliche Kausalität

Inhalt

 

In Kürze

 

Definition und Beweisführung des natürlichen Kausalzusammenhangs

Wegfall der natürlichen Kausalität oder richtungsgebende Verschlimmerung

Gelegenheitsursache oder Zufallsursache

Natürliche Kausalität und Fallbearbeitung bei Schädelhirntrauma und HWS-Verletzung

Natürliche Kausalität und Fallbearbeitung bei psychischen Beschwerden

Überholende Kausalität / Vorbestehende Invalidität

Haftpflichtrecht / Strukturiertes Beweisverfahren

Leistungsfälle in chronologischer Reihenfolge

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In Kürze

Natürliche Kausalität: Tatfrage

  • Feststellung rechtserheblicher Tatsachen; diese sind zu beweisen. 
  • Natürliche Kausalität liegt vor, wenn Kausalitätsanteil > 0 %

Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit liegt vor, wenn

  • Aussagesicherheit bei 2 Sachverhaltsvarianten > 50 %

Gelegenheitsursache bzw Zufallsursache:

  • Vorzustand ist derart labil und prekär, dass jederzeit mit dem Eintritt der organischen Schädigung zu rechnen ist.
  • Ein alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit hätte dieselbe Gesundheitsschädigung bewirken können.
  • Zwischen dem Unfall und der ausgelösten Gesundheitsschädigung besteht kein natürlicher Kausalzusammenhang.

Definition und Beweisführung des natürlichen Kausalzusammenhangs

Natürliche Kausalität liegt vor, wenn Kausalitätsanteil grösser 0 %

BGE 129 V 177 vom 19.12.2002 E. 3.1 (Volltext)

 

Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind

  • alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann.

Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat,

  • der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele.

Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungsanspruches nicht.

Beweisführung des natürlichen Kausalzusammenhangs

Urteil 8C_287/2020 vom 27.04.2021 E. 3.1 (Volltext)

 

Der Beweis des natürlichen Kausalzusammenhangs beziehungsweise dessen Wegfallens ist in erster Linie mit den Angaben medizinischer Fachpersonen zu führen ist. 

 

ATSG > Gutachten > Schlüssigkeit / Beweiswert 

Wegfall der natürlichen Kausalität oder richtungsgebende Verschlimmerung

Status quo sine, Status quo ante oder richtungsgebende Verschlimmerung

Urteil 8C_589/2017 vom 21.02.2018 E. 3.1.2 (Volltext)

 

Die vom Unfallversicherer einmal anerkannte Leistungspflicht entfällt erst, wenn dieser nachweist, dass der Gesundheitszustand erreicht ist, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante) oder wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine).

 

Trifft ein Unfall auf einen vorgeschädigten Körper und steht aus ärztlicher Sicht fest, dass weder der Status quo ante noch der Status quo sine je wieder erreicht werden können, so bezeichnet die Rechtsprechung dies als richtunggebende Verschlimmerung.

Diagramme zum Status quo sine, Status quo ante und zur richtungsgebenden Verschlimmerung

Status quo ante: Temporäre Verschlimmerung eines Vorzustandes

 

Status quo sine: Schicksalsmässiger Verlauf eines krankhaften Vorzustandes

 

Richtungsgebende Verschlimmerung: Natürliche Kausalität liegt jetzt und künftig vor

 

Gutachterfragen

Ist die geltend gemachte Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise Folge des Unfalles vom ...?

 

In welchem gesundheitlichen Zustand befand sich die versicherten Person im Zeitpunkt des Unfalles (Vorzustand)?

 

Bei gegebenem Vorzustand: Wurde dieser behandelt und/oder therapiert?

 

Sind seit dem Unfall vom ... weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen (interkurrente Erkrankungen) aufgetreten, die heute das Beschwerdebild mitbestimmen und die nicht als Folge des besagten Unfalles anzusehen sind? Falls ja, welche?

 

Welchen Einfluss haben die unfallfremden Faktoren auf die unfallbedingte Behandlung und eine allfällige unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit und in welchem Ausmass?

 

Hat der Unfall vom ... zu einer vorübergehenden oder zu einer richtungsgebenden Verschlimmerung der unfallfremden Faktoren geführt?

 

Falls es zu einer vorübergehenden unfallbedingten Verschlimmerung kam, ab welchem Zeitpunkt war der Status quo ante (temporäre Verschlimmerung eines Vorzustandes) oder der Status quo sine (schicksalsmässiger Verlauf eines krankhaften Vorzustandes) mit überwiegender Wahrscheinlichkeit wieder erreicht?

 

Wenn der Status quo ante bzw. sine noch nicht erreicht sein sollte, ist mit der Erreichung dieses zu rechnen? Wenn ja, wann?

 

ATSG > Gutachten > Gutachterfragen

Gelegenheitsursache oder Zufallsursache

Definition der Gelegenheitsursache

Urteil 8C_669/2019 vom 25.03.2020 E. 4 (Volltext)

 

Eine schadensauslösende traumatische Einwirkung wirkt also selbst dann leistungsbegründend, wenn der betreffende Schaden auch ohne das versicherte Ereignis früher oder später wohl eingetreten wäre, der Unfall somit nur hinsichtlich des Zeitpunkts des Schadenseintritts conditio sine qua non (Bedingung, ohne die nicht ...) war.

 

Anders verhält es sich, wenn der Unfall nur Gelegenheits- oder Zufallsursache ist, welche ein gegenwärtiges Risiko, mit dessen Realisierung jederzeit zu rechnen gewesen wäre, manifest werden lässt, ohne im Rahmen des Verhältnisses von Ursache und Wirkung eigenständige Bedeutung anzunehmen. 

 

Einem Ereignis kommt demzufolge der Charakter einer anspruchsbegründenden Teilursache zu, wenn das aus der potentiellen pathogenen Gesamtursache resultierende Risiko zuvor nicht dermassen gegenwärtig war, dass der auslösende Faktor gleichsam beliebig und austauschbar erschiene.

 

Dagegen entspricht die unfallbedingte Einwirkung - bei erstelltem Auslösezusammenhang - einer (anspruchshindernden) Gelegenheits- oder Zufallsursache,

  • wenn sie auf einen derart labilen, prekären Vorzustand trifft, dass jederzeit mit einem Eintritt der (organischen) Schädigung zu rechnen gewesen wäre, sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage oder wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass.
  • Wenn ein alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit dieselbe Gesundheitsschädigung hätte bewirken können, erscheint der Unfall nicht als kausal signifikantes Ereignis, sondern als austauschbarer Anlass; es entsteht daher keine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers. 

