Hauptinhalt

Natürliche Kausalität

In Kürze

Unterschied natürliche Kausalität und Beweisgrad: 

 

Natürliche Kausalität liegt vor, wenn

  • Kausalitätsanteil > 0 %

Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit liegt vor, wenn

  • Aussagesicherheit bei 2 Sachverhaltsvarianten > 50 %

Definition

Natürliche Kausalität liegt vor, wenn Kausalitätsanteil grösser 0 %

BGE 129 V 177 vom 19.12.2002 E. 3.1 (Volltext)

 

Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt zunächst voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann.

 

Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädigende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geistige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche Störung entfiele (BGE 119 V 337 Erw. 1, BGE 118 V 289 Erw. 1b, je mit Hinweisen).

 

Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Verwaltung bzw. im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm obliegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungsanspruches nicht (BGE 119 V 338 Erw. 1, BGE 118 V 289 Erw. 1b, je mit Hinweisen).

Wichtige Theorie

Schleudertrauma der Halswirbelsäule

BGE 117 V 359 vom 04.01.1991 E. 4b (Volltext): Typisches Beschwerdebild

 

Ist ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule diagnostiziert und liegt ein für diese Verletzung typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie

  • diffuse Kopfschmerzen,
  • Schwindel,
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,
  • Übelkeit,
  • rasche Ermüdbarkeit,
  • Visusstörungen,
  •  Reizbarkeit,
  • Affektlabilität,
  • Depression,
  • Wesensveränderung usw.

vor, so ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der danach eingetretenen Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit in der Regel anzunehmen. Es ist zu betonen, dass es gemäss obiger Begriffsumschreibung für die Bejahung des natürlichen Kausalzusammenhangs genügt, wenn der Unfall für eine bestimmte gesundheitliche Störung eine Teilursache darstellt.

 

Kausalität > HWS-Praxis > Fallbearbeitungsprozess (Präzisierung)

Urteil U 215/05 vom 30.01.2007 E. 5 (Volltext): 72-Stunden-Regel / Latenzzeit

 

Nach der Rechtsprechung zu Unfällen mit HWS-Schleudertrauma müssen die Beschwerden in der Halsregion und an der Halswirbelsäule innert maximal 72 Stunden seit dem Versicherungsereignis auftreten, damit die natürliche Kausalzusammehang bejahrt werden kann. Diese Latenzzeit bezieht sich einzig auf die genannten Beschwerden und hat nicht auch die weiteren zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas gehörenden Beschwerden zum Gegenstand.

 

Zum Thema: Urteil U 109/04 vom 23.11.2004 E. 2.2

Wegfall der natürlichen Kausalität (Status quo sine/ante) / Richtungsgebende Verschlimmerung

Urteil 8C_589/2017 vom 21.02.2018 E. 3.1.2 (Volltext)

 

Die vom Unfallversicherer einmal anerkannte Leistungspflicht entfällt erst, wenn dieser nachweist, dass der Gesundheitszustand erreicht ist, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante) oder wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine).

 

Trifft ein Unfall auf einen vorgeschädigten Körper und steht aus ärztlicher Sicht fest, dass weder der Status quo ante noch der Status quo sine je wieder erreicht werden können, so bezeichnet die Rechtsprechung dies als richtunggebende Verschlimmerung.

Gelegenheits- oder Zufallsursache

Urteil 8C_139/2014 vom 10.06.2014 (Volltext): Osteoporose

 

Anamese / Vorzustand:

  • Gleitschirmunfall am 03.08.1991 mit Rückenverletzung
  • Versicherte leidet seit Jahren an Osteoporose der Wirbelsäule

Unfall vom 07.10.2006: 

  • Lendenwirbelfraktur (LWK5) beim Versuch, die ins Stolpern geratende Ehefrau aufzufangen.

Resultat:

  • Der Unfall vom 07.10.2006 gilt als Zufallsursache ohne Leistungspflicht.

