Hauptinhalt

Unfallähnliche Körperschädigung (UKS) / Listenverletzungen

Inhalt

 

In Kürze

Gesetzliche Bestimmung

Beziehung zum Unfallbegriff und Entscheidungsdiagramm

Listenverletzungen

Rechtsprechung zur generellen Deckungsprüfung 

Mögliche Fragen an versicherte Person und beratender Arzt

Weitere Themen

Rechtsprechung und Praxis zu konkrenten Leistungsfällen in chronologischer Reihenfolge

Expertensysteme: Unfallbegriff und unfallähnliche Körperschädigung 

  • Diese Applikation beurteilt, ob der Unfallbegriff erfüllt ist oder eine gedeckte unfallähnliche Körperschädigung vorliegt.

Interne Links > Verwandte Themen

In Kürze

Unfallähnliche Körperschädigung (UKS)

Nach Art. 6 Abs. 2 UVG wird der Unfallversicherer bei Vorliegen einer diagnostizierten Listenverletzung grundsätzlich leistungspflichtig, solange er nicht den Nachweis dafür erbringt, dass die fragliche Listenverletzung vorwiegend, d.h. im gesamten Ursachenspektrum zu mehr als 50 % auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist. Im Rahmen dieses Entlastungsbeweises ist die Frage nach einem initialen erinnerlichen und benennbaren Ereignis für die Abgrenzung von der Leistungspflicht des Krankenversicherers bedeutsam (Urteil 8C_671/2019 vom 11.03.2020 E. 2.4).

 

Expertensysteme: Unfallbegriff und unfallähnliche Körperschädigung 

  • Diese Applikation beurteilt, ob der Unfallbegriff erfüllt ist oder eine gedeckte unfallähnliche Körperschädigung vorliegt.

Gesetzliche Bestimmung

Unfallähnliche Körperschädigung (UKS)

Art. 6 Abs. 2 UVG

 

Die Versicherung erbringt ihre Leistungen auch bei folgenden Körperschädigungen, sofern sie nicht vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind:

  1. Knochenbrüche;
  2. Verrenkungen von Gelenken;
  3. Meniskusrisse;
  4. Muskelrisse;
  5. Muskelzerrungen;
  6. Sehnenrisse;
  7. Bandläsionen;
  8. Trommelfellverletzungen.

Beziehung zum Unfallbegriff und Entscheidungsdiagramm

Keine subsidiäre Haftung der UKS zum Unfallbegriff

BGE 146 V 51 vom 24.09.2019 E. 9.1 (Volltext): Unfallbegriff erfüllt, Deckungsprüfung der UKS entfällt

 

1. Schritt: Unfallbegriff prüfen:

  • Ist die Listenverletzung auf ein Unfallereignis im Sinne von Art. 4 ATSG zurückzuführen, so ist der Unfallversicherer solange leistungspflichtig, bis der Unfall nicht mehr die natürliche und adäquate Ursache darstellt, der Gesundheitsschaden also nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht.

2. Schritt: Wenn der Unfallbegriff nicht erfüllt ist, unfallähnliche Körperschädigung prüfen:

Entscheidungsdiagramm mit Expertensystem

Das Entscheidungsdiagramm als detailliertes Expertensystem!

Listenverletzungen

Hauptbefund als Listenverletzung

Die Listenverletzung ist vom Arzt zu diagnostizieren.   

 

Lässt sich das klinische Bild mit mehreren Diagnosen umschreiben, so besteht eine Leistungspflicht des Unfallversicherers nur dann, wenn die Listenverletzung den Hauptbefund darstellt (vgl. Urteil des EVG vom 20.08.1997 E. 2.b; BGE 116 V 145 E. 4.d). Zur Listenverletzung hinzutretende Nebenbefunde sind ebenfalls zu übernehmen.

 

Handelt es sich hingegen um zwei oder mehrere voneinander trennbare Beschwerdebilder, greifen Art. 36 UVG und Art. 64 Abs. 3 und 4 ATSG nicht ein. 

Knochenbrüche

(Art. 6 Abs. 2 lit a UVG)

 

Die Osteochondrosis dissecans (Erweichung und Herauslösung eines Knochen- und Knorpelstückes aus einer Gelenkfläche) ist keine Fraktur, die unter Art. 6 Abs. 2 UVG fällt. Wenn kein Unfallereignis nachgewiesen ist, gilt sie als Krankheit.

