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Diskushernie / Wirbelsäule / Lumbalgien / Lumboischialgien

 

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Grundsatz und Terminierung

Urteil 8C_13/2018 vom 09.05.2018 E. 3.3 (Volltext)

 

Die Leistungspflicht des Unfallversicherers umfasst auch die Beeinträchtigung durch Beschwerden, welche aus einer unfallbedingten (vorübergehenden oder richtunggebenden) Verschlimmerung einer vorbestandenen Diskushernie herrühren (SVR 2008 UV Nr. 36 S. 137, 8C_637/2007 E. 2.2 mit Hinweisen; vgl. auch SVR 2009 UV Nr. 1 S. 1, 8C_677/2007 E. 2.3.1).

 

Ist die Diskushernie allerdings bei degenerativem Vorzustand durch den Unfall nur aktiviert, nicht aber verursacht worden, so hat die Unfallversicherung nur Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen. Nach derzeitigem medizinischem Wissensstand kann das Erreichen des Status quo sine bei posttraumatischen

  • Lumbalgien und Lumboischialgien nach drei bis vier Monaten erwartet werden,

wogegen eine allfällige richtunggebende Verschlimmerung röntgenologisch ausgewiesen sein und sich von der altersüblichen Progression abheben muss; eine traumatische Verschlimmerung eines klinisch stummen degenerativen Vorzustandes an der

  • Wirbelsäule ist in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens aber nach einem Jahr

als abgeschlossen zu betrachten (Urteil 8C_571/2015 vom 14. Oktober 2015 E. 2.2.3 mit Hinweis; vgl. auch SVR 2009 UV Nr. 1 S. 1, 8C_677/2007 E. 2.3 und 2.3.2 mit Hinweisen).  

Nach dem Unfall einsetzende degenerative Veränderungen der Wirbelsäule

Urteil 8C_677/2007 vom 04.07.2008 (Volltext): Terminierung

 

Auffahrkollision 31.08.2000:

  • Übelkeit, Genickschmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit HWS.

Diagnosen nach Unfall:

  • HWS-Distorsion ohne ossäre Läsionen, Zervikalbrachialsyndorm. MRI per 22.03.2002: Diskopathie L5/S1. 2003 verstärken Schwangerschaft Rückenschmerzen mit zusätzlichen Problemen im Beckenbereich ohne Mitbeteiligung der zervikalen Situation.

Resultat gemäss E. 6.2:

 

Nicht nur bei der traumatischen Verschlimmerung eines klinisch stummen degenerativen Vorzustandes an der Wirbelsäule, sondern auch bei erst nach dem Unfall einsetzenden degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule ist in aller Regel ein Kausalzusammenhang spätestens nach einem Jahr nicht mehr ausgewiesen.

Voraussetzungen für unfallbedingte Diskushernien

Urteil 8C_1014/2010 vom 19.4.2011 E. 3.3.1 (Volltext)

 

Es entspricht einer medizinischen Erfahrungstatsache im Bereich des Unfallversicherungsrechts, dass eine Diskushernie nur dann als weitgehend unfallbedingt betrachtet werden kann,

  • wenn das Unfallereignis von besonderer Schwere und geeignet war, eine Schädigung der Bandscheibe herbeizuführen,
  • und die Symptome der Diskushernie (vertebrales oder radikuläres Syndrom) unverzüglich
  • und mit sofortiger Arbeitsunfähigkeit auftreten

(statt vieler: SVR 2009 UV Nr. 1 S. 1, 8C_677/2007 E. 2.3 mit Hinweisen).

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_209/2014 E. 5.2 vom 03.09.2014

Anforderungen an eine richtungsgebende Verschlimmerung

Urteil 8C_408/2019 vom 26.08.2019 E. 3.3 (Volltext): Röntgenologische Voraussetzungen

 

So muss eine entsprechende richtunggebende Verschlimmerung insbesondere auch röntgenologisch

  • (rasche Höhenverminderung der betroffenen Bandscheibe 
  • und das Auftreten oder die Vergrösserung von Randzacken,

vgl. Urteil U 58/06 vom 2. August 2006 E. 4.3.1) ausgewiesen sein und sich von der altersüblichen Progression abheben. In diesen äusserst seltenen Fällen hat die Unfallversicherung auch für Rezidive und allfällige Operationen aufzukommen.