Aus dem Urteil:

 

3.3. Vor diesem Hintergrund stufte die Vorinstanz die 2006 erlittene Lendenwirbelfraktur (LWK5) - welche der Versicherte gleich wie die angegebenen lumbalen Rückenbeschwerden auf den seinerzeitigen Unfall vom 7. Oktober 2006 zurückführen will, von der AXA aber nie als unfallkausal anerkannt worden ist - unter Berufung auf das bundesgerichtliche Urteil 8C_380/2011 vom 20. Oktober 2011 (in: SVR 2012 UV Nr. 8 S. 27) als blosse Gelegenheits- oder Zufallsursache ein, welche auf einen derart labilen Vorzustand getroffen sei, dass - sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage heraus, sei es wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass - jederzeit mit einer solchen Schädigung gerechnet werden musste, dem (bagatellären) Ereignis vom 7. Oktober 2006 mithin keine derart signifikante Bedeutung beizumessen sei, dass es eine Leistungspflicht des Unfallversicherers begründen könnte; die unfallmässige Einwirkung habe als anspruchshindernde Gelegenheits- oder Zufallsursache zu gelten, sodass die AXA ihre Leistungspflicht zu Recht verneint habe.  

Urteil U 413/05 vom 05.04.2007 (Volltext): Theorie und Abgrenzungen im Detail

 

Sachverhalt

  • 22. August: Auffahrkollision mit Schleudertrauma (und Kompression des Thorax).
  • 2. September: Thoraxschmerzen mit Blutdruckabfall.
  • 4. September Tod durch Einriss der Körperhauptschlagader (Strukturschwäche).

Resultat: Es handelt sich um eine Gelegenheitsursache gemäss E. 4.2.3

 

Vorzustand nicht zur gleichen Zeit eingetreten

  • Resultat: Leistungsterminierung 

4.2 Nach der Rechtsprechung gehören zu den im Sinne von Art. 6 Abs. 1 UVG massgebenden Ursachen auch Umstände, ohne deren Vorhandensein die gesundheitliche Beeinträchtigung nicht zur gleichen Zeit eingetreten wäre. Eine schadensauslösende traumatische Einwirkung wirkt also selbst dann leistungsbegründend, wenn der betreffende Schaden auch ohne das versicherte Ereignis früher oder später wohl eingetreten wäre, der Unfall somit nur hinsichtlich des Zeitpunkts des Schadenseintritts Conditio sine qua non war. Anders verhält es sich, wenn der Unfall nur Gelegenheits- oder Zufallsursache ist, welche ein gegenwärtiges Risiko, mit dessen Realisierung jederzeit zu rechnen gewesen wäre, manifest werden lässt, ohne im Rahmen des Verhältnisses von Ursache und Wirkung eigenständige Bedeutung anzunehmen.

 

Konstitutionelle Prädisposition / Vulnerabilität

  • Resultat: UVG-Versicherer haftet vollumfänglich

4.2.1 Keine blosse Gelegenheitsursache liegt vor bei ungewöhnlichen Kausalverläufen, bei denen eine konstitutionelle Prädisposition eine zentrale Rolle spielt (zum Begriff vgl. Kräuchi, Die konstitutionelle Prädisposition, Diss. Bern 1998, S. 3 ff.). Die entsprechende Vulnerabilität zieht hier eine besondere Schadensneigung nach sich. Beispielhaft kann der an schwerem Diabetes leidende Industriearbeiter genannt werden, der eine Verätzung am Fuss erleidet, nachdem bei der Arbeit Natronlauge in den Schuh eingetreten ist, und dessen Verletzung - im Verein mit der Zuckerkrankheit - über eine nicht beherrschbare entzündliche Reaktion letztlich zur Amputation des Beins führt (vgl. Morger, Zusammentreffen verschiedener Schadensursachen [Art. 36 UVG], in: Schweizerischer Versicherungskurier 1987, S. 136 f.). Der Unfallversicherer haftet vollumfänglich, obwohl sich die Gesundheitsschädigung bei einer Gewichtung der konkurrierenden Ursachen zum stark überwiegenden Teil als Krankheitsfolge darstellt (Meyer-Blaser, Kausalitätsfragen aus dem Gebiet des Sozialversicherungsrechts, in: SZS 38/1994, S. 100). Wegen der Krankheit allein war im Beispiel keineswegs jederzeit mit einem solchen Geschehen zu rechnen; es bedurfte vielmehr einer nicht alltäglichen und nicht beliebig austauschbaren - spezifischen - weiteren Teilursache, damit der verhängnisvolle Schadensverlauf überhaupt in Gang kam.

