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Berufskrankheit > Listenerkrankung

In Kürze und Expertensysteme

Art. 9 Abs. 1 UVG: Listenerkrankung

Expertensysteme: Berufskrankheit

  • Diese Applikation prüft, ob eine Berufskrankheit vorliegt, bestimmt den leistungspflichtigen Versicherer und zeigt die Bearbeitungsprozesse einer Berufskrankheit auf.

Gesetzliche Bestimmungen

Listenerkrankung

Art. 9 Abs. 1 UVG (Art. 9 Abs. 2 UVG: Generalklausel)

 

Als Berufskrankheiten gelten Krankheiten (Art. 3 ATSG), die bei der beruflichen Tätigkeit

verursacht worden sind. Der Bundesrat erstellt die Liste dieser Stoffe und Arbeiten sowie der arbeitsbedingten Erkrankungen.

Schädigende Stoffe und arbeitsbedingte Erkrankungen

Art. 14 UVV

 

Die schädigenden Stoffe und arbeitsbedingten Erkrankungen im Sinne von Artikel 9 Absatz 1 des Gesetzes sind im Anhang 1 aufgeführt.

Anhang 1 UVV

Stand ab 01.04.2018 (Änderungen) 

 

Liste der schädigenden Stoffe und der arbeitsbedingten Erkrankungen nach Artikel 14 UVV:

1. Als schädigende Stoffe im Sinne von Artikel 9 Absatz 1 UVG gelten: 

  • Acetaldehyd
  • Acetate, nur Methyl-, Äthyl-, Butyl-, Amyl-, Vinylacetat
  • Aceton
  • Acetylen
  • Acridin
  • Acrolein
  • Acrylamid
  • Acrylate
  • Aethylenimin
  • Aethylenoxid
  • Aliphatische Amine
  • Alkaloide
  • Alkylamine
  • Aluminiumchlorid
  • Ameisensäure
  • Ammoniak
  • Anthracen
  • Antimon und seine Verbindungen
  • Aromatische Amine
  • Arsen und seine Verbindungen
  • Asbeststaub
  • Barium und seine in verdünnten Säuren löslichen Verbindungen
  • Benzine
  • Benzol
  • Beryllium, seine Verbindungen und Legierungen
  • Bitumen
  • Blei, seine Verbindungen und Legierungen
  • Brom
  • Cadmium und seine Verbindungen
  • Calciumcarbid
  • Calciumhydroxid (gelöschter Kalk)
  • Calciumoxid (gebrannter Kalk)
  • Carbamate und ihre Verbindungen
  • Chlor
  • Chlorkalk
  • Chlorschwefel
  • Chlorsulfonsäure
  • Chromverbindungen
  • Cyan und seine Verbindungen
  • Desinfektionsmittel: Alkohole, Kresole, Aldehyde, Biguanide und quartäre Ammoniumverbindungen
  • Diazomethan
  • Dimethylformamid
  • Dioxan
  • Epoxidharze
  • Essigsäure
  • Essigsäureanhydrid
  • Fluor und seine Verbindungen
  • Formaldehyd
  • Formamid
  • Glutaraldehyd
  • Glykole, ihre Äther und deren Ester
  • Halogenierte organische Verbindungen
  • n-Hexan
  • Holzstaub
  • Hydrazin und seine Derivate
  • Hydroxylamin
  • Isocyanate
  • Isothiazolinone
  • Jod
  • Kaliumchlorat
  • Kaliumhydroxid
  • Kautschukadditive
  • Keten
  • Kobalt und seine Verbindungen
  • Kohlenmonoxid
  • Kolophonium
  • Latex
  • Maleinsäureanhydrid
  • Mangan und seine Verbindungen
  • Methanol
  • Methyläthylketon
  • Mineralöladditive
  • Mineralöle
  • Naphtalin und seine Verbindungen
  • Natriumchlorat
  • Natriumhydroxid
  • Nickel
  • Nickelcarbonyl
  • Nitroglycerin
  • Nitroglykole
  • Nitrose Gase
  • Nitroverbindungen, organische
  • Ozon
  • Para-Phenylendiamin
  • Paraffin
  • Peroxide
  • Persulfate
  • Petrol
  • Phenol und seine Homologen
  • Phenylhydroxylamin
  • Phosgen
  • Phosphor und seine Verbindungen
  • Phthalsäureanhydrid
  • Platin-Komplexsalze
  • Pyridin und seine Homologen
  • Quecksilber, seine Verbindungen und Legierungen
  • Salpetersäure
  • Salpetrige Säure, ihre Salze (Nitrite) und Ester
  • Salzsäure
  • Schwefeldioxid
  • Schwefelkohlenstoff
  • Schwefelnatrium
  • Schwefelsäure, ihre Salze (Sulfate) und Ester
  • Schwefelsäureanhydrid
  • Schwefelwasserstoff
  • Schweflige Säure und ihre Salze (Sulfite)
  • Selen und seine Verbindungen
  • Stickstoffwasserstoffsäure und ihre Salze (Azide)
  • Styrol
  • Sulfurylchlorid
  • Synthetische Kühlschmiermittel
  • Teer
  • Teerpech
  • Tenside
  • Terpentinöl
  • Thalliumverbindungen
  • Thiocyanate (Sulfocyanate)
  • Thionylchlorid
  • Toluol
  • 2,4,6-Trichlor-1,3,5-triazin (Cyanursäurechlorid)
  • Trimellithsäureanhydrid
  • Vanadium und seine Verbindungen
  • Xylole
  • Zement
  • Zink und seine Verbindungen
  • Zinnverbindungen 