Osteoporose als Zufallsursache

Urteil 8C_139/2014 vom 10.06.2014 (Volltext): Keine Deckung

 

Anamese / Vorzustand:

  • Gleitschirmunfall am 03.08.1991 mit Rückenverletzung
  • Versicherte leidet seit Jahren an Osteoporose der Wirbelsäule

Unfall vom 07.10.2006: 

  • Lendenwirbelfraktur (LWK5) beim Versuch, die ins Stolpern geratende Ehefrau aufzufangen.

Resultat:

  • Der Unfall vom 07.10.2006 gilt als Zufallsursache ohne Leistungspflicht.

Aus dem Urteil:

 

3.3. Vor diesem Hintergrund stufte die Vorinstanz die 2006 erlittene Lendenwirbelfraktur (LWK5) - welche der Versicherte gleich wie die angegebenen lumbalen Rückenbeschwerden auf den seinerzeitigen Unfall vom 7. Oktober 2006 zurückführen will, von der AXA aber nie als unfallkausal anerkannt worden ist - unter Berufung auf das bundesgerichtliche Urteil 8C_380/2011 vom 20. Oktober 2011 (in: SVR 2012 UV Nr. 8 S. 27) als blosse Gelegenheits- oder Zufallsursache ein, welche auf einen derart labilen Vorzustand getroffen sei, dass - sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage heraus, sei es wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass - jederzeit mit einer solchen Schädigung gerechnet werden musste, dem (bagatellären) Ereignis vom 7. Oktober 2006 mithin keine derart signifikante Bedeutung beizumessen sei, dass es eine Leistungspflicht des Unfallversicherers begründen könnte; die unfallmässige Einwirkung habe als anspruchshindernde Gelegenheits- oder Zufallsursache zu gelten, sodass die AXA ihre Leistungspflicht zu Recht verneint habe.  

Abgrenzung zwischen Vorzustand, latente Schadensneigung, Gelegenheitsursache

Urteil U 413/05 vom 05.04.2007 (Volltext): Theorie und Abgrenzungen im Detail

 

Sachverhalt

  • 22. August: Auffahrkollision mit Schleudertrauma (und Kompression des Thorax).
  • 2. September: Thoraxschmerzen mit Blutdruckabfall.
  • 4. September Tod durch Einriss der Körperhauptschlagader (Strukturschwäche).

Resultat: Es handelt sich um eine Gelegenheitsursache gemäss E. 4.2.3

 

Vorzustand nicht zur gleichen Zeit eingetreten

  • Resultat: Leistungsterminierung 

4.2 Nach der Rechtsprechung gehören zu den im Sinne von Art. 6 Abs. 1 UVG massgebenden Ursachen auch Umstände, ohne deren Vorhandensein die gesundheitliche Beeinträchtigung nicht zur gleichen Zeit eingetreten wäre. Eine schadensauslösende traumatische Einwirkung wirkt also selbst dann leistungsbegründend, wenn der betreffende Schaden auch ohne das versicherte Ereignis früher oder später wohl eingetreten wäre, der Unfall somit nur hinsichtlich des Zeitpunkts des Schadenseintritts Conditio sine qua non war. Anders verhält es sich, wenn der Unfall nur Gelegenheits- oder Zufallsursache ist, welche ein gegenwärtiges Risiko, mit dessen Realisierung jederzeit zu rechnen gewesen wäre, manifest werden lässt, ohne im Rahmen des Verhältnisses von Ursache und Wirkung eigenständige Bedeutung anzunehmen.

 

Konstitutionelle Prädisposition / Vulnerabilität

  • Resultat: UVG-Versicherer haftet vollumfänglich

4.2.1 Keine blosse Gelegenheitsursache liegt vor bei ungewöhnlichen Kausalverläufen, bei denen eine konstitutionelle Prädisposition eine zentrale Rolle spielt (zum Begriff vgl. Kräuchi, Die konstitutionelle Prädisposition, Diss. Bern 1998, S. 3 ff.). Die entsprechende Vulnerabilität zieht hier eine besondere Schadensneigung nach sich. Beispielhaft kann der an schwerem Diabetes leidende Industriearbeiter genannt werden, der eine Verätzung am Fuss erleidet, nachdem bei der Arbeit Natronlauge in den Schuh eingetreten ist, und dessen Verletzung - im Verein mit der Zuckerkrankheit - über eine nicht beherrschbare entzündliche Reaktion letztlich zur Amputation des Beins führt (vgl. Morger, Zusammentreffen verschiedener Schadensursachen [Art. 36 UVG], in: Schweizerischer Versicherungskurier 1987, S. 136 f.). Der Unfallversicherer haftet vollumfänglich, obwohl sich die Gesundheitsschädigung bei einer Gewichtung der konkurrierenden Ursachen zum stark überwiegenden Teil als Krankheitsfolge darstellt (Meyer-Blaser, Kausalitätsfragen aus dem Gebiet des Sozialversicherungsrechts, in: SZS 38/1994, S. 100). Wegen der Krankheit allein war im Beispiel keineswegs jederzeit mit einem solchen Geschehen zu rechnen; es bedurfte vielmehr einer nicht alltäglichen und nicht beliebig austauschbaren - spezifischen - weiteren Teilursache, damit der verhängnisvolle Schadensverlauf überhaupt in Gang kam.

 

Krankhafter Vorzustand als latente Schadensneigung

  • Resultat: Es besteht Raum für eine Leistungspflicht des UVG-Versicherers

4.2.2 In den Anwendungsbereich der zitierten Rechtsprechung, wonach zu den massgebenden Ursachen auch Umstände gehören, ohne deren Vorhandensein die gesundheitliche Beeinträchtigung nicht zur gleichen Zeit eingetreten wäre, fällt namentlich die Konstellation, in welcher der krankhafte Vorzustand eine bloss potentielle Gesamtursache bildet. Damit erscheint diese Ursache zwar grundsätzlich geeignet, den Schaden alleine hervorzurufen; mit Blick auf das Stadium der Grunderkrankung oder aufgrund der aktuellen Beschaffenheit der übrigen für den Schadenseintritt relevanten Verhältnisse ist die Realisierungswahrscheinlichkeit des Risikos aber (noch) nicht so gross, dass die Mitwirkung des versicherten Ereignisses zum gegebenen Zeitpunkt als bedeutungslos erschiene. Schafft der krankhafte Vorzustand eine erst latente Schadensneigung, entspricht er lediglich einer Teilursache. Es besteht folglich Raum für eine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers.