 

Krankhafter Vorzustand als latente Schadensneigung

  • Resultat: Es besteht Raum für eine Leistungspflicht des UVG-Versicherers

4.2.2 In den Anwendungsbereich der zitierten Rechtsprechung, wonach zu den massgebenden Ursachen auch Umstände gehören, ohne deren Vorhandensein die gesundheitliche Beeinträchtigung nicht zur gleichen Zeit eingetreten wäre, fällt namentlich die Konstellation, in welcher der krankhafte Vorzustand eine bloss potentielle Gesamtursache bildet. Damit erscheint diese Ursache zwar grundsätzlich geeignet, den Schaden alleine hervorzurufen; mit Blick auf das Stadium der Grunderkrankung oder aufgrund der aktuellen Beschaffenheit der übrigen für den Schadenseintritt relevanten Verhältnisse ist die Realisierungswahrscheinlichkeit des Risikos aber (noch) nicht so gross, dass die Mitwirkung des versicherten Ereignisses zum gegebenen Zeitpunkt als bedeutungslos erschiene. Schafft der krankhafte Vorzustand eine erst latente Schadensneigung, entspricht er lediglich einer Teilursache. Es besteht folglich Raum für eine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers.

 

Unfallereignis als Gelegenheits- oder Zufallsursache

  • Resultat: Keine leistungspflicht des UVG-Versicherers 

4.2.3 Nach dem Gesagten ist der Unfall (anspruchsbegründende) Teilursache, wenn das aus der potentiellen pathogenen Gesamtursache resultierende Risiko zuvor nicht dermassen gegenwärtig war, dass der auslösende Faktor gleichsam beliebig und austauschbar erschiene. Dagegen entspricht die unfallbedingte Einwirkung (hier Kompression des Thorax) - bei erstelltem Auslösezusammenhang - einer (anspruchshindernden) Gelegenheits- oder Zufallsursache, wenn sie auf einen derart labilen, prekären Vorzustand trifft, dass jederzeit mit einem Eintritt der organischen Schädigung zu rechnen gewesen wäre, sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage oder wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass (hier zum Beispiel einer blutdruckerhöhenden Anstrengung). Wenn ein alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit dieselbe Gesundheitsschädigung hätte bewirken können, erscheint der Unfall nicht als kausal signifikantes Ereignis, sondern als austauschbarer Anlass; es entsteht daher keine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers (vgl. Erlenkämper, Arbeitsunfall, Schadensanlage und Gelegenheitsursache, in: Sozialgerichtsbarkeit 1997, S. 359 ff.; Bonnermann, Kausalität und Gelegenheitsursache in der gesetzlichen Unfallversicherung, in: Sozialgerichtsbarkeit 2001, S. 13 f.).

Überholende Kausalität / Vorbestehende Invalidität

Urteil 8C_127/2018 vom 20.06.2018 (Volltext): Vorbestehende, krankheitsbedingte Invalidität

 

Die Versicherte war am 18. August 2010 wegen psychischer Beschwerden krankgeschrieben. Am 27. Oktober 2011 wurde die Versicherte in einen Autounfall verwickel. Die Suva erbrachte die gesetzlichen Leistungen.

 

Die IV-Stelle sprach der Versicherten ab 1. November 2011 bei einem Invaliditätsgrad von 100 % eine ganze Invalidenrente zu. Am 5. Februar 2015 sprach der Versicherten die Suva eine Integritätsentschädigung von 45 % zu. Die Suva verneinte zurecht wegen vorbestehender voller Invalidität den Anspruch auf eine Invalidenrente. 