2. Als arbeitsbedingte Erkrankungen im Sinne von Artikel 9 Absatz 1 UVG gelten: 

 

a. Erkrankungen durch physikalische Einwirkungen: 

 

Hautblasen, -risse, -schrunden, -schürfungen, -schwielen:

  • Alle Arbeiten 

Chronische Erkrankungen der Schleimbeutel durch ständigen Druck:

  • Alle Arbeiten 

Drucklähmung der Nerven (Karpaltunnelsyndrom (CTS):

  • Alle Arbeiten 

So genannte Sehnenscheidenentzündung (Peritendinitis crepitans):

  • Alle Arbeiten 

Erhebliche Schädigungen des Gehörs:

  • Arbeiten im Lärm 

Erkrankungen durch Arbeit in Druckluft:

  • Alle Arbeiten 

Erfrierungen, ausgenommen Frostbeulen:

  • Alle Arbeiten 

Sonnenbrand, Sonnenstich, Hitzschlag:

  • Alle Arbeiten 

Erkrankungen durch Ultraschall und Infraschall:

  • Alle Arbeiten

Erkrankungen durch Vibrationen (nur radiologisch nachweisbare Einwirkungen auf Knochen und Gelenke, Einwirkungen auf den peripheren Kreislauf, Einwirkungen auf die peripheren Nerven):

  • Alle Arbeiten

Erkrankungen durch ionisierende Strahlen:

  • Alle Arbeiten 

Erkrankungen durch nicht ionisierende Strahlen (Laser, Mikrowellen, Ultraviolett, Infrarot usw.):

  • Alle Arbeiten

 

b. Arbeitsbedingte Erkrankungen/Andere Erkrankungen:

 

Staublungen:

  • Arbeiten in Stäuben von Aluminium, Silikaten, Graphit, Kieselsäure, (Quarz) Hartmetallen 

Erkrankungen der Atmungsorgane:

  • Arbeiten in Stäuben von Baumwolle, Hanf, Flachs, Getreide und deren Mehle von Weizen und Roggen, Enzymen, Schimmelpilzen 

Hautkrebse und hiezu neigende Hautveränderungen:

  • Alle Arbeiten mit Verbindungen, Produkten oder Rückständen von Teer, Pech, Erdpech, Mineralöl, Paraffin 

Infektionskrankheiten:

  • Arbeiten in Spitälern, Laboratorien, Versuchsanstalten und dergleichen 

Durch Kontakt mit Pflanzen verursachte Krankheiten:

  • Arbeiten im Umgang mit Pflanzen und einzelnen Pflanzenbestandteilen

Durch Kontakt mit Tieren verursachte Krankheiten:

  • Tierhaltung und Tierpflege sowie Tätigkeiten, die durch Umgang oder Berührung mit Tieren, mit tierischen Teilen, Erzeugnissen und Abgängen zur Erkrankung Anlass geben; Ein- und Ausladen sowie Beförderung von Waren 

Amöbiasis, Gelbfieber, Hepatitis A, Hepatitis E, Malaria:

  • Beruflich bedingter Aufenthalt ausserhalb Europas 

Ankylostomiasis, Cholera, Clonorchiasis, Filariasis, Hämorrhagische Fieber, Leishmaniasis, Lepra, Onchozerciasis, Salmonellosen, Shigellosen, Schistosomiasis, Strongyloidiasis, Trachom, Trypanosomiasis:

  • Beruflich bedingter Aufenthalt in tropischen/subtropischen Gebieten

Grundsätze

Vorwiegende Verursachung

BGE 119 V 200 vom 07.04.1993 E. 2a (Volltext): Ursachenspektrum mehr als 50 %

 

Nach der Rechtsprechung ist eine "vorwiegende" Verursachung von Krankheiten durch schädigende Stoffe oder bestimmte Arbeiten nur dann gegeben,

  • wenn diese mehr wiegen als alle andern mitbeteiligten Ursachen, mithin im gesamten Ursachenspektrum mehr als 50 % ausmachen.

"Ausschliessliche" Verursachung hingegen meint praktisch 100 % des ursächlichen Anteils der schädigenden Stoffe oder bestimmten Arbeiten an der Berufskrankheit (BGE 117 V 355 E. 2a mit Hinweis).

Medizinische Empirie (Erfahrung) 

Urteil 8C_758/2018 vom 07.01.2019 E. 3.1 (Volltext): Entscheidende Rolle

 

Hervorzuheben ist, dass es angesichts des empirischen Charakters der medizinischen Wissenschaft (BGE 126 V 183 E. 4c S. 189) für den Beweis im Einzelfall eine entscheidende Rolle spielt,

  • ob und inwieweit die Medizin, je nach ihrem Wissensstand in der fraglichen Disziplin, über die Genese einer Krankheit im Allgemeinen Auskunft zu geben oder (noch) nicht zu geben vermag.

Wenn auf Grund medizinischer Forschungsergebnisse ein Erfahrungswert dafür besteht, dass eine berufsbedingte Entstehung eines bestimmten Leidens von seiner Natur her nicht nachgewiesen werden kann, dann schliesst dies den (positiven) Beweis auf eine Ursächlichkeit im Einzelfall aus. Oder mit andern Worten:

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_345/2019 vom 02.09.2019 E. 3.2

Nachweis zwischen beruflicher Tätigkeit und Erkrankung

UVG Ad-Hoc-Empfehlung 08/86 (Volltext): Betriebszugehörigkeit genügt nicht

 

Voraussetzung für das Vorliegen einer Berufskrankheit ist nicht nur der Kausalitätsnachweis zwischen schädigenden Stoffen resp. bestimmter Arbeiten einerseits und der Erkrankung andererseits, sondern auch der Nachweis, dass die Erkrankung durch die berufliche Tätigkeit bedingt ist (vgl. ergänzend Empfehlung 7/83).