Verrenkungen von Gelenken

(Art. 6 Abs. 2 lit. b UVG)

 

Gemäss Urteil 8C_1000/2008 vom 27.2.2009 erfasst die Diagnose 'Verrenkung von Gelenken' nur eigentliche Gelenksverrenkungen (Luxationen), nicht aber unvollständige Verrenkungen (Subluxationen) oder Torsionen (Verdrehungen) und Distorsionen (Vertauchungen).

 

Urteil 8C_552/2008 vom 29.1.2009 E. 6.1: Eine Subluxation bedeutet keine vollständige, vollendete oder vollzogene Luxation; deshalb kann die strittige Subluxation des Sternoklavikulargelenkes nicht als Listenverletzung im Sinne von Art. 6 Abs. 2 UVG anerkannt werden.

 

Nicht als Verrenkungen gelten Torsionen (= Verdrehungen), Distorsionen (= Verstauchungen), die durch gewaltsame übermässige Bewegung zu einer Zerrung der Gelenkkapselbänder führen.

Meniskusrisse

(Art. 6 Abs. 2 lit. c UVG)

 

Urteil 8C_865/2013 vom 13.03.2014 E. 4.2: Bei einem Knorpelschaden und beim während der Operation gefundenen 'Ausfransung am lateralen Meniskus-Vorderhorn' handelt es sich nicht um einen eigentlichen Meniskusriss.

 

In Bezug auf den Riss im Discus triangularis ist gemäss Urteil 8C_671/2019 vom 11.03.2020 E. 5.2 darauf hinzuweisen, dass rechtsprechungsgemäss unter Art. 6 Abs. 2 lit. c UVG (Meniskusrisse) nur eine entsprechende Verletzung am Knie zu subsumieren ist und eine analogieweise Ausdehnung des Begriffs des Meniskus auf andere Körperstellen von vergleichbarer Natur und mit gleicher Funktion ausser Betracht fällt.

 

Gemäss Urteil 8C_141/2013 vom 08.05.2013. E. 5 fällt eine analogieweise Ausdehnung des Begriffs des Meniskus auf andere Körperstellen von vergleichbarer Natur und mit gleicher Funktion aus den Gründen, die das Bundesgericht im Fall eines Risses der Hüftgelenkpfannenlippe eingehend erörtert hat, ausser Betracht (8C_118/2011 E. 4.3.3).

 

Formulare:

Muskelrisse 

(Art. 6 Abs. 2 lit. d UVG)

 

Muskelfaserrisse (Risse einzelner Muskelbündel) gelten auch als Listenverletzungen gemäss lit. d.

Muskelzerrung

(Art. 6 Abs. 2 lit. e UVG)

 

Wenn eine Muskelzerrung im Bereich des Rückens als Nebenbefund einer Lumbago, einer Diskopathie oder einer lumbagoähnlichen Verletzung diagnostiziert wird, ist sie nicht unter lit. e zu subsumieren (BGE 116 V 145 ff.).

 

Lumbago ist keine Listenverletzung (116 V 153 E. 5c und d).

Sehnenrisse

(Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG)

 

Sehnen sind die Endstücke der Muskeln, die sie im Knochen verankern.

 

Diagnosen gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG sind Sehnenrisse und Sehnenteilrisse, sofern diese eindeutig festgestellt wurden. Keine Diagnosen gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG sind Sehnenläsionen (Zerrungen und Dehnungen).

 

Die Leistungspflicht beschränkt sich gemäss Urteil 8C_245/2015 vom 19.8.2015 E. 2 streng auf Sehnenrisse. Ausgeschlossen ist insbesondere der Einbezug der übrigen Sehnenpathologie, einschliesslich der Krankheiten des Begleitgewebes. Ein partieller Sehnenriss reicht für die Übernahme von Leistungen nur dann aus, wenn er zweifelsfrei nachgewiesen ist.

 

Praxis zu SLAP-Läsionen in Ergänzung zum Urteil 8C_835/2013 vom 28.01.2014 E. 4.2 und 4.3: SLAP-Läsionen Typ l und lll können nicht als Sehnenrisse im Sinne von Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG qualifiziert werden; bei Typ l und lll handelt es sich analog dem Urteil 8C_835/2013 vom 28.01.2014 nur um eine Verletzung des Labrum glenoidale. Bei SLAP-Läsionen Typ ll und lV mit betroffener Sehne ist jedoch von einer Listenverletzungen gemäss Art. 6 Abs. 2 lit. f UVG auszugehen.

   

Eine Rotatorenmanschettenruptur gilt als gedeckter Sehnenriss (Urteil 8C_381/2014 vom 11.06.2015).