 

Zum Thema: Urteil U 357/04 vom 22.09.2005 E. 2.4 und 4.3 mit Erwähnung Omlin, a.a.O., S. 146

BGE 135 V 269 vom 06.07.2009 (Volltext): Kausalität im Rahmen einer Berufskrankheit

 

Art. 6 Abs. 1 UVG; natürlicher Kausalzusammenhang, wenn die Berufskrankheit eine Invalidität bewirkt, welche wegen anderer gesundheitlicher Beeinträchtigungen ohnehin eingetreten wäre.

 

Der Umstand, dass der Versicherte wegen mit der Berufskrankheit nicht in Zusammenhang stehender gesundheitlicher Beeinträchtigungen ohnehin invalid geworden wäre, ändert nichts daran, dass diese Berufskrankheit eine rentenbegründende Invalidität verursachen konnte, bevor andere Beeinträchtigungen ihrerseits die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit des Versicherten beeinflussten. Diesfalls bildet die Berufskrankheit eine Ursache der Invalidität, welche nicht durch andere ursächliche Faktoren "überholt" wurde (E. 5).

Urteil 8C_630/2007 vom 10.03.2008 (Volltext): Überholende Kausalität

 

Unfall vom 04.04.2002:

  • Der Versicherte wird durch herabfallende Teile eines Krans getroffen.
  • Er erleidet ein Commotio cerebri, ein cervikozephales Syndrom, eine Distorsion des Sprunggelenks und eine Riss-Quetsch-Wunde am Kopf.
  • Es besteht eine unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit.

Krankheit ab 17.12.2002:

  • Der Versicherte erleidet einen Hirninfarkt

Resultat:

  • Der Unfall wurde als mögliches auslösendes Ereignis der Arbeitsunfähigkeit durch den Hirnschlag gleichsam überholt.

Aus dem Urteil:

 

5.2 Denkt man im Falle der versicherten Person das Unfallereignis vom 4. April 2002 weg, so entfiele die bestehende Arbeitunfähigkeit nicht, da der Versicherte den Hirninfarkt vom 17. Dezember 2002 trotzdem erlitten hätte und bedingt durch diesen trotzdem voll erwerbsunfähig wäre. Somit besteht kein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und der nach dem 2. Mai 2005 anhaltenden Arbeitsunfähigkeit, weshalb die Unfallversicherung für sie nicht aufzukommen hat.

 

Die Frage ob dann, wenn der Versicherte keinen Hirnschlag erlitten hätte, er nach diesem Datum alleine aufgrund der Unfallfolgen trotzdem arbeitsunfähig geblieben wäre, kann dabei offenbleiben, da dieser Kausalitätsverlauf nicht eingetreten ist. Der Unfall wurde als mögliches auslösendes Ereignis der Arbeitsunfähigkeit durch den Hirnschlag gleichsam überholt.

 

5.3 Besteht kein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und der nach dem 2. Mai 2005 andauernden Arbeitsunfähigkeit, so hat die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht zu Recht verneint.

 

Gleiche Handhabung im Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht

Urteil 4A_494/2009 vom 17.11.2009 E. 2.2 (Volltext)

 

Die Grundsätze bezüglich der Tatfrage der natürlichen Kausalität können auch für haftpflichtrechtliche Fälle zur Anwendung gelangen, zumal insoweit - anders als bei der Rechtsfrage der Adäquanz (vgl. BGE 123 III 110 E. 3a und b S. 113 f.; 134 V 109 E. 8.1 S. 119) - Gründe für eine unterschiedliche Handhabung im Sozialversicherungs- und Haftpflichtrecht nicht ersichtlich sind.