 

Dies gilt insbesondere auch für Infektions- und durch Tierkontakt verursachte Krankheiten. Es genügt mithin nicht allein, dass der Versicherte in einem der im Anhang I zur UVV, Ziff. 2, lit. b, Einzug 4 und 5 genannten Betriebe tätig ist bzw. mit Tieren oder deren Bestandteilen in Berührung kommt, vielmehr muss die Krankheit auf die Berufstätigkeit zurückzuführen sein.

Relatives Risiko

Urteil U 293/99 vom 11.05.2000 E. 4b (Volltext): Mehr als 50 % der Erkrankungswahrscheinlichkeit

 

Für die Wahrscheinlichkeitsbeurteilung aufgrund epidemiologischer Untersuchungsergebnisse ist massgebend, inwieweit das Erkrankungsrisiko aufgrund der Exposition gegenüber bestimmten schädigenden Stoffen erhöht ist. Dabei ist auf das sog. relative Risiko abzustellen, d.h. auf das Verhältnis der Erkrankungswahrscheinlichkeit zwischen exponierten und nicht exponierten Personen innerhalb einer bestimmten Bevölkerung und Zeiteinheit. Der Ausdruck (r-1) : r umschreibt das relative Risiko bei einer bestimmten Exposition. Ein relatives Risiko r = 1 bedeutet keine Risikoerhöhung, ein relatives Risiko von >2 besagt, dass mehr als 50 % der Erkrankungswahrscheinlichkeit der Exposition zuzuschreiben ist (Becker, Kausalität und Wahrscheinlichkeit in epidemiologischen Befunden, in Arbeitsmedizin/Sozialmedizin/Präventivmedizin [ASP], 6/1987 S. 151 ff.). Weil eine vorwiegende Verursachung im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG nur gegeben ist, wenn der schädigende Stoff am gesamten Ursachenspektrum mehr als 50 % ausmacht (BGE 119 V 200 Erw. 2a), ist ein relatives Risiko von mehr als 2 vorauszusetzen (2 - 1 : 2 = 0,5 oder 50 %). 

Verschlimmerung einer bestehenden Krankheit

BGE 117 V 356 vom 17.09.1991 (Volltext): Neuer Berufskrankheit gleichgestellt


Eine bereits bestehende Krankheit, die nicht durch die Unfallversicherung gedeckt ist, kann durch Stoffe und Arbeiten im Sinne von Art. 9 Abs. 1 verschlimmert werden. Sofern diese Verschlimmerung zu mindestens 50 % auf die Listenstoffe bzw. - arbeiten zurückgeführt werden kann, wird sie einer neuen Berufskrankheit gleichgestellt.  

Berufswechsel wegen einer Sensibilisierung auf schädliche Stoffe 

BGE 135 V 269 vom 06.07.2009 E. 4 (Volltext): Kann Rentenanspruch begründen

 

Art. 9 Abs. 1 UVG

 

Die Sensibilisierung auf schädliche Stoffe bildet als solche eine Berufskrankheit, wenn sie ausschliesslich oder vorwiegend auf die Ausübung der beruflichen Tätigkeit zurückzuführen ist. Eine Verminderung der Erwerbsfähigkeit wegen eines im Hinblick auf diese Sensibilisierung notwendig gewordenen Berufswechsels kann einen Anspruch auf eine Rente der Unfallversicherung begründen. 

Beispiele gemäss Rechtsprechung und Praxis

Infektionskrankheiten (z. B. Coronavirus / Covid-19)

UVG Ad-Hoc-Empfehlung 01/2003, rev. 23.12.2020: (Volltext)

 

Erkrankungen, die in Anhang 1 Ziffer 2 lit. b UVV nicht namentlich erwähnt sind, sind grundsätzlich als Krankheiten im Sinne von Art. 3 Abs.1 ATSG zu qualifizieren. Leistungen aus UVG können unter dem Titel Berufskrankheit jedoch geschuldet sein, wenn

  • sich eine Erkrankung medizinisch eindeutig einer der in Anhang 1 Ziffer 2 lit. b UVV erwähnten Gruppen von arbeitsbedingten Erkrankungen zuordnen lässt (wie beispielsweise das schwere akute respiratorische Syndrom SARS oder Covid-19 den Infektionskrankheiten oder Ebola sowohl dem hämorrhagischen Fieber als auch den Infektionskrankheiten) und
  • die für diese Gruppe von Erkrankungen zusätzlichen Voraussetzungen erfüllt sind wie beispielsweise bei Infektionskrankheiten Arbeiten in Spitälern, Laboratorien, Versuchsanstalten und dergleichen* oder bei Erscheinungsformen des hämorrhagischen Fiebers der beruflich bedingte Aufenthalt in tropischen/subtropischen Gebieten.