 

Unfallereignis als Gelegenheits- oder Zufallsursache

  • Resultat: Keine leistungspflicht des UVG-Versicherers 

4.2.3 Nach dem Gesagten ist der Unfall (anspruchsbegründende) Teilursache, wenn das aus der potentiellen pathogenen Gesamtursache resultierende Risiko zuvor nicht dermassen gegenwärtig war, dass der auslösende Faktor gleichsam beliebig und austauschbar erschiene. Dagegen entspricht die unfallbedingte Einwirkung (hier Kompression des Thorax) - bei erstelltem Auslösezusammenhang - einer (anspruchshindernden) Gelegenheits- oder Zufallsursache, wenn sie auf einen derart labilen, prekären Vorzustand trifft, dass jederzeit mit einem Eintritt der organischen Schädigung zu rechnen gewesen wäre, sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage oder wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass (hier zum Beispiel einer blutdruckerhöhenden Anstrengung). Wenn ein alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit dieselbe Gesundheitsschädigung hätte bewirken können, erscheint der Unfall nicht als kausal signifikantes Ereignis, sondern als austauschbarer Anlass; es entsteht daher keine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers (vgl. Erlenkämper, Arbeitsunfall, Schadensanlage und Gelegenheitsursache, in: Sozialgerichtsbarkeit 1997, S. 359 ff.; Bonnermann, Kausalität und Gelegenheitsursache in der gesetzlichen Unfallversicherung, in: Sozialgerichtsbarkeit 2001, S. 13 f.).

Natürliche Kausalität und Fallbearbeitung bei Schädelhirntrauma und HWS-Verletzung

72-Stunden-Regel bei einem Schädelhirntrauma

Urteil 8C_14/2021 vom 03.05.2021 E. 4.2.1 (Volltext): Nebst typischen Beschwerden auch Kopfschmerzen

 

Zur Bejahung eines Schädel-Hirntraumas ohne organisch nachweisbare (objektivierbare) Funktionsausfälle (vgl. BGE 134 V 109 E. 6.2.2 S. 117) ist ausschlaggebend, ob sich innert der Latenzzeit von 24 bis 72 Stunden nach dem Unfall im Rahmen des typischen, bunten Beschwerdebildes auch Kopfschmerzen manifestierten (vgl. Urteile 8C_890/2010 vom 28. März 2011 E. 4.1 und 8C_1021/2009 vom 3. November 2010 E. 5.2).  

72-Stunden-Regel und Latenzzeit bei einem HWS-Schleudertrauma

Urteil U 215/05 vom 30.01.2007 E. 5 (Volltext): Beschwerden Halsregion und Halswirbelsäule

 

Nach der Rechtsprechung zu Unfällen mit HWS-Schleudertrauma müssen

  • die Beschwerden in der Halsregion und an der Halswirbelsäule innert maximal 72 Stunden seit dem Versicherungsereignis auftreten,

damit die natürliche Kausalzusammehang bejahrt werden kann. Diese Latenzzeit bezieht sich einzig auf die genannten Beschwerden und hat nicht auch die weiteren zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas gehörenden Beschwerden zum Gegenstand.

 

Zum Thema: Urteil U 109/04 vom 23.11.2004 E. 2.2

Typisches Beschwerdebild

BGE 117 V 359 vom 04.01.1991 E. 4b (Volltext)

 

Ist ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule diagnostiziert und liegt ein für diese Verletzung typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie

  • diffuse Kopfschmerzen,
  • Schwindel,
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,
  • Übelkeit,
  • rasche Ermüdbarkeit,
  • Visusstörungen,
  •  Reizbarkeit,
  • Affektlabilität,
  • Depression,
  • Wesensveränderung usw.

vor, so ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der danach eingetretenen Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit in der Regel anzunehmen. Es ist zu betonen, dass es gemäss obiger Begriffsumschreibung für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs genügt, wenn der Unfall für eine bestimmte gesundheitliche Störung eine Teilursache darstellt.

Fallbearbeitungsprozess

BGE 134 V 109 vom 19.02.2008 (Volltext) 

 

9.2. In einer ersten Phase nach dem Unfall ist zu erwarten, dass dessen Hergang möglichst genau und verifizierbar dokumentiert wird.

 

Gleiches gilt für die anschliessend auftretenden Beschwerden. Diesen ersten tatbeständlichen Grundlagen kommt grosses Gewicht zu.

 

Was im Besonderen den erstbehandelnden Arzt betrifft, ist dieser gehalten, die versicherte Person sorgfältig abzuklären (in der Regel eingehende Befragung sowie klinische und gegebenenfalls röntgenologische Untersuchungen). Dazu gehört auch die Befragung der versicherten Person nach ihrem gesundheitlichen Vorzustand, so u.a. nach psychischen Beschwerden vor dem Unfall oder im Zeitpunkt des Unfalls.

 

Die Aussagen der versicherten Person zum Unfallhergang und zu den bestehenden Beschwerden sind gestützt auf die erhobenen Befunde und weitere zur Verfügung stehende Angaben zum Unfallhergang und zum anschliessenden Verlauf kritisch zu prüfen.

 

Gelangt der Arzt bei der Diagnosestellung zur Auffassung, eine der hier zur Diskussion stehenden Verletzungen komme aufgrund der bis dahin gegebenen zuverlässigen Anhaltspunkte nur als Verdachts- oder Differentialdiagnose in Frage, hat er dies in seinem Bericht so zum Ausdruck zu bringen.

 

Von besonderer Bedeutung ist sodann, dass der Arzt in seinem Bericht, gegebenenfalls in dem vom Schweizerischen Versicherungsverband empfohlenen "Dokumentationsbogen für Erstkonsultation nach kranio-zervikalem Beschleunigungstrauma", nebst den weiteren der Diagnosestellung zugrundegelegten Überlegungen auch den Verlauf der Beschwerden ab dem Unfallzeitpunkt genau beschreibt.