Strukturiertes Beweisverfahren ohne Bedeutung für den Nachweis der natürlichen Kausalität

Urteil 8C_181/2019 vom 02.05.2019 E. 5.2 (Volltext)

 

Soweit der Versicherte geltend macht, dass organisch objektiv nicht ausgewiesene Beschwerden vorlägen, deren funktionelle Auswirkungen mittels eines strukturierten Beweisverfahrens nach den Vorgaben von BGE 141 V 281 zu prüfen gewesen wären, vermag er ebenfalls nicht durchzudringen. Denn damit verkennt er, dass sich ein solches Beweisverfahren auf die Ermittlung des funktionellen Leistungsvermögens bezieht und nicht darauf ausgerichtet ist, den Nachweis eines natürlichen Kausalzusammenhangs zu erbringen.  

Weitere Fälle in chronologischer Reihenfolge

5 1/2 Monate nach Auffahrkollision Terminierung

Urteil 8C_408/2019 vom 26.08.2019 (Volltext): Halswirkensäule / Diskushernie

 

  • Sachverhalt: Auffahrkollision am 22.06.2016
  • Beschwerden: Kopf- und Nackenschmerzen sowie Schwindel
  • Diagnosen: MRI-Untersuchung der Halswirbelsäule veranlasst, die auf Höhe C5/C6 eine mediolinkslaterale Diskushernie mit Eindellung des Myelons sowie Kompression der Nervenwurzel C6 links darstellte.
  • Leistungseinstellung infolge fehlender natürlicher Kausalität: 07.11.2019
  • Begründung: Terminierung gemäss Rechtsprechung 

Medizinrecht > Diskushernie > Anforderungen an eine richtungsgebende Verschlimmerung

Teilkausalität bei komplexem Beschwerdebild mit Todesfolge

Urteil 8C_437/2018 vom 20.05.2019 (Volltext): Teilkausalität / Leistungspflicht liegt vor

 

Sachverhalt

  • Komplexes Beschwerdebild als kranhafter Vorzustand:

    • (u.a. rezidivierende Synkopen ohne Prodromi unklarer Genese;
    • dialysebedürftige Niereninsuffizienz;
    • hypertensive, valvuläre und koronare Herzkrankheit
    • und normokardes Vorhofflimmern)

  • Der Versicherte stürzte während eines stationären Spitalaufenthalts am 14. August 2014 aus dem Rollstuhl.
  • Beim Kopfaufprall erlitt er u.a. eine leichte intracranielle Blutung, was die ihn zu dieser Zeit behandelnden Ärzte im Spital C. dazu bewog, die gegen Lungenembolien geführte Therapie (orale Antikoagulation) zwecks Vermeidung einer erneuten intracraniellen Blutung abzusetzen. 
  • Am 27. August 2014 verschlechterte sich der Allgemeinzustand des zwischenzeitig in die Rehaklinik D. eingewiesenen Versicherten plötzlich und unerwartet. Man entschied sich für ein palliatives Vorgehen, verabreichte an Stelle der bisherigen Medikamente Morphin und stellte die Perionealdialyse ein. Am Folgetag verstarb der Versicherte. 

Überlegungen in E. 3 und 4:

  • Zu Recht herrscht unter den Parteien Einigkeit darüber, dass die beim Sturz entstandenen Hirnblutungen nicht unmittelbar zum Tod des Versicherten geführt haben. Streitig und näher zu prüfen ist hingegen, ob der Sturz - wie das kantonale Gericht erkannt hat - eine indirekte bzw. mittelbare Teilursache für das Ableben darstellt. 
  • Dass das Absetzen der eine Lungenembolie verhindernden oralen Antikoagulation unfallbedingt war, ist unbestritten. Im Streit liegt hingegen, ob sich der Gesundheitszustand des Versicherten am 27. August 2014 tatsächlich infolge aufgetretener Lungenembolie akut verschlechtert hatte und dies letztlich zum Tode geführt hat. 