 * Bei Infektionskrankheiten, welche von Mensch zu Mensch übertragen werden, besteht das entscheidende Merkmal der berufsbedingten Exposition darin, dass die konkrete Tätigkeit

  • Arbeiten mit infizierten Patienten (Spitäler) oder
  • Arbeiten mit einer stark infizierten/infizierenden oder kontaminierten Umgebung (Laboratorien/Versuchsanstalten)

bedingt bzw. umfasst. Deshalb ist das versicherte

  • Gesundheits- und Pflegepersonal der ambulanten und stationären Einrichtungen sowie der Pflegeeinrichtungen dem Spitalpersonal

gleichgestellt, soweit es einem spezifischen

  • beruflichen Expositionsrisiko ausgesetzt

ist, indem es

  • direkt infizierte Patienten wegen der Infektion in diesen Einrichtungen behandelt und pflegt.

Dabei übernimmt der UVG-Versicherer bei Vorliegen einer Schadenmeldung und spezifischen Krankheitssymptomen im Einzelfall die Kosten für alle medizinisch notwendigen Abklärungen, auch wenn sich der Krankheitsverdacht in der Folge nicht bestätigt.

 

Führt eine Quarantäne oder Isolation zu einer Arbeitsverhinderung, werden Taggelder bezahlt, sofern sich in der Folge eine Berufskrankheit bestätigt. Abweichende Regelungen von Behörden gehen vor.

 

Kosten für reine Reihenuntersuchungen oder andere Prophylaxemassnahmen ohne konkrete Verdachtsmomente für eine Erkrankung im Sinne von Anhang 1 Ziffer 2 lit. b UVV werden nicht übernommen.

Beweis einer Covid-19-Erkrankung als Berufskrankheit

 

Anwendung von Art. 9 Abs. 1 UVG: Listenerkrankung

 

d. h. vorwiegende Verursachung (> 50 %) durch berufliche Tätigkeit

 

Leistungsvoraussetzung ist, dass die versicherten Personen in Spitälern, Laboratorien, Versuchsanstalten und dergleichen gemäss Anhang 1 Ziff 2 lit. b UVV arbeiten.

 

Fallbearbeitung:

  • Ist die versicherte Person mehrheitlich am Arbeitsplatz bei ihrer beruflichen Tätigkeit dem spezifischen Expositionsrisiko des Coronaviraus (z. B. Arbeiten in der Covid-19-Intensivstation bzw. in der Covid-19-Pflegeabteilung) ausgesetzt, ist dies im Rahmen des Beweisgrades der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ein gewichtiges Indizen für das Vorliegen einer Berufskrankheit gemäss  Anhang 1 Ziff 2 lit. b UVV.
  • Das alleinige Arbeiten z. B. in einem Spital ohne bewussten Kontakt mit infizierten Personen (z. B. Orthopädie, Wäscherei) genügt als alleiniges Argument für den Nachweis für einer Berufskrankheit nicht.
  • Bei der Deckungsprüfung gilt es auch die ausserberuflichen Kontakte abzuklären: Verhalten in der Freizeit (Discobesuch, Chor, u. ä.) vor der Erkrankung, Kontakt mit infizierten Personen im eigenen Haushalt, Kontaktmeldung via Covid-App oder Kontakt-Tracing, usw. 
  • Massgebend ist der Einzelfall, bei welchem das Abwägen der Argumente (berufliche oder private Ansteckung), die für oder gegen eine vorwiegende Verursachung (> 50 %) bei der beruflichen Tätigkeit sprechen.
  • Bei Beweislosigkeit - es spricht so viel dagegen wie dafür (je 50 %) - fällt der Entscheid zu Ungunsten der Partei die Rechte ableitet (Beweislosigkeit bei gemeldeten Berufskrankheiten in der Praxis). 

UVG > Berufskrankheit > Generalkausal > Covid-19-Erkrankung im Rahmen der Generalkausel

Einsatz eines neuen Fleckenschutzmittels

Urteil 8C_345/2019 vom 02.09.2019 (Volltext): Berufskrankheit liegt nicht vor

 

A. war seit 2013 im Betrieb ihres Ehemanns, im Bereich Spezialreinigung von Naturstein beschäftigt (B.) und dadurch bei der Suva für die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen sowie Berufskrankheiten versichert. Am 31. August 2016 meldete sie der Suva, dass sie seit Januar 2016 wegen verschiedener Beschwerden unklarer Ursache voll arbeitsunfähig sei, und ersuchte um Abklärung einer Berufskrankheit. Anlässlich einer Besprechung vom 26. Oktober 2016 gab sie an, dass sie nach dem Einsatz eines neuen Fleckenschutzmittels in einem Schulhaus vom 22. bis zum 24. Dezember 2015 trotz Verwendung einer Aktivkohle-Maske unter Atemproblemen, einem aufgeschwollenen Gesicht, Bewusstseins- und Koordinationsstörungen, Durchfall und Müdigkeit gelitten und extrem empfindlich auf Düfte reagiert habe.

 

5.2.4. Soweit die SMAB-Gutachter die geklagten Beschwerden als MCSS interpretierten, lässt sich damit ein Beweis der Ursächlichkeit durch am Arbeitsplatz eingeatmete Listenstoffe rechtsprechungsgemäss nicht erbringen, da nach dem heutigen Stand der medizinischen Wissenschaft keine Ursache für dieses Syndrom benannt werden kann (vgl. Urteil 8C_758/2018 vom 7. Januar 2019 E. 5).  