 

Natürliche Kausalität > Leistungseinstellung nach 5 1/2 Monaten

Urteil 8C_217/2013 vom 4.9.2013 E. 3.4 (Volltext): Radiologischer Nachweis

 

Danach kann eine signifikante und damit dauernde Verschlimmerung einer vorbestandenen degenerativen Schädigung der Wirbelsäule nur dann als durch einen Unfall hervorgerufen angesehen werden,

  • wenn die Radioskopie ein plötzliches Zusammensinken der Wirbel
  • sowie das Auftreten und Verschlimmern von Verletzungen auf Grund eines Traumas

aufzeigt.

Urteil 8C_151/2012 vom 12.7.2012 E. 4 (Volltext): Unfall geeignet gesunde Bandscheide zu verletzen

 

Bezüglich der Verschlimmerung eines vorbestehenden Gesundheitsschadens gelten dieselben Kriterien, was dazu führt, dass eine Unfallkausalität nur ausnahmsweise und insbesondere nur dann in Frage kommt, wenn der Unfall auch geeignet gewesen wäre, eine gesunde Bandscheibe zu verletzen (Urteile U 555/06 vom 10. Dezember 2007 E. 4.2.2; U 163/05 vom 3. Oktober 2005 E. 3.1; U 441/04 vom 13. Juni 2005 E. 3.1).

Urteil 8C_14/2013 vom 20.08.2013 E. 4 (Volltext): Strukturelle Läsionen, Wirbelkörperfrakturen notwendig

 

Insbesondere verkennt Dr. med. G. offensichtlich, dass die Beweisregel "post hoc ergo propter hoc" im Sinne der natürlichen Vermutung, Beschwerden müssten unfallbedingt sein, wenn eine vorbestehende Erkrankung der Wirbelsäule bis zum Unfall schmerzfrei war, unfallmedizinisch nicht haltbar und beweisrechtlich nicht zulässig ist, sofern der Unfall - wie hier - keine strukturellen Läsionen an der Wirbelsäule und namentlich keine Wirbelkörperfrakturen verursacht hat.

Urteil 8C_129/2009 vom 15.09.2009 (Volltext): Diskusprotusion = kein organischer Befund

  

Da bei Fehlen unfallbedingter Wirbelkörperfrakturen oder struktureller Läsionen an der Wirbelsäule in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens jedoch nach einem Jahr davon auszugehen ist, die durch den Unfall verursachte Verschlimmerung des Vorzustandes habe sich auf jenen Zustand zurückgebildet, der sich aufgrund des schicksalsmässigen Verlaufs des krankhaften Vorzustandes auch ohne Unfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eingestellt hätte (SVR 2008 UV Nr. 11 S. 34, U 290/06 E. 4.2.1 mit weiteren Hinweisen), können die über den 18. Juli 2006 hinaus persistierenden Beschwerden nicht durch die organisch nachgewiesenen Wirbelsäuleschäden erklärt werden.

Urteil 8C_63/2009 vom 25.01.2010 E. 6.1 (Volltext): Nachweisversuch durch fMRT

 

fMRT ist für den Nachweis organischer Unfallfolgen auch bei einer Diskushernie nicht geeignet.

Trotz Operation nach Unfall Wegfall der natürlichen Kausalität

Urteil 8C_412/2008 vom 03.11.2008 (Volltext): Operation bezahlen und Terminieren

 

Sachverhalt:

  • Beim Tischtennisspielen in Rotationsbewegung auf den Rücken gestürzt.
  • Diagnose: Osteochondrose L5/S1 mit einer grossen mediolateralen Diskushernie 

Resultat:

  • Bis zum Erreichen des Status quo sine erbringt der UVG-Versicherer gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG Taggelder und Heilungskosten; dazu gehört auch der notwendige operative Eingriff.
  • Trotz Operation nach Diskushernie liegt die natürliche Kausalität bei einer Verschlimmerung eines klinisch stummen degenarativen Vorzustandes spätestens nach einem Jahr nicht mehr vor.