Begründung für die Leistungspflicht gemäss E. 4.4:

  • Massgeblich ist, dass die Kausalkette, wie von Prof. Dr. med. G. beschrieben, auch von Dr. med. F. als die wahrscheinlichste betrachtet werde; relevant sei, dass der Tod des Versicherten ohne das Sturzereignis überwiegend wahrscheinlich nicht in gleicher Weise bzw. im gleichen Zeitpunkt eingetreten wäre; anders gesagt könne der Unfall bzw. die damit verursachte Gesundheitsschädigung nicht weggedacht werden, ohne dass auch der am 28. August 2014 eingetretene Tod des Versicherten entfiele; damit sei der Kausalzusammenhang rechtsgenüglich ausgewiesen und der Unfallversicherer eine gestützt auf Art. 36 Abs. 2 UVG  allenfalls zu kürzende Hinterlassenenrente geschuldet.  

Trotz geringem Kausalitätsanteil für Gesamtschaden aufkommen

Urteil 8C_172/2018 vom 04.06.2018 (Volltext): Gonarthrose nach Meniskusschaden

 

4.4.2. Gemäss Einschätzung des med. pract. C. ist der Anteil der Teilresektion von Meniskusgewebe an der Arthroseentwicklung mit maximal 25 % zu bewerten. Damit resultiere unfallkausal ein Integritätsschaden von 3,75 % (25 % von 15 %). ...

 

Ist gemäss den vorangehenden Erwägungen erstellt, dass der Unfall vom 23./24. Mai 2014 eine Teilursache der Gonarthrose bildet, so besteht kein Anlass, bei der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit zwischen unfallbedingten und krankhaften Anteilen des Knieleides rechts zu unterscheiden. ...

 

So gesehen hat die Unfallversicherung systemwidrig auch bei einem geringen Kausalitätsanteil am Gesamtschaden für den gesamten Gesundheitsschaden aufzukommen und Funktionen der Krankenversicherung zu übernehmen. ...

 

Kausalität > Organischer Befund > Unfallbedingte Gonarthrose als organischer Befund

Urteil 8C_377/2012 vom 08.01.2013 (Volltext): Stark überwiegende Krankheitsfolgen (Schulter)

 

4.3 Handelt es sich beim Ereignis vom 31. August 2007 nicht lediglich um eine (anspruchshindernde) Gelegenheits- oder Zufallsursache, so hat der Unfallversicherer bis zum Erreichen des Status quo sine vel ante und damit dem Wegfall einer Teilursächlichkeit für die Pflegeleistungen und Kostenvergütungen sowie die Taggelder und Hilflosenentschädigungen gemäss Art. 36 Abs. 1 UVG grundsätzlich vollumfänglich aufzukommen, und zwar selbst dann noch, wenn sich die Gesundheitsschädigung bei einer Gewichtung der konkurrierenden Ursachen zum stark überwiegenden Teil als Krankeitsfolge darstellt (Urteil 8C_476/2011 vom 5. Dezember 2011 E. 6.2 mit Hinweis). Fällt die Leistungspflicht mehrerer UVG-Versicherer in Betracht, ist Art. 100 UVV zu beachten.

Vorzustand wird durch Unfall verschlimmert: Übernahme Operationskosten

Urteil 8C_847/2016 vom 05.04.2017 (Volltext): Vorverschiebung Operation genügt für Leistungspflicht

 

5.3.2. ... Ist die Operation somit vorliegend trotz allfälliger vorbestehender Hyperlaxizität beidseits infolge der am 18. August 2014 erlittenen Distorsion früher notwendig geworden, als dies ohne das Unfallereignis der Fall gewesen wäre, so trifft die Unfallversicherung im Zusammenhang mit den Operations- und den Folgekosten wie auch mit der sich daraus ergebenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit eine Leistungspflicht.

 

Denn schafft der Vorzustand eine erst latente Schadensneigung, entspricht er lediglich einer Teilursache. Entsprechend hätte die Suva auch bei einem Vorzustand Versicherungsleistungen zu erbringen, bis mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist, dass der Unfall nicht mehr die natürliche und adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. ...