Aceton eingeatmet

Urteil 8C_758/2018 vom 07.01.2019 E. 4 und 6 (Volltext): Berufskrankheit liegt nicht vor

 

Gemäss voll beweiskräftigem Gerichtsgutachten des Dr. med. E. sei es dadurch zu einer Lösemittelaufnahme hauptsächlich durch Einatmen gekommen. Die vom Gutachter diagnostizierten Krankheiten - Erschöpfungssyndrom, Diabetes mellitus Typ II, Hypertonie, Lumbovertebralsyndrom, Osteoid-Osteom des Kalkaneus links, chronische Gastritis und Refluxösophagitis bei Hiatushernie, chronische Bronchitis seit 2018 (Status nach Nikotinkonsusum bis 12/2017) - seien nicht ausschliesslich oder überwiegend wahrscheinlich durch den Kontakt mit Aceton (beziehungsweise Methyläthylketon) verursacht oder verschlimmert worden. 

 

Es besteht daher keine Leistungspflicht der Suva aus Berufskrankheit nach Art. 9 Abs. 1 UVG

Benzol-Exposition

Urteil U 293/99 vom 11.05.2000 (Volltext): 14tägige Exposition genügt nicht für Berufskrankheit

 

A. ... Dr. med. C. von der Abteilung Arbeitsmedizin der SUVA aus, dass die leukämieerzeugende Wirkung des Benzols als erwiesen gelte und ein Zusammenhang zwischen Benzol-Exposition und MDS vermutet werde. Die Benzol-Exposition, welcher der Versicherte während seiner mehr als 14-jährigen Tätigkeit als Tankwart ausgesetzt war, sei jedoch nicht annähernd geeignet gewesen, eine maligne Knochenmarkserkrankung auszulösen. ...

 

4.b) ... Nach dem arbeitsmedizinischen Gutachten beträgt das relative Risiko für Leukämie bei einer (längerdauernden) Benzol-Exposition von 1 ppm im Durchschnitt 1,2, was nur wenig über dem Risiko für die Gesamtbevölkerung liegt (und einer berufsbedingten Erkrankungswahrscheinlichkeit von 16 2/3 % entspricht [1,2 - 1 : 1,2 = 0,1666]). Es besteht kein Anlass, diese auf epidemiologische Studien gestützten Angaben in Zweifel zu ziehen. ...

Karpaltunnelsyndrom (CTS)

Urteil 8C_620/2018 vom 16.01.2019 E. 4.1 (Volltext): CTS = BK; vorliegend jedoch nicht

 

Zwar gilt das CTS praxisgemäss als Drucklähmung der Nerven im Sinne von Ziff. 2 lit. a des Anhanges 1 zur UVV, (Urteil U 60/00 vom 4. Mai 2001 E. 1b mit Hinweisen).

 

Zur Erläuterung des MEDAS-Gutachtens führte der Chefarzt der MEDAS-Zentralschweiz, Dr. med. H. auf Anfrage der Suva ergänzend aus, auch wenn das CTS als Listenkrankheit nach Art. 9 Abs. 1 UVG beurteilt werde, stehe insbesondere aufgrund des Diabetes mellitus fest, dass beim Versicherten mehr Gründe für eine mehrheitlich nicht berufsbedingte Genese des CTS sprächen. Gestützt auf diesen Ergänzungsbericht und das MEDAS-Gutachten schlossen Verwaltung und Vorinstanz demnach praxisgemäss zutreffend darauf, dass die berufliche Tätigkeit des Versicherten unter den gegebenen Umständen mit Blick auf alle anderen mitzuberücksichtigenden Ursachen des beidseitigen CTS jedenfalls nicht mit einem Anteil von mehr als 50 % bezogen auf das gesamte Ursachenspektrum zu gewichten ist (vgl. BGE 133 V 421 E. 4.1 S. 425 mit Hinweisen).

Sehnenscheidenentzündung (Peritendinitis crepitans) / Tendovaginitis stenosans De Quervain

Urteil 8C_99/2009 vom 03.07.2009 (Volltext)


3.2 Wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, entspricht die bei der Beschwerdeführerin diagnostizierte Tendovaginitis stenosans De Quervain nicht der im Anhang zur UVV aufgeführten "sogenannten Sehnenscheidenentzündung (Peritendinitis crepitans)".

 

Somit kann das Leiden der versicherten Person nur im Rahmen von Art. 9 Abs. 2 UVG und somit nur dann als Berufskrankheit anerkannt werden, wenn es zu mindestens 75 % durch die berufliche Tätigkeit verursacht worden ist (BGE 126 V 183 E. 4b S. 189, 114 V 109 E. 3 S. 110 f.).

Schädgung des Gehörs

 Urteil 8C_176/2018 vom 27.09.2018 (Volltext): Tinnitus eines Opernsängers (keine Berufskrankheit)

 

Ein beim Opernhaus angestellter Sänger erleidet  ein Gehörtrauma (Tinnitus Grad ll), als bei einer Hauptprobe drei zu laut verstärkte Gongschläge aus dem Lautsprecher ertönten. Gemäss E. 10.4.1  wurde der Grenzwert für eine Gehörschädlichkeit der Gongschläge - wenn überhaupt - nur knapp erreicht. Der Unfallversicherer bejaht den Unfallbegriff. In der Folge wurde die Leistungspflicht nach ca. 2 Jahren infolge fehlendem adäquaten Kausalzusammenhang (Psycho-Praxis) eingestellt. 

 

Gemäss E. 13.1. wurde das Vorliegen einer Berufskrankheit verneint:

 

 Gemäss Gutachen liegt beim Versicherten kein wesentlicher bzw. erheblicher Gehörschaden nach Anhang 1 Ziff. 2 lit. a UVV vorliege. Zudem sind der Tinnitus und die Hyperakusis nicht in diesem Anhang aufgeführt. Deshalb sei eine Berufskrankheit nach Art. 9 Abs. 1 UVG zu verneinen.  