 

Zudem hat er gegebenenfalls bestehende Anhaltspunkte für einen protrahierten Verlauf und/oder ein Chronifizierungsrisiko anzuzeigen (vgl. nachfolgend E. 9.3 in fine und 9.4).

 

Gelangt der Arzt zum Ergebnis, die geklagten Beschwerden seien gegeben und auf eine der hier zur Diskussion stehenden Verletzungen zurückzuführen, wird dies dem Unfallversicherer, zusammen mit weiteren Angaben zum Unfallhergang (aus Polizeiprotokollen etc.) und gegebenenfalls einer Rückfrage beim versicherungsinternen medizinischen Dienst resp. beim beratenden Arzt, in der Regel genügen, um vorübergehende Leistungen (Heilbehandlung; Taggeld) zu erbringen.

 

9.3. Bei einer Vielzahl dieser Unfälle tritt schon nach kurzer Zeit eine deutliche Besserung ein. Diese Fälle bieten in der Rechtsanwendung kaum Probleme. Sie können durch den Unfallversicherer rasch, und ohne dass sich die Frage nach Dauerleistungen überhaupt stellt, abgeschlossen werden.

 

Schwierigkeiten bereiten Fälle, in welchen die Beschwerden länger andauern bis hin zur Chronifizierung, und sich mithin auch die Frage einer Berentung stellen kann. Ob sich solche persistierenden Beschwerden medizinisch (noch) mit einer der hier diskutierten Verletzungen an der HWS oder am Kopf erklären lassen, lässt sich aufgrund der erwähnten initialen Abklärungen in der Regel nicht zuverlässig beantworten.

 

Bestehen Beschwerden länger und ohne deutliche Besserungstendenz, ist daher eine zügige interdisziplinäre Abklärung und Beurteilung durch Fachärzte angezeigt. Gleiches gilt, wenn bereits kurz nach dem Unfall Anhaltspunkte für einen problematischen Verlauf vorliegen.

 

9.4. Zusammenfassend ist als Grundlage für die Kausalitätsbeurteilung bei den hier diskutierten Verletzungen nebst einer den umschriebenen Anforderungen genügenden Erstabklärung zu verlangen, dass eine eingehende medizinische Abklärung (im Sinne eines polydisziplinären/interdisziplinären Gutachtens) bereits in einer ersten Phase nach dem Unfall vorgenommen wird, sofern und sobald Anhaltspunkte für ein längeres Andauern oder gar eine Chronifizierung der Beschwerden bestehen.

 

Eine entsprechende Begutachtung ist zudem jedenfalls dann angezeigt, wenn die Beschwerden bereits längere Zeit angehalten haben und nicht von einer baldigen, wesentlichen Besserung ausgegangen werden kann. In der Regel dürfte eine solche Begutachtung nach rund sechs Monaten Beschwerdepersistenz zu veranlassen sein. Einen früheren Zeitpunkt zu verlangen, wie er etwa für die therapiebezogene Diagnostik empfohlen wird, liesse sich mit Blick auf die notorischen Schwierigkeiten, geeignete Begutachtungsstellen mit genügender Arbeitskapazität zu finden, schon aus Praktibilitätsgründen nicht vertreten.

 

9.5. Ein solches poly-/interdisziplinäres Gutachten hat bestimmten Voraussetzungen zu genügen. Nebst den allgemein gültigen Anforderungen an beweiskräftige medizinische Berichte und Gutachten ist empfehlenswert, dass die Begutachtung durch mit diesen Verletzungsarten besonders vertraute Spezialärzte erfolgt. Im Vordergrund stehen dabei Untersuchungen neurologisch/orthopädischer (soweit indiziert mit apparativen Mitteln) und psychiatrischer sowie gegebenenfalls auch neuropsychologischer Fachrichtung.

 

Bei spezifischer Fragestellung und zum Ausschluss von Differentialdiagnosen sind auch otoneurologische, ophthalmologische oder andere Untersuchungen angezeigt. Die Gutachter müssen hiebei über zuverlässige Vorakten verfügen.

 

Dies unterstreicht nochmals die Wichtigkeit einer sorgfältigen Dokumentierung des Unfallereignisses und der medizinischen Erstabklärung, aber auch des weiteren Verlaufes bis zur Begutachtung.

 

Inhaltlich sind überzeugende Aussagen dazu erforderlich, ob die geklagten Beschwerden überhaupt glaubhaft sind, und bejahendenfalls, ob für diese Beschwerden trotz Fehlens objektiv ausgewiesener organischer Unfallfolgen ein beim Unfall erlittenes Schleudertrauma (Distorsion) der HWS, eine äquivalente Verletzung oder ein Schädel-Hirntrauma überwiegend wahrscheinlich zumindest eine Teilursache darstellt.

 

Aufgrund der Besonderheiten der Schleudertrauma-Praxis soll das Gutachten bei gefestigter Diagnose auch darüber Auskunft geben, ob eine bestehende psychische Problematik als Teil des für solche Verletzungen typischen, einer Differenzierung kaum zugänglichen somatisch-psychischen Beschwerdebildes zu betrachten ist, oder aber ein von diesem zu trennendes, eigenständiges psychisches Leiden darstellt. Nur wenn in der Expertise überzeugend dargetan wird, dass die psychische Störung nicht Symptom der Verletzung ist, kann dafür eine andere Ursache gesehen werden.

 

Der Hinweis auf ungünstige soziale und soziokulturelle Verhältnisse der versicherten Person und dergleichen genügt nicht. Weiter ist zu beantworten, inwieweit die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen und (mit Blick auf eine allfällige Berentung) in alternativen Tätigkeiten durch die festgestellten natürlich unfallkausalen Leiden eingeschränkt ist.

Natürliche Kausalität und Fallbearbeitung bei psychischen Beschwerden

Psychische Störungen müssen mit einem Gutachten abgeklärt werden

Urteil 8C_421/2021 vom 27.01.2022 E. 5.6 und 5.7 (Volltext /deutsch)

  • Es ist im Rahmen von psychischen Beschwerden nicht zulässig, die natürliche Kausalität offen zu lassen und den Sachverhalt nur im Rahmen der Adäquanz zu beurteilen.

