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Diskushernie / Bandscheinbenvorfall / Lumbalgien / Lumboischialgien

In Kürze

Diskushernien

1. Medizinische Erfahrungstatsache im Unfallversicherungsrecht

  • Praktisch alle Diskushernien entstehen bei Vorliegen degenerativer Bandscheibenveränderungen; nur selten ist der Unfall die eigentliche Ursache.

2. Terminierung der Leistungen ohne unfallbedingten organischen Befund

3. Richtungsgebende Verschlimmerung mit unfallbedingten organischen Befund

Medizin

 

Die Bandscheiben bestehen aus einem Ring aus Bindegewebe und einem weichen, gallertartigen Kern, der für die Beweglichkeit der Wirbelsäule sorgt und als Stossdämpfer wirkt. Beim Bandscheibenvorfall verrutscht der Kern und durchbricht den schützenden Bindegewebsring. Dabei tritt Gallertmasse aus und drückt gegen das Rückenmark oder die Nervenwurzeln

 

Quelle: Hirslanden

Übersicht der Leistungseinstellungen infolge Diskushernien bzw. Rückenverletzungen

Ereignis / Leistungseinstellung nach / Urteil       

Terminierung der Leistungen

Medizinische Erfahrungstatsache im Unfallversicherungsrecht

Urteil 8C_765/2020 vom 04.03.2021 E. 2.3 (Volltext)

 

Es entspricht einer medizinischen Erfahrungstatsache im Bereich des Unfallversicherungsrechts, dass praktisch alle Diskushernien bei Vorliegen degenerativer Bandscheibenveränderungen entstehen und ein Unfallereignis nur ausnahmsweise, unter besonderen Voraussetzungen, als eigentliche Ursache in Betracht fällt (Urteil 8C_552/2020 vom 16. Dezember 2020 E. 3.2 mit Hinweisen).

 

Dasselbe gilt für Diskusprotrusionen, die nach medizinischer Lehrmeinung in der Regel Folge eines degenerativen Prozesses sind (Urteile 8C_154/2016 vom 7. Juni 2016 E. 4.1.2 und 8C_735/2009 vom 2. November 2009 E. 5.1 und 5.3.2).

Grundsatz und Terminierung

Urteil 8C_13/2018 vom 09.05.2018 E. 3.3 (Volltext)

 

Die Leistungspflicht des Unfallversicherers umfasst auch die Beeinträchtigung durch Beschwerden, welche aus einer unfallbedingten (vorübergehenden oder richtunggebenden) Verschlimmerung einer vorbestandenen Diskushernie herrühren.

 

Ist die Diskushernie allerdings bei degenerativem Vorzustand durch den Unfall nur aktiviert, nicht aber verursacht worden, so hat die Unfallversicherung nur Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen. Nach derzeitigem medizinischem Wissensstand kann das Erreichen des Status quo sine bei posttraumatischen

  • Lumbalgien und Lumboischialgien nach drei bis vier Monaten erwartet werden,

wogegen eine allfällige richtunggebende Verschlimmerung röntgenologisch ausgewiesen sein und sich von der altersüblichen Progression abheben muss; eine traumatische Verschlimmerung eines klinisch stummen degenerativen Vorzustandes an der

  • Wirbelsäule ist in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens aber nach einem Jahr

als abgeschlossen zu betrachten.

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_552/2020 vom 16.12.2020 E. 3.2, Urteil 8C_765/2020 vom 04.03.2021 E. 2.3

Nach dem Unfall einsetzende degenerative Veränderungen der Wirbelsäule

Urteil 8C_677/2007 vom 04.07.2008 E. 6.2 (Volltext): Terminierung nach spätestens einem Jahr

 

Auffahrkollision 31.08.2000:

  • Übelkeit, Genickschmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit HWS.

Diagnosen nach Unfall:

  • HWS-Distorsion ohne ossäre Läsionen, Zervikalbrachialsyndorm. MRI per 22.03.2002: Diskopathie L5/S1. 2003 verstärken Schwangerschaft Rückenschmerzen mit zusätzlichen Problemen im Beckenbereich ohne Mitbeteiligung der zervikalen Situation.