 

Gestützt auf den Bericht des Prof. Dr. med. K. sind der Tinnitus und die Hyperakusis des Versicherten lediglich in überwiegendem Masse auf seine berufliche Tätigkeit zurückzuführen. Deshalb sei die nach Art. 9 Abs. 2 UVG vorausgesetzte ausschliessliche oder stark überwiegende berufliche Verursachung (vgl. hierzu BGE 126 V 183 E. 4b und c S. 189; 8C_73/2017 E. 2.2) nicht erfüllt. 

 Urteil 8C_652/2016 vom 21.02.2017 (Volltext): Hörsturz (keine Berufskrankheit)

 

Hörsturz eines Orchestermusikers. Im vorliegenden Fall kein Nachweis einer vorwiegenden Verursachung des Hörsturzes durch die berufliche Tätigkeit.  

Urteil 8C_698/2016 vom 06.02.2017 (Volltext): Tinnitus / Berufslärmschwerhörigkeit (keine BK)

 

Die SUVA verneint einen Anspruch auf Versicherungsleistungen aufgrund der geltend gemachten Ohrenbeschwerden in Form eines Tinnitus mit leichter Hochtonsenke, da eine Berufslärmschwerhörigkeit aufgrund des gemessenen Lärmexpositionspegels auszuschliessen sei.

 

Das Bundesgericht setzt sich in der E. 3 detailliert mit der Beweislage auseinander.

Urteil U 362/05 vom 06.03.2006 E. 2.1 (Volltext) : Beurteilung der erheblichen Schädigung

 

Erhebliche Schädigungen des Gehörs durch Arbeiten im Lärm stellen arbeitsbedingte Erkrankungen dar (Art. 9 Abs. 1 UVG in Verbindung mit Art. 14 UVV und Ziff. 2 lit. a [Erkrankungen durch physikalische Einwirkungen] des Anhangs 1 zur UVV).

 

Die Schwere der Beeinträchtigung ist aus praktischen Gründen in Prozenten des Hörverlusts zu umschreiben, wobei die Frage, ab welcher prozentualen Grenze ein Hörverlust als erheblich im Sinne der genannten Bestimmung zu qualifizieren ist, sich nicht nach abstrakten medizinischen Kriterien beantworten lässt; vielmehr kommt es darauf an, ob sich der Gehörschaden praktisch in erheblicher Weise auswirkt, indem er zu einer anspruchsbegründenden Erwerbs- oder Integritätseinbusse führt (Urteil M. vom 1. Dezember 2005, U 245/05, Erw. 3.2; Rumo-Jungo, Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum UVG, Zürich 2003, S. 85). 

 

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Pdf-Dateien

Mückenstiche: Malaria, Ebola-Virus-Infektion

UVG Ad-Hoc-Emfpehlung 2/90 (Volltext): BK im Rahmen der beruflichen Tätigkeit prüfen

 

Wenn im Rahmen der beruflichen Tätigkeit bspw. Mückenstiche lokale und/oder systemische Infektionskrankheiten übertragen, dann ist das Vorliegen einer Berufskrankheit (nach Art. 9 UVG) zu prüfen. Das gilt insbesondere für die Malaria (vgl. dazu auch BGE 98 V 166) und für hämorrhagisches Fieber wie bei der Ebola-Virus-Infektion, die gemäss UVV Anhang 1 Ziffer 2 b zu beurteilen sind.

 

Aber auch andere Infektionen, die durch infizierte Stechmücken übertragen werden, wie z.B. mit Dengue/Zika/Chikungunya-Viren, können als Berufskrankheiten übernommen werden, wenn diese stark überwiegend im Rahmen der beruflichen Tätigkeit verursacht wurden (Art. 9 Absatz 2 UVG).

Magenkrebshäufigkeit bei Gummiarbeitern bei Staubexposition

Urteil 8C_429/2013 vom 06.11.2014 (Volltext): Berufskrankheit liegt nicht vor

 

Im vorliegenden Fall liegt keine Berufskrankeit gemäss Art. 9 Abs. 1 UVG, Anhang l Ziff. 1 UVV vor.

 

Beweismässig muss dargetan sein, dass die versicherte Person an ihrer Arbeitsstätte der Einwirkung eines auf der Liste angeführten Stoffes ausgesetzt war und dass diese Einwirkung ausschliesslich oder überwiegend eine Krankheit verursacht bzw. verschlimmert hat (E. 5.1.)

 

Gemäss den Erwägungen des Bundesgerichts im Urteil U 95/06 kann auf die im Gutachten vom 10. April 2006 vertretene Auffassung, wonach die Magenkrebshäufigkeit bei Gummiarbeitern mit der Höhe der Staubexposition zusammenhänge, indessen nur dann abgestellt werden, wenn konkrete, bei der Arbeitgeberfirma während des massgebenden Expositionszeitraums erhobene, quantitative Messdaten oder Zeugenaussagen ehemaliger Mitarbeiter entsprechende Daten bestätigen. Die von den Gutachtern herangezogenen Messwerte aus deutschen Betrieben der Gummiindustrie besagen nur, dass in gewissen Gummiwerken entsprechend hohe Expositionswerte gemessen wurden und Arbeiter generell solchen möglicherweise ausgesetzt waren. Nicht belegt ist damit jedoch, dass der Beschwerdeführer überwiegend wahrscheinlich zu den am meisten exponierten Arbeitern gehörte (E. 7.2.3.2.).