Es ist daher sachgerecht, den Fall an die Suva zurückzuweisen , damit diese diesen - im vorliegenden Fall teilweise umstrittenen - Fragen durch ein abschließendes psychiatrisches Gutachten nachgeht (vgl. BGE 141 V 574 bezüglich Einschätzung der behindernden Natur psychischer Störungen). Die Suva entscheidet dann endgültig über den Anspruch des Versicherten auf Leistungen wegen seiner psychischen Störungen und leitet gegebenenfalls eine erneute eingehende Prüfung des hinreichenden Kausalzusammenhangs ein.

 

Das Vorstehende gilt auch für Vorinstanzen, die sich in der gleichen Konstellation befinden, nämlich bei psychischen Störungen mit der Prüfung des hinreichenden Kausalzusammenhangs befasst sind, wenn die Frage der natürlichen Verursachung offengelassen wurde. Kommt der Richter in diesem Fall zu dem Schluss, dass die Beurteilung des Unfallversicherers in einem oder mehreren Kriterien fehlerhaft ist und dass die Anerkennung des hinreichenden Kausalzusammenhangs in Betracht kommen könnte, muss er diesen letzten Punkt endgültig entscheiden Tatsachenfragen nach der Natur dieser Störungen (Diagnostik, Behinderung) und ihrer natürlichen Kausalität anordnen oder vom Unfallversicherer anweisen lassen.

Kausalitätsbeurteilung bei psychischen Unfallfolgen

BGE 147 V 207 vom 17.02.2021 (Volltext)

 

Die Anerkennung der adäquaten Kausalität allfälliger psychischer Beschwerden eines Versicherten ist unzulässig, wenn die sich in tatsächlicher Hinsicht stellenden Fragen bezüglich der Natur dieser Beschwerden (Diagnostik, invalidisierender Charakter) und ihres natürlichen Kausalzusammenhangs mit dem Unfall noch nicht geklärt sind (E. 6.1).

Überholende Kausalität / Vorbestehende Invalidität

Überholende Kausalität Unfall / Krankheit

Urteil 8C_630/2007 vom 10.03.2008 (Volltext)

 

Unfall vom 04.04.2002:

  • Der Versicherte wird durch herabfallende Teile eines Krans getroffen.
  • Er erleidet ein Commotio cerebri, ein cervikozephales Syndrom, eine Distorsion des Sprunggelenks und eine Riss-Quetsch-Wunde am Kopf.
  • Es besteht eine unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit.

Krankheit ab 17.12.2002:

  • Der Versicherte erleidet einen Hirninfarkt

Resultat:

  • Der Unfall wurde als mögliches auslösendes Ereignis der Arbeitsunfähigkeit durch den Hirnschlag gleichsam überholt.

Aus dem Urteil:

 

5.2 Denkt man im Falle der versicherten Person das Unfallereignis vom 4. April 2002 weg, so entfiele die bestehende Arbeitunfähigkeit nicht, da der Versicherte den Hirninfarkt vom 17. Dezember 2002 trotzdem erlitten hätte und bedingt durch diesen trotzdem voll erwerbsunfähig wäre. Somit besteht kein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und der nach dem 2. Mai 2005 anhaltenden Arbeitsunfähigkeit, weshalb die Unfallversicherung für sie nicht aufzukommen hat.

 

Die Frage ob dann, wenn der Versicherte keinen Hirnschlag erlitten hätte, er nach diesem Datum alleine aufgrund der Unfallfolgen trotzdem arbeitsunfähig geblieben wäre, kann dabei offenbleiben, da dieser Kausalitätsverlauf nicht eingetreten ist. Der Unfall wurde als mögliches auslösendes Ereignis der Arbeitsunfähigkeit durch den Hirnschlag gleichsam überholt.

 

5.3 Besteht kein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und der nach dem 2. Mai 2005 andauernden Arbeitsunfähigkeit, so hat die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht zu Recht verneint.

 

Der Unfall wurde als mögliches auslösendes Ereignis der Arbeitsunfähigkeit durch den Hirnschlag überholt:

 

Trotz Wegfall der natürlichen Kausalität liegt kein Revisionsgrund vor

Urteil 8C_268/2020 (BGE 147 V 161) vom 19.04.2021 (Volltext): Überholende Kausallität

 

Sachverhalt:

  • UVG-Invalidenrente von 50 % nach Auffahrunfall am 29.09.1995
  • Jahre nach der Rentenzusprache hat sich eine entzündlich-demyelinisierende Erkrankung des Zentralnervensystems entwickelt, welche ausschliesslich unfallfremd ist. Diese neue Erkrankung - welche für sich alleine zu einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit führt - dominiert nunmehr das medizinische Erscheinungsbild der Versicherten vollständig und maskiert allfällige noch vorhandene Unfallfolgen. Denkt man das Unfallereignis vom 29.09.1995 weg, so entfiele die Erwerbsunfähigkeit nicht. Die heute bestehende Erwerbsunfähigkeit ist somit nicht natürlich kausal auf das Unfallereignis zurückzuführen (E 5.1).  

Unterschied überholende Kausallität und Zusammentreffen verschiedener Schadensursachen:

  • Tritt nach einem Unfallereignis - aber unabhängig von diesem - eine Gesundheitsschädigung auf, welche für sich alleine zu einer vollständigen Erwerbsunfähigkeit führt, so besteht selbst dann kein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und der Erwerbsunfähigkeit, wenn auch das Unfallereignis für sich alleine eine Erwerbsunfähigkeit verursacht hätte (sog. "überholende Kausalität", vgl. Urteile 8C_630/2007 vom 10. März 2008 E. 5.2 und 8C_474/2010 E. 4.3). Denkt man nämlich in jenen Fällen das Unfallereignis weg, so fiele die Erwerbsunfähigkeit nicht dahin (E. 3.4).  
  • Von diesen Fällen der "überholenden Kausalität" zu unterscheiden sind jene, in denen neben dem Unfall noch andere Ursachen im Sinne einer Teilkausalität zum Gesundheitsschaden (bzw. zur Erwerbsunfähigkeit) führen (vgl. BGE 135 V 269 E. 5 S. 276 ff.). In diesen Fällen sind die Leistungen aufgrund des Zusammentreffens verschiedener Schadensursachen soweit zu kürzen, wie dies in Art. 36 UVG vorgesehen ist (E. 3.5).  