Terminierung:

 

Nicht nur bei der traumatischen Verschlimmerung eines klinisch stummen degenerativen Vorzustandes an der Wirbelsäule, sondern auch bei erst nach dem Unfall einsetzenden degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule ist in aller Regel ein Kausalzusammenhang spätestens nach einem Jahr nicht mehr ausgewiesen.

Keine strukturellen Läsionen und keine Wirbelkörperfrakturen

Urteil 8C_14/2013 vom 20.08.2013 E. 4 (Volltext): Terminierung

 

Insbesondere verkennt Dr. med. G. offensichtlich, dass die Beweisregel "post hoc ergo propter hoc" im Sinne der natürlichen Vermutung, Beschwerden müssten unfallbedingt sein, wenn eine vorbestehende Erkrankung der Wirbelsäule bis zum Unfall schmerzfrei war, unfallmedizinisch nicht haltbar und beweisrechtlich nicht zulässig ist, sofern der Unfall - wie hier - keine strukturellen Läsionen an der Wirbelsäule und namentlich keine Wirbelkörperfrakturen verursacht hat.

Fehlender organischer Befund

Urteil 8C_129/2009 vom 15.09.2009 (Volltext): Terminierung

  

Da bei Fehlen unfallbedingter Wirbelkörperfrakturen oder struktureller Läsionen an der Wirbelsäule

  • in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens jedoch nach einem Jahr

davon auszugehen ist, die durch den Unfall verursachte Verschlimmerung des Vorzustandes habe sich auf jenen Zustand zurückgebildet, der sich aufgrund des schicksalsmässigen Verlaufs des krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eingestellt hätte (Urteil U 290/06 E. 4.2.1 mit weiteren Hinweisen), können die über den 18. Juli 2006 hinaus persistierenden Beschwerden nicht durch die organisch nachgewiesenen Wirbelsäuleschäden erklärt werden.

Trotz Operation nach Unfall Wegfall der natürlichen Kausalität

Urteil 8C_412/2008 vom 03.11.2008 (Volltext): Operation bezahlen und terminieren

 

Sachverhalt:

  • Beim Tischtennisspielen in Rotationsbewegung auf den Rücken gestürzt.
  • Diagnose: Osteochondrose L5/S1 mit einer grossen mediolateralen Diskushernie 

Resultat:

  • Bis zum Erreichen des Status quo sine erbringt der UVG-Versicherer gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG Taggelder und Heilungskosten; dazu gehört auch der notwendige operative Eingriff.
  • Trotz Operation nach Diskushernie liegt die natürliche Kausalität bei einer Verschlimmerung eines klinisch stummen degenarativen Vorzustandes spätestens nach einem Jahr nicht mehr vor.

Aus dem Urteil:

 

5.1.2. Ist indessen die Diskushernie bei degenerativem Vorzustand durch den Unfall nur aktiviert, nicht aber verursacht worden, so hat die Unfallversicherung nur Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen (a.a.0.). Solange der Status quo sine vel ante noch nicht wieder erreicht ist, hat der Unfallversicherer diesfalls gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG in aller Regel neben den Taggeldern auch Pflegeleistungen und Kostenvergütungen zu übernehmen, worunter auch die Heilbehandlungskosten nach Art. 10 UVG fallen. Demnach hat die versicherte Person auch Anspruch auf eine - operative Eingriffe mit einschliessende - zweckmässige Behandlung (vgl. Urteile U 351/04 vom 14. Februar 2006).

Richtungsgebende Verschlimmerung ohne Terminierung der Leistungen

Voraussetzungen für unfallbedingte Diskushernien mit richtungsgebender Verschlimmerung

Urteil 8C_765/2020 vom 04.03.3021 E. 2.3 (Volltext)

 

Als weitgehend unfallbedingt kann eine Diskushernie oder -protrusion betrachtet werden,

  • wenn das Unfallereignis von besonderer Schwere und geeignet war, eine Schädigung der Bandscheibe herbeizuführen,
  • und die Symptome der Diskushernie (vertebrales oder radikuläres Syndrom) oder der Diskusprotrusion unverzüglich
  • und mit sofortiger Arbeitsunfähigkeit auftreten.