Bandläsionen

(Art. 6 Abs. 2 lit. g UVG)

 

Risse, Zerrungen und blosse Dehnungen von Bändern gelten als gedeckte Bandläsionen (BGE 114 V 298 E. 3d).

 

Diskushernie und Lumbago (Hexenschuss)  sind keine Listenverletzungen, so auch keine Bandläsionen (BGE 116 V 145 E. 5d).

 

Der Discus triangularis ist lediglich Teil des ulnocarpalen Komplexes TFCC, jedoch selbst kein Bänderkomplex, weshalb dessen Einriss nicht unter eine Bandläsion nach Art. 6 Abs. 2 lit. g UVG fällt (Urteil 8C_671/2019 vom 11.03.2020 E. 5.2).

Trommelfellverletzung

Rechtsprechung zur generellen Deckungsprüfung

Bedeutung initiales Ereignis / Deckungsprüfungen

BGE 146 V 51 vom 24.09.2019 E. 8.6 (Volltext)

 

Insoweit ist die Frage nach einem initialen erinnerlichen und benennbaren Ereignis - nicht zuletzt auch aufgrund der Bedeutung eines zeitlichen Anknüpfungspunktes

auch nach der UVG-Revision relevant.

 

Zu betonen ist aber, dass der Unfallversicherer bei Vorliegen einer Listenverletzung grundsätzlich in der Pflicht steht, Leistungen zu erbringen, solange er nicht den Nachweis für eine vorwiegende Bedingtheit durch Abnützung oder Erkrankung erbringt. Dies setzt voraus, dass er im Rahmen seiner Abklärungspflicht (vgl. Art. 43 Abs. 1 ATSG) nach Eingang der Meldung einer Listenverletzung die Begleitumstände der Verletzung genau abklärt.

  • Lässt sich dabei kein initiales Ereignis erheben oder lediglich ein solches ganz untergeordneter resp. harmloser Art, so vereinfacht dies zwangsläufig in aller Regel den Entlastungsbeweis des Unfallversicherers.

Denn bei der in erster Linie von medizinischen Fachpersonen zu beurteilenden Abgrenzungsfrage ist das gesamte Ursachenspektrum der in Frage stehenden Körperschädigung zu berücksichtigen. Nebst dem Vorzustand sind somit auch die Umstände des erstmaligen Auftretens der Beschwerden näher zu beleuchten. 

Vorwiegende Verursachung heisst Vorzustand (Abnützung/Erkrankung) grösser 50 %

BGE 146 V 51 vom 24.09.2019 E. 8.6 (Volltext): Gewichtung / Voraussetzungen Entlastungsbeweis

 

Die verschiedenen Indizien, die für oder gegen Abnützung oder Erkrankung sprechen, müssen aus medizinischer Sicht gewichtet werden.

 

Damit der Entlastungsbeweis gelingt, hat der Unfallversicherer gestützt auf beweiskräftige ärztliche Einschätzungen - mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit - nachzuweisen, dass die fragliche Listenverletzung vorwiegend,

  • d.h. im gesamten Ursachenspektrum zu mehr als 50 %,

auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist.

Terminierung bei Wegfall der natürlichen Kausalität

Urteil 8C_22/2019 vom 24.09.2019 (Volltext)

 

3. Schliesslich hat die Vorinstanz zu Recht darauf hingewiesen, dass der Versicherungsträger die vorübergehenden Leistungen ohne Berufung auf einen Wiedererwägungs- oder Revisionsgrund "ex nunc et pro futuro" einstellen kann, etwa mit dem Argument, bei richtiger Betrachtung liege kein versichertes Ereignis vor (BGE 130 V 380 E. 2.3.1 S. 384), oder der Kausalzusammenhang zwischen Unfall und dem leistungsbegründenden Gesundheitsschaden sei dahingefallen. Eine solche Einstellung kann auch rückwirkend erfolgen, sofern - wie vorliegend - der Unfallversicherer keine Leistungen zurückfordern will. 

 

8. 6. Zu betonen ist aber, dass der Unfallversicherer bei Vorliegen einer Listenverletzung grundsätzlich in der Pflicht steht, Leistungen zu erbringen, solange er nicht den Nachweis für eine vorwiegende Bedingtheit durch Abnützung oder Erkrankung erbringt.

Mögliche Fragen an versicherte Person und beratender Arzt

Zusatzfragen zur Unfallmeldung an die versicherte Person

Dossier:
Versicherte Person:

  • Liegt ein initales Ereignis vor, welche die Beschwerden ausgelöst hat? Wenn ja, in welcher Art?
  • Beschreiben Sie im Detail die Umstände, die