Aus dem Urteil:

 

5.1.2 Ist indessen die Diskushernie bei degenerativem Vorzustand durch den Unfall nur aktiviert, nicht aber verursacht worden, so hat die Unfallversicherung nur Leistungen für das unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen (a.a.0.). Solange der Status quo sine vel ante noch nicht wieder erreicht ist, hat der Unfallversicherer diesfalls gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG in aller Regel neben den Taggeldern auch Pflegeleistungen und Kostenvergütungen zu übernehmen, worunter auch die Heilbehandlungskosten nach Art. 10 UVG fallen. Demnach hat die versicherte Person auch Anspruch auf eine - operative Eingriffe mit einschliessende - zweckmässige Behandlung (vgl. Urteile U 351/04 vom 14. Februar 2006, publ. in: ASS 2006 2 S. 14; U 266/99 vom 14. März 2000).

 

5.1.3 Nach derzeitigem medizinischen Wissensstand kann das Erreichen des Status quo sine bei posttraumatischen Lumbalgien und Lumboischialgien nach drei bis vier Monaten erwartet werden, wogegen eine allfällige richtunggebende Verschlimmerung röntgenologisch ausgewiesen sein und sich von der altersüblichen Progression abheben muss; eine traumatische Verschlimmerung eines klinisch stummen degenerativen Vorzustandes an der Wirbelsäule ist in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens aber nach einem Jahr als abgeschlossen zu betrachten (Urteil des Eidg. Versicherungsgerichts U 354/04 vom 11. April 2005, E. 2.2, mit Hinweisen auch auf die medizinische Literatur).

Spezifische Fragen zur natürlichen Kausalität bei Diskushernien

War das Unfallereignis geeignet, auch eine gesunde Bandscheibe zu verletzen? 

 

Traten die Symptome der Diskushernie (vertebrales oder radikuläres Syndrom) unverzüglich und mit sofortiger Arbeitsunfähigkeit auf? 

 

Ist die geltend gemachte Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise Folge des Unfalles vom ...?

Unfallfremde Faktoren:

 

In welchem gesundheitlichen Zustand befand sich die versicherten Person im Zeitpunkt des Unfalles (Vorzustand)?

 

Bei gegebenem Vorzustand: Wurde dieser behandelt und/oder therapiert?

 

Sind seit dem Unfall vom ... weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen (interkurrente Erkrankungen) aufgetreten, die heute das Beschwerdebild mitbestimmen und die nicht als Folge des besagten Unfalles anzusehen sind? Falls ja, welche?

 

Welchen Einfluss haben die unfallfremden Faktoren auf die unfallbedingte Behandlung und eine allfällige unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit und in welchem Ausmass?

Bei Vorliegen unfallfremder Faktoren:

 

Hat der Unfall vom ... zu einer vorübergehenden oder zu einer richtungsgebenden Verschlimmerung der unfallfremden Faktoren geführt?

 

Falls eine richtungsgebende Verschlimmerung vorliegt: Kann kann diese röntgenologisch ausgewiesen werden? Wenn ja, wie hebt sich diese von der altersüblichen Progression ab?

 

Falls es zu einer vorübergehenden unfallbedingten Verschlimmerung kam, ab welchem Zeitpunkt war der Status quo ante (temporäre Verschlimmerung eines Vorzustandes) oder der Status quo sine (schicksalsmässiger Verlauf eines krankhaften Vorzustandes) mit überwiegender Wahrscheinlichkeit wieder erreicht?

 

Wenn der Status quo ante bzw. sine noch nicht erreicht sein sollte, ist mit der Erreichung dieses zu rechnen? Wenn ja, wann?