So muss eine entsprechende richtunggebende Verschlimmerung insbesondere

Röntgenologischer Nachweis der richtungsgebenden Verschlimmerung

Urteil 8C_408/2019 vom 26.08.2019 E. 3.3 (Volltext)

 

So muss eine entsprechende richtunggebende Verschlimmerung insbesondere auch röntgenologisch

  • eine rasche Höhenverminderung der betroffenen Bandscheibe 
  • und das Auftreten oder die Vergrösserung von Randzacken,

ausgewiesen sein und sich von der altersüblichen Progression abheben. In diesen äusserst seltenen Fällen hat die Unfallversicherung auch für Rezidive und allfällige Operationen aufzukommen.

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_552/2020 vom 16.12.2020 E. 3.2

Urteil 8C_217/2013 vom 4.9.2013 E. 3.4 (Volltext): Radiologischer Nachweis

 

Danach kann eine signifikante und damit dauernde Verschlimmerung einer vorbestandenen degenerativen Schädigung der Wirbelsäule nur dann als durch einen Unfall hervorgerufen angesehen werden,

  • wenn die Radioskopie ein plötzliches Zusammensinken der Wirbel
  • sowie das Auftreten und Verschlimmern von Verletzungen auf Grund eines Traumas

aufzeigt.

Schwere des Unfalles

Urteil 8C_151/2012 vom 12.7.2012 E. 4 (Volltext): Unfall geeignet gesunde Bandscheibe zu verletzen

 

Bezüglich der Verschlimmerung eines vorbestehenden Gesundheitsschadens gelten dieselben Kriterien, was dazu führt, dass eine Unfallkausalität nur ausnahmsweise und insbesondere nur dann in Frage kommt, wenn der Unfall auch geeignet gewesen wäre, eine gesunde Bandscheibe zu verletzen (Urteile U 555/06 vom 10. Dezember 2007 E. 4.2.2; U 163/05 vom 3. Oktober 2005 E. 3.1; U 441/04 vom 13. Juni 2005 E. 3.1.).

Spezifische Gutachterfragen

Diskushernien

War das Unfallereignis geeignet, auch eine gesunde Bandscheibe zu verletzen? 

 

Traten die Symptome der Diskushernie unverzüglich und mit sofortiger Arbeitsunfähigkeit auf? 

 

Ist die geltend gemachte Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise Folge des Unfalles vom ...?

 

Liegen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit organisch nachweisbare Unfallfolgen vor? Wenn ja, welche?

Unfallfremde Faktoren:

 

In welchem gesundheitlichen Zustand befand sich die versicherten Person im Zeitpunkt des Unfalles (Vorzustand)?

 

Bei gegebenem Vorzustand: Wurde dieser behandelt und/oder therapiert?

 

Sind seit dem Unfall vom ... weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen (interkurrente Erkrankungen) aufgetreten, die heute das Beschwerdebild mitbestimmen und die nicht als Folge des besagten Unfalles anzusehen sind? Falls ja, welche?

 

Welchen Einfluss haben die unfallfremden Faktoren auf die unfallbedingte Behandlung und eine allfällige unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit und in welchem Ausmass?

Bei Vorliegen unfallfremder Faktoren:

 

Hat der Unfall vom ... zu einer vorübergehenden oder zu einer richtungsgebenden Verschlimmerung der unfallfremden Faktoren geführt?

 

Falls eine richtungsgebende Verschlimmerung vorliegt: Kann kann diese röntgenologisch ausgewiesen werden? Wenn ja, wie hebt sich diese von der altersüblichen Progression ab?

 

Falls es zu einer vorübergehenden unfallbedingten Verschlimmerung kam, ab welchem Zeitpunkt war der Status quo ante (temporäre Verschlimmerung eines Vorzustandes) oder der Status quo sine (schicksalsmässiger Verlauf eines krankhaften Vorzustandes) mit überwiegender Wahrscheinlichkeit wieder erreicht?

 

Wenn der Status quo ante bzw. sine noch nicht erreicht sein sollte, ist mit der Erreichung dieses zu rechnen? Wenn ja, wann?