Die überholende Kausallität ist kein Rentenrevisionsgrund:

  • Erkrankt die versicherte Person nach der Rentenzusprache, so stellt eine aus dieser Krankheit resultierende vollständige Erwerbsunfähigkeit keinen Revisionsgrund für die Invalidenrente der Unfallversicherung dar (E. 4 und 5).

Vorbestehende, krankheitsbedingte Invalidität

Urteil 8C_127/2018 vom 20.06.2018 (Volltext)

 

Die Versicherte war am 18. August 2010 wegen psychischer Beschwerden krankgeschrieben. Am 27. Oktober 2011 wurde die Versicherte in einen Autounfall verwickel. Die Suva erbrachte die gesetzlichen Leistungen.

 

Die IV-Stelle sprach der Versicherten ab 1. November 2011 bei einem Invaliditätsgrad von 100 % eine ganze Invalidenrente zu. Am 5. Februar 2015 sprach der Versicherten die Suva eine Integritätsentschädigung von 45 % zu. Die Suva verneinte zurecht wegen vorbestehender voller Invalidität den Anspruch auf eine Invalidenrente. 

 

Zum Thema: Urteil U 357/04 vom 22.09.2005 E. 2.4 und 4.3 mit Erwähnung Omlin, a.a.O., S. 146

Kausalität im Rahmen einer Berufskrankheit

BGE 135 V 269 vom 06.07.2009 (Volltext)

 

Art. 6 Abs. 1 UVG; natürlicher Kausalzusammenhang, wenn die Berufskrankheit eine Invalidität bewirkt, welche wegen anderer gesundheitlicher Beeinträchtigungen ohnehin eingetreten wäre.

 

Der Umstand, dass der Versicherte wegen mit der Berufskrankheit nicht in Zusammenhang stehender gesundheitlicher Beeinträchtigungen ohnehin invalid geworden wäre, ändert nichts daran, dass diese Berufskrankheit eine rentenbegründende Invalidität verursachen konnte, bevor andere Beeinträchtigungen ihrerseits die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit des Versicherten beeinflussten. Diesfalls bildet die Berufskrankheit eine Ursache der Invalidität, welche nicht durch andere ursächliche Faktoren "überholt" wurde (E. 5).

Haftpflichtrecht / Strukturiertes Beweisverfahren

Gleiche Handhabung im Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht

Urteil 4A_494/2009 vom 17.11.2009 E. 2.2 (Volltext)

 

Die Grundsätze bezüglich der Tatfrage der natürlichen Kausalität können auch für haftpflichtrechtliche Fälle zur Anwendung gelangen, zumal insoweit - anders als bei der Rechtsfrage der Adäquanz (vgl. BGE 123 III 110 E. 3a und b S. 113 f.; 134 V 109 E. 8.1 S. 119) - Gründe für eine unterschiedliche Handhabung im Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht nicht ersichtlich sind.

Strukturiertes Beweisverfahren ohne Bedeutung für den Nachweis der natürlichen Kausalität

Urteil 8C_181/2019 vom 02.05.2019 E. 5.2 (Volltext)

 

Soweit der Versicherte geltend macht, dass organisch objektiv nicht ausgewiesene Beschwerden vorlägen, deren funktionelle Auswirkungen mittels eines strukturierten Beweisverfahrens nach den Vorgaben von BGE 141 V 281 zu prüfen gewesen wären, vermag er ebenfalls nicht durchzudringen. Denn damit verkennt er, dass sich ein solches Beweisverfahren auf die Ermittlung des funktionellen Leistungsvermögens bezieht und nicht darauf ausgerichtet ist, den Nachweis eines natürlichen Kausalzusammenhangs zu erbringen.  

Leistungsfälle in chronologischer Reihenfolge

5 1/2 Monate nach Auffahrkollision Terminierung

Urteil 8C_408/2019 vom 26.08.2019 (Volltext): Halswirkensäule / Diskushernie

  • Sachverhalt: Auffahrkollision am 22.06.2016
  • Beschwerden: Kopf- und Nackenschmerzen sowie Schwindel
  • Diagnosen: MRI-Untersuchung der Halswirbelsäule veranlasst, die auf Höhe C5/C6 eine mediolinkslaterale Diskushernie mit Eindellung des Myelons sowie Kompression der Nervenwurzel C6 links darstellte.
  • Leistungseinstellung infolge fehlender natürlicher Kausalität: 07.11.2019
  • Begründung: Terminierung gemäss Rechtsprechung 

Medizinrecht > Diskushernie > Anforderungen an eine richtungsgebende Verschlimmerung

Teilkausalität bei komplexem Beschwerdebild mit Todesfolge

Urteil 8C_437/2018 vom 20.05.2019 (Volltext): Teilkausalität / Leistungspflicht liegt vor

 

Sachverhalt

  • Komplexes Beschwerdebild als kranhafter Vorzustand:
    • (u.a. rezidivierende Synkopen ohne Prodromi unklarer Genese;
    • dialysebedürftige Niereninsuffizienz;
    • hypertensive, valvuläre und koronare Herzkrankheit
    • und normokardes Vorhofflimmern)
  • Der Versicherte stürzte während eines stationären Spitalaufenthalts am 14. August 2014 aus dem Rollstuhl.
  • Beim Kopfaufprall erlitt er u.a. eine leichte intracranielle Blutung, was die ihn zu dieser Zeit behandelnden Ärzte im Spital C. dazu bewog, die gegen Lungenembolien geführte Therapie (orale Antikoagulation) zwecks Vermeidung einer erneuten intracraniellen Blutung abzusetzen. 
  • Am 27. August 2014 verschlechterte sich der Allgemeinzustand des zwischenzeitig in die Rehaklinik D. eingewiesenen Versicherten plötzlich und unerwartet. Man entschied sich für ein palliatives Vorgehen, verabreichte an Stelle der bisherigen Medikamente Morphin und stellte die Perionealdialyse ein. Am Folgetag verstarb der Versicherte. 