Urteil U 136/06 vom 01.05.2007 (Volltext): Leistungspflicht für Operation trotz massivem Vorzustand

  • Sachverhalt: Massiver Vorzustand wird durch leichten Unfall verschlimmert.
  • Resultat: Übernahme der Operationskosten durch den UVG-Versicherer

3.2. … Es trifft zu, dass die Gesundheitsschädigung weitestgehend dem massiven Vorzustand zuzuschreiben ist und dem leichten Unfall dementsprechend nur untergeordnete Bedeutung zukommt. Dies genügt aber, um die Haftung des obligatorischen Unfallversicherers zu begründen. Der Umstand, dass die Kniegelenksdistorsion dem zuvor offenbar asymptomatischen Charakter des Knieleidens ein Ende setzte, ändert nichts an dessen Qualität eines spezifischen Ereignisses, das einer eigentlichen Teilursache und nicht einer beliebig austauschbaren Gelegenheits- oder Zufallsursache entspricht (dazu Urteil U 413/05 vom 5. April 2007, E. 4.2).

 

3.2. … Der Rechtsstreit entzündet sich denn auch an der Tatsache, dass der Unfallversicherer die Einstellung seiner Leistungen just auf einen Zeitpunkt wenige Tage vor dem grossen operativen Eingriff terminierte. Weil ein versicherter Unfall auch dann haftungsbegründender Kausalfaktor für eine bestimmte Gesundheitsschädigung sein kann, wenn er für deren Eintritt bloss zeitlich bestimmend war (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181), ist entscheidend, ob die zuvor latente Operationsindikation durch die unfallbedingte Aktivierung des Vorzustands zur akuten geworden ist, der Zeitpunkt des (früher oder später vielleicht ohnehin notwendig gewordenen) Eingriffs mit anderen Worten durch das versicherte Trauma bestimmt wurde, oder aber ob der Operationsbedarf lediglich bei Gelegenheit der unfallbedingten kurativen und diagnostischen Handlungen entdeckt wurde, ohne dass der Zeitpunkt des Eingriffs einen inneren Zusammenhang mit dem Unfall aufwiese.

Schulteroperation nach dritter Schulterluxation

Urteil 8C_337/2016 vom 07.07.2016 (Volltext) : Leistungspflicht Versicherer des dritten Ereignises

 

Sachverhalt:

  • Am 3. November 2010 verdrehte er sich beim Kickbox-Probetraining durch eine "falsche Bewegung" den linken Arm und kugelte sich die Schulter aus.
  • Am 18. Januar 2011 wurde A. in der Universitätsklinik C. an der linken Schulter operiert. Bei diagnostizierter traumatischer antero-inferiorer Schulterinstabilität ohne Hyperlaxität links bei insgesamt dreimaliger Luxation (vom 7. Juli 2006 beim Fussballspielen, vom 3. August 2008 beim Wassertennisspielen und vom 3. November 2010 beim Kickbox-Probetraining) wurde eine offene Stabilisierung nach Latarjet an der linken Schulter durchgeführt.

Resultat:

  • Leistungspflicht liegt vor. 

Aus dem Urteil:

 

4.1.2. Einem Ereignis kommt der Charakter einer anspruchsbegründenden Teilursache zu, wenn das aus der potentiellen pathogenen Gesamtursache resultierende Risiko zuvor nicht dermassen gegenwärtig war, dass der auslösende Faktor gleichsam beliebig und austauschbar erschiene. Dagegen entspricht die unfallbedingte Einwirkung - bei erstelltem Auslösezusammenhang - einer (anspruchshindernden) Gelegenheits- oder Zufallsursache, wenn sie auf einen derart labilen, prekären Vorzustand trifft, dass jederzeit mit einem Eintritt der (organischen) Schädigung zu rechnen gewesen wäre, sei es aus eigener Dynamik der pathogenen Schadensanlage oder wegen Ansprechens auf einen beliebigen anderen Zufallsanlass. Wenn ein alltäglicher alternativer Belastungsfaktor zu annähernd gleicher Zeit dieselbe Gesundheitsschädigung hätte bewirken können, erscheint der Unfall nicht als kausal signifikantes Ereignis, sondern als austauschbarer Anlass; es entsteht daher keine Leistungspflicht des obligatorischen Unfallversicherers (...). 