Harnblasen- und Prostatakarzinom eines Kernkraftwerk-Mitarbeiters

Urteil 8C_570/2020 vom 02.11.2020 E. 5.2 und 7 (Volltext): Berufskrankheit liegt nicht vor

 

A. war in den Jahren 2003 und 2004 als Anlagenoperateur im Kernkraftwerk B. und im Jahr 2010 als Sachverständiger für den Schweizerischen Verein für technische Inspektionen (SVTI) im Kernkraftwerk C. tätig. Nachdem bei ihm ein Harnblasen- und ein Prostatakarzinom diagnostiziert worden waren, beantragte er bei der Suva am 3. und 27. Juni 2016 Leistungen aufgrund einer Berufskrankheit.

 

Hinzu kommt, dass gemäss Prof. Dr. E. die Expositionen im Jahr 2010, als der Versicherte als Sachverständiger des SVTI im Kernkraftwerk C. tätig gewesen war, kaum eine Rolle spielen, da sie zeitlich zu nahe am Auftreten der beiden Tumore liegen.

 

 Das kantonale Gericht hat folglich zu Recht die Voraussetzungen einer Berufskrankheit im Sinne von Art. 9 Abs. 1 UVG verneint.

Krebsrisiko durch Strahlenexposition im Niedrigdosenbereich in Kernkraftwerken

Urteil 8C_695/2018 vom 18.03.2019 E. 8.1 (Volltext): Beizug Strahlenbiologie/-physik-/epidemiologie

 

Da die Beurteilung der Strahleneinwirkung in der Regel als schwierig gilt, empfiehlt es sich, nicht nur eine medizinische Fachperson, sondern mit ihr zusammen zugleich eine solche aus dem Bereich Strahlenbiologie/-physik-/epidemiologie damit zu betrauen. 

Urteil 8C_67/2010 vom 08.06.2010 (Volltext): Beurteilung der Deckung durch Helsinki-Kriterien

 

4.1 Nach Lage der Akten verstarb der Versicherte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit an einem Bronchuskarzinom (Lungenkrebs). Ein solches kann asbestbedingt auftreten. Daneben sind aber auch zahlreiche andere Ursachen möglich. Die Diagnose als solche lässt daher keine zuverlässige Beantwortung der Frage zu, ob die Krankheit vorwiegend durch den schädigenden Stoff verursacht wurde und damit als Berufskrankheit zu gelten hat. Stattdessen sind zusätzliche Elemente zu berücksichtigen (vgl. Urteil 8C_762/2008 vom 7. Mai 2009 E. 5.2). Entgegen den Ausführungen der versicherten Person verstösst es nicht gegen die Rechtsgleichheit, wenn Krankheiten, welche fast immer durch Asbest verursacht sind, bei Nachweis einer beruflichen Asbestexposition ohne weiteres als Berufskrankheiten anerkannt werden, während an den Beweis der beruflichen Verursachung bei Krankheiten, die häufig auch ohne Exposition zu einem Giftstoff auftreten, strengere Voraussetzungen gestellt werden. 

 

4.2 Die SUVA orientiert sich bezüglich der Frage, ob ein Bronchuskarzinom durch eine berufliche Asbestexposition verursacht wurde, an den sogenannten "Helsinki-Kriterien". Sie anerkennt eine Berufskrankheit, wenn eine der folgenden Voraussetzungen erfüllt ist (SUVA, Medizinische Mitteilungen 2007 S. 61 ff., S. 64): 

  • eine kumulative Asbestdosis von mindestens 25 sogenannten Faserjahren gemäss Arbeitsanamnese; 
  • bestimmte Befunde der Lungenstaubanalyse (über 2 Mio. [Länge über 5 Mikrometer] resp. über 5 Mio. [Länge über 1 Mikrometer] Amphibolfasern pro Gramm Lungentrockengewicht, über 5000 Asbestkörperchen pro Gramm Lungentrockengewicht, über 5 Asbestkörperchen pro Milliliter BAL [Bronchoalveoläre Lavage]); 
  • eine Asbestose (auch histologisch dokumentierte Minimalasbestose); 
  • bilaterale, diffuse, mit Wahrscheinlichkeit asbestinduzierte Pleuraverdickungen. 

Dabei entspricht ein Faserjahr einer einjährigen arbeitstäglich achtstündigen Einwirkung von 1 Mio. Asbestfasern pro Kubikmeter (entsprechend einer Asbestfaser pro Kubikzentimeter) der kritischen Abmessungen (Länge > 5 Mikrometer, Durchmesser < 3 Mikrometer, Länge-zu-Durchmesser-Verhältnis mindestens 3:1) bei 240 Arbeitstagen (BK-Report 1/2007 des Hauptverbandes der deutschen Berufsgenossenschaften [HVBG], abrufbar unter www.dguv.de, S. 73). 

 

4.3 ... Prof. Dr. med. R. kommt in seiner Expertise zum Schluss, die Helsinki-Kriterien bildeten nach wie vor die wichtigste Grundlage, um eine Asbestexposition aufgrund der Arbeitsanamnese und/oder der spezialisierten Untersuchung von Lungengewebe zu quantifizieren und Aussagen zu machen wie wahrscheinlich eine Asbest-assoziierte Erkrankung vorliege. Diese Kriterien seien durch später erschienene epidemiologische Arbeiten im Wesentlichen bestätigt worden. 