Überlegungen in E. 3 und 4:

  • Zu Recht herrscht unter den Parteien Einigkeit darüber, dass die beim Sturz entstandenen Hirnblutungen nicht unmittelbar zum Tod des Versicherten geführt haben. Streitig und näher zu prüfen ist hingegen, ob der Sturz - wie das kantonale Gericht erkannt hat - eine indirekte bzw. mittelbare Teilursache für das Ableben darstellt. 
  • Dass das Absetzen der eine Lungenembolie verhindernden oralen Antikoagulation unfallbedingt war, ist unbestritten. Im Streit liegt hingegen, ob sich der Gesundheitszustand des Versicherten am 27. August 2014 tatsächlich infolge aufgetretener Lungenembolie akut verschlechtert hatte und dies letztlich zum Tode geführt hat. 

Begründung für die Leistungspflicht gemäss E. 4.4:

  • Massgeblich ist, dass die Kausalkette, wie von Prof. Dr. med. G. beschrieben, auch von Dr. med. F. als die wahrscheinlichste betrachtet werde; relevant sei, dass der Tod des Versicherten ohne das Sturzereignis überwiegend wahrscheinlich nicht in gleicher Weise bzw. im gleichen Zeitpunkt eingetreten wäre; anders gesagt könne der Unfall bzw. die damit verursachte Gesundheitsschädigung nicht weggedacht werden, ohne dass auch der am 28. August 2014 eingetretene Tod des Versicherten entfiele; damit sei der Kausalzusammenhang rechtsgenüglich ausgewiesen und der Unfallversicherer eine gestützt auf Art. 36 Abs. 2 UVG  allenfalls zu kürzende Hinterlassenenrente geschuldet.  

Trotz geringem Kausalitätsanteil für Gesamtschaden aufkommen

Urteil 8C_172/2018 vom 04.06.2018 (Volltext): Gonarthrose nach Meniskusschaden

 

4.4.2. Gemäss Einschätzung des med. pract. C. ist der Anteil der Teilresektion von Meniskusgewebe an der Arthroseentwicklung mit maximal 25 % zu bewerten. Damit resultiere unfallkausal ein Integritätsschaden von 3,75 % (25 % von 15 %). ...

 

Ist gemäss den vorangehenden Erwägungen erstellt, dass der Unfall vom 23./24. Mai 2014 eine Teilursache der Gonarthrose bildet, so besteht kein Anlass, bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit zwischen unfallbedingten und krankhaften Anteilen des Knieleides rechts zu unterscheiden. ...

 

So gesehen hat die Unfallversicherung systemwidrig auch bei einem geringen Kausalitätsanteil am Gesamtschaden für den gesamten Gesundheitsschaden aufzukommen und Funktionen der Krankenversicherung zu übernehmen. ...

 

Kausalität > Organischer Befund > Unfallbedingte Gonarthrose als organischer Befund

Urteil 8C_377/2012 vom 08.01.2013 E. 4.3 (Volltext): Stark überwiegende Krankheitsfolgen (Schulterverletzung)

 

Handelt es sich beim Ereignis vom 31. August 2007 nicht lediglich um eine (anspruchshindernde) Gelegenheits- oder Zufallsursache, so hat der Unfallversicherer bis zum Erreichen des Status quo sine vel ante und damit dem Wegfall einer Teilursächlichkeit für die Pflegeleistungen und Kostenvergütungen sowie die Taggelder und Hilflosenentschädigungen gemäss Art. 36 Abs. 1 UVG grundsätzlich vollumfänglich aufzukommen, und zwar selbst dann noch, wenn sich die Gesundheitsschädigung bei einer Gewichtung der konkurrierenden Ursachen zum stark überwiegenden Teil als Krankeitsfolge darstellt (Urteil 8C_476/2011 vom 5. Dezember 2011 E. 6.2 mit Hinweis). Fällt die Leistungspflicht mehrerer UVG-Versicherer in Betracht, ist Art. 100 UVV zu beachten.

Vorzustand wird durch Unfall verschlimmert: Übernahme Operationskosten

Urteil 8C_847/2016 vom 05.04.2017 (Volltext): Vorverschiebung Operation genügt für Leistungspflicht

 

5.3.2. ... Ist die Operation somit vorliegend trotz allfälliger vorbestehender Hyperlaxizität beidseits infolge der am 18. August 2014 erlittenen Distorsion früher notwendig geworden, als dies ohne das Unfallereignis der Fall gewesen wäre, so trifft die Unfallversicherung im Zusammenhang mit den Operations- und den Folgekosten wie auch mit der sich daraus ergebenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit eine Leistungspflicht.

 

Denn schafft der Vorzustand eine erst latente Schadensneigung, entspricht er lediglich einer Teilursache. Entsprechend hätte die Suva auch bei einem Vorzustand Versicherungsleistungen zu erbringen, bis mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist, dass der Unfall nicht mehr die natürliche und adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. ...

Urteil U 136/06 vom 01.05.2007 (Volltext): Leistungspflicht für Operation trotz massivem Vorzustand

  • Sachverhalt: Massiver Vorzustand wird durch leichten Unfall verschlimmert.
  • Resultat: Übernahme der Operationskosten durch den UVG-Versicherer

3.2. … Es trifft zu, dass die Gesundheitsschädigung weitestgehend dem massiven Vorzustand zuzuschreiben ist und dem leichten Unfall dementsprechend nur untergeordnete Bedeutung zukommt. Dies genügt aber, um die Haftung des obligatorischen Unfallversicherers zu begründen. Der Umstand, dass die Kniegelenksdistorsion dem zuvor offenbar asymptomatischen Charakter des Knieleidens ein Ende setzte, ändert nichts an dessen Qualität eines spezifischen Ereignisses, das einer eigentlichen Teilursache und nicht einer beliebig austauschbaren Gelegenheits- oder Zufallsursache entspricht (dazu Urteil U 413/05 vom 5. April 2007, E. 4.2).

 

3.2. … Der Rechtsstreit entzündet sich denn auch an der Tatsache, dass der Unfallversicherer die Einstellung seiner Leistungen just auf einen Zeitpunkt wenige Tage vor dem grossen operativen Eingriff terminierte. Weil ein versicherter Unfall auch dann haftungsbegründender Kausalfaktor für eine bestimmte Gesundheitsschädigung sein kann, wenn er für deren Eintritt bloss zeitlich bestimmend war (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181), ist entscheidend, ob die zuvor latente Operationsindikation durch die unfallbedingte Aktivierung des Vorzustands zur akuten geworden ist, der Zeitpunkt des (früher oder später vielleicht ohnehin notwendig gewordenen) Eingriffs mit anderen Worten durch das versicherte Trauma bestimmt wurde, oder aber ob der Operationsbedarf lediglich bei Gelegenheit der unfallbedingten kurativen und diagnostischen Handlungen entdeckt wurde, ohne dass der Zeitpunkt des Eingriffs einen inneren Zusammenhang mit dem Unfall aufwiese.