 

4.2.2. Daran ändert nichts, dass ein operativer Eingriff möglicherweise auch ohne Ereignis vom 3. November 2010 früher oder später notwendig geworden wäre. Fest steht jedenfalls, dass die Operation ohne den schädigenden Ablauf beim Kickbox-Probetraining nicht schon am 18. Januar 2011 hätte durchgeführt werden müssen, was für die Leistungspflicht der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit diesem Eingriff genügt (vgl. E. 4.1.1 hiervor)

Vorübergehende Leistungspflicht nach Aktivierung eines stummen Vorzustandes

Urteil 8C_1029/2012 vom 22.05.2013 E. 3.2.2 (Volltext): Rückenverletzung

 

Treten im Anschluss an einen Unfall davor nicht bestandene Beschwerden auf und ist davon auszugehen, dass durch den Unfall lediglich ein (zuvor stummer) Vorzustand aktiviert, nicht aber verursacht worden ist, so hat der Unfallversicherer nur Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom gemäss Art. 36 Abs. 1 UVG zu erbringen. Mit dem Erreichen des Status quo sine vel ante entfällt eine Teilursächlichkeit für die noch bestehenden Beschwerden (Urteil 8C_181/2009 E. 5.4 f. mit Hinweisen).

Verneinung der Leistungsflicht ab Unfalldatum infolge fehlender Kausalität

Urteil 8C_537/2009 vom 03.03.2010 (Volltext): Keine Kausalität für Bagatellunfall

 

Sachverhalt:

  • 1. Auffahrkollission: 27.02.2003 - Leistungsanspruch bis 19.01.2004
  • 2. Auffahrkollission: 05.07.2005 - Fall pendent
  • 3. Auffahrkollission: 10.04.2007 

Verneinung der Leistungspflicht für den Bagatellunfall vom 10.04.2007 infolge fehlendem natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhanges.

 

7. Im vorliegenden Fall zeigen die umfangreichen medizinischen Vorakten, dass die Versicherte bereits vor dem Unfall vom 10. April 2007 wiederholt an Beschwerden namentlich im HWS-Bereich litt und deswegen arbeitsunfähig war. Auch bestehen offensichtlich unfallfremde degenerative Veränderungen an der HWS, welche das Auftreten von Beschwerden zu erklären vermögen. Hinsichtlich des Gesundheitszustandes nach dem erneuten Unfall vom 10. April 2007 liegen nebst der in der Unfallmeldung enthaltenen Selbstdiagnose der Beschwerdeführerin einzig der Unfallschein des behandelnden Arztes und dessen Bericht vom 14. Mai 2007 vor. Die darin beschriebenen Symptome entsprechen den bereits früher geklagten Beschwerden, und es lässt sich aufgrund der ärztlichen Aussagen nicht sagen, der erneute Unfall sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit notwendige Voraussetzung für ihr Auftreten gewesen. Es fehlt demnach am Nachweis eines natürlich kausal auf diesen Unfall zurückzuführenden Gesundheitsschadens. ... 

Richtungsgebende Verschlimmerung infolge konstitutioneller Prädisposition

Urteil 8C_726/2008 vom 14.05.2009 (Volltext): Leistungspflicht für Operation 

 

Sachverhalt:

  • Wundinfektion nach einem Sturz
  • Verzögerte Heilung infolge Veneninsuffizienz führt zu Krampfadergeschwür, welches operiert werden muss.

Resultat:

  • Unfall ist als auslösendes Ereignis eine Teilursache. Begründung: Es ist nicht die Situation gegeben, dass aufgrund des krankhaften Vorzustandes jederzeit, ausgehend von einem beliebigen auslösenden Faktor (Zufallsursache) – etwa einer einfachen Schramme – oder auch spontan, just im Gebiet der beim Unfall entstandenen Wunde eine Geschwür entstehen konnte.
  • Beim Unfall handelt es sich nicht um eine Zufallsursache.
  • Der Status quo sine ist nicht erreicht.