 

4.4 Aufgrund der Expertise erscheint es somit als sachgerecht, dass die Beschwerdegegnerin sich bei der Beantwortung der Frage, ob ein Bronchuskarzinom überwiegend wahrscheinlich vorwiegend durch eine berufsbedingte Asbest-Exposition verursacht wurde, an den sog. Helsinki-Kriterien orientiert. 

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_688/2012 vom 26.02.2013 E. 7.2

Urteil 8C_67/2010 vom 08.06.2010 (Volltext): Unabhängiger Experte notwendig

 

6.6 Da vom konkreten ehemaligen Arbeitsplatz der versicherten Person keine Messung der Asbestfaserkonzentration vorhanden ist, muss die kumulierte Asbestfaserexposition anhand von Erfahrungswerten geschätzt werden. Gemäss den Schätzungen des SUVA-Arbeitssicherheits-Spezialisten E._______ (vgl. die Stellungnahmen vom 5. Juli 2005, vom 22. Mai 2006 und vom 19. Juni 2008) ist davon auszugehen, dass die Konzentration von Asbeststaub in der Luft sowohl bei der Arbeit mit Asbestschnur, als auch bei jener mit Asbestpapier bei maximal einer Faser pro Kubikzentimeter gelegen hat. Ein Abstellen auf die Stellungnahme versicherungsinterner Experten wäre dann möglich, wann auch nicht geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit ihrer Schlussfolgerungen bestehen würden (BGE 135 V 465 E. 4.7 S. 471). Solche werden indessen vorliegend durch den erwähnten BK-Report 1/2007 des HVBG (vgl. E. 4.2 hievor) geweckt. Wie auch von der SUVA nicht in Abrede gestellt wird, handelt es sich bei dieser Publikation um eine wichtige Datenquelle, um die Asbestbelastung der Luft bei verschiedenen Arbeiten retrospektiv beurteilen zu können. Gemäss der Tabelle 7.4 auf Seite 131 dieses Reportes wird für das Verwenden von Asbesttüchern, -platten, -pappen und Schnüren in jedem Gebrauchszustand bei starker mechanischer Belastung, wozu auch das Um- und Abwickeln um Rohre oder Dampfleitungen gehöre, ein Wert von 3 Fasern pro Kubikzentimeter angegeben. Für das Umwickeln von Leitungen mit Asbest-Schnüren (Isolierung) und Verputzen der Oberfläche wird in Tabelle 7.19 auf Seite 151 gar ein Wert von 4 Fasern pro Kubikzentimeter genannt. Ginge man von diesen Werten aus, würde sich für den Versicherten - bei ansonsten gleichen Annahmen - eine kumulierte Asbestexposition von 27 respektive 36 Faserjahren ergeben, womit das Karzinom als vorwiegend durch Asbest verursacht anzusehen wäre. Dieser Widerspruch zwischen den publizierten Erfahrungswerten und den Einschätzungen des SUVA-Experten wird in den Akten nicht aufgelöst. 

 

6.7 Bei dieser Ausgangslage ist die Beschwerde gutzuheissen, der Einsprache- und der vorinstanzliche Gerichtsentscheid sind aufzuheben und die Sache ist an die SUVA zurückzuweisen, damit diese bei einem von ihr unabhängigen Experten eine Einschätzung der kumulierten Asbestexposition des Versicherten einhole und anschliessend über die Ansprüche der Beschwerdeführerin neu entscheide. 

Urteil 8C_872/2013 vom 12.06.2014 E. 4 (Volltext): Asbest-Exposition auf dem Arbeitsweg (keine BK)

 

Ob eine Vergiftung, welche die versicherte Person auf ihrem Arbeitsweg ausserhalb des Verantwortungsbereichs ihres Arbeitgebers durch einen Listenstoff erleidet, grundsätzlich überhaupt als Berufskrankheit anerkannt werden kann, erscheint zweifelhaft, zumal ein Unfall der Versicherten auf dem Arbeitsweg nicht als Berufsunfall qualifiziert worden wäre (vgl. heute Art. 7 Abs. 2 UVG e contrario). Aufgrund der Wohnsituation der Beschwerdeführerin - lediglich 50 Meter von der möglichen Asbeststaub-Quelle entfernt - kann diese Exposition nicht vorwiegend durch den Arbeitsweg bedingt gewesen sein und somit ihre Krankheit nicht vorwiegend auf die berufliche Tätigkeit zurückgeführt werden. Damit ist eine Berufskrankheit zu verneinen; ...

BGE 133 V 421 vom 16.07.2007 (Volltext) 

 

Art. 9 Abs. 1 UVG; Art. 14 UVV; Anhang 1 UVV: Merkmale der Berufskrankheit eines Bronchialkarzinoms nach einer beruflichen Asbeststaubexposition.

 

Eine Asbeststaubexposition kann als überwiegende Ursache für die Entwicklung eines Bronchialkarzinoms nicht zum Vornherein und aus dem alleinigen Grunde ausgeschlossen werden, dass der Versicherte infolge seines starken Zigarettenkonsums ein überdurchschnittliches Risiko der Entwicklung einer solchen Erkrankung zu gewärtigen hatte (E. 5).

 

Die Asbeststaubexposition kann das relative Risiko eines Bronchialkarzinoms auch bei Fehlen von Anzeichen einer begleitenden Asbestose verdoppeln. In casu Frage des Minimalanteils einer Exposition zur Qualifikation des Bronchialkarzinoms als Berufskrankheit bei fehlender Asbestose offen gelassen (E. 7.1).