Schulteroperation nach dritter Schulterluxation

Urteil 8C_337/2016 vom 07.07.2016 (Volltext) : Leistungspflicht Versicherer des dritten Ereignises

 

Sachverhalt:

  • Am 3. November 2010 verdrehte er sich beim Kickbox-Probetraining durch eine "falsche Bewegung" den linken Arm und kugelte sich die Schulter aus.
  • Am 18. Januar 2011 wurde A. in der Universitätsklinik C. an der linken Schulter operiert. Bei diagnostizierter traumatischer antero-inferiorer Schulterinstabilität ohne Hyperlaxität links bei insgesamt dreimaliger Luxation (vom 7. Juli 2006 beim Fussballspielen, vom 3. August 2008 beim Wassertennisspielen und vom 3. November 2010 beim Kickbox-Probetraining) wurde eine offene Stabilisierung nach Latarjet an der linken Schulter durchgeführt.

Resultat:

  • Leistungspflicht liegt vor. 

Aus dem Urteil:

 

4.1.2. Einem Ereignis kommt der Charakter einer anspruchsbegründenden Teilursache zu, wenn das aus der potentiellen pathogenen Gesamtursache resultierende Risiko zuvor nicht dermassen gegenwärtig war, dass der auslösende Faktor gleichsam beliebig und austauschbar erschiene. Dagegen entspricht die unfallbedingte Einwirkung - bei erstelltem Auslösezusammenhang - einer (anspruchshindernden) Gelegenheits- oder Zufallsursache, wenn sie auf einen derart labilen, prekären Vorzustand trifft, dass jederzeit mit einem Eintritt der (organischen) Schädigung zu rechnen gewesen wäre, sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage oder wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass. Wenn ein alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit dieselbe Gesundheitsschädigung hätte bewirken können, erscheint der Unfall nicht als kausal signifikantes Ereignis, sondern als austauschbarer Anlass; es entsteht daher keine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers (...). 

 

4.2.2. Daran ändert nichts, dass ein operativer Eingriff möglicherweise auch ohne Ereignis vom 3. November 2010 früher oder später notwendig geworden wäre. Fest steht jedenfalls, dass die Operation ohne den schädigenden Ablauf beim Kickbox-Probetraining nicht schon am 18. Januar 2011 hätte durchgeführt werden müssen, was für die Leistungspflicht der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit diesem Eingriff genügt (vgl. E. 4.1.1 hiervor)

Vorübergehende Leistungspflicht nach Aktivierung eines stummen Vorzustandes

Urteil 8C_1029/2012 vom 22.05.2013 E. 3.2.2 (Volltext): Rückenverletzung

 

Treten im Anschluss an einen Unfall davor nicht bestandene Beschwerden auf und ist davon auszugehen, dass durch den Unfall lediglich ein (zuvor stummer) Vorzustand aktiviert, nicht aber verursacht worden ist, so hat der Unfallversicherer nur Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom gemäss Art. 36 Abs. 1 UVG zu erbringen. Mit dem Erreichen des Status quo sine vel ante entfällt eine Teilursächlichkeit für die noch bestehenden Beschwerden (Urteil 8C_181/2009 E. 5.4 f. mit Hinweisen).

Verneinung der Leistungsflicht ab Unfalldatum infolge fehlender Kausalität

Urteil 8C_537/2009 vom 03.03.2010 (Volltext): Keine Kausalität für Bagatellunfall

 

Sachverhalt:

  • 1. Auffahrkollission: 27.02.2003 - Leistungsanspruch bis 19.01.2004
  • 2. Auffahrkollission: 05.07.2005 - Fall pendent
  • 3. Auffahrkollission: 10.04.2007 

Verneinung der Leistungspflicht für den Bagatellunfall vom 10.04.2007 infolge fehlendem natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhanges.

 

7. Im vorliegenden Fall zeigen die umfangreichen medizinischen Vorakten, dass die Versicherte bereits vor dem Unfall vom 10. April 2007 wiederholt an Beschwerden namentlich im HWS-Bereich litt und deswegen arbeitsunfähig war. Auch bestehen offensichtlich unfallfremde degenerative Veränderungen an der HWS, welche das Auftreten von Beschwerden zu erklären vermögen. Hinsichtlich des Gesundheitszustandes nach dem erneuten Unfall vom 10. April 2007 liegen nebst der in der Unfallmeldung enthaltenen Selbstdiagnose der Beschwerdeführerin einzig der Unfallschein des behandelnden Arztes und dessen Bericht vom 14. Mai 2007 vor. Die darin beschriebenen Symptome entsprechen den bereits früher geklagten Beschwerden, und es lässt sich aufgrund der ärztlichen Aussagen nicht sagen, der erneute Unfall sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit notwendige Voraussetzung für ihr Auftreten gewesen. Es fehlt demnach am Nachweis eines natürlich kausal auf diesen Unfall zurückzuführenden Gesundheitsschadens. ... 

Richtungsgebende Verschlimmerung infolge konstitutioneller Prädisposition

Urteil 8C_726/2008 vom 14.05.2009 (Volltext): Leistungspflicht für Operation 

 

Sachverhalt:

  • Wundinfektion nach einem Sturz
  • Verzögerte Heilung infolge Veneninsuffizienz führt zu Krampfadergeschwür, welches operiert werden muss.

Resultat:

  • Unfall ist als auslösendes Ereignis eine Teilursache. Begründung: Es ist nicht die Situation gegeben, dass aufgrund des krankhaften Vorzustandes jederzeit, ausgehend von einem beliebigen auslösenden Faktor (Zufallsursache) – etwa einer einfachen Schramme – oder auch spontan, just im Gebiet der beim Unfall entstandenen Wunde eine Geschwür entstehen konnte.
  • Beim Unfall handelt es sich nicht um eine Zufallsursache.
  • Der Status quo sine ist nicht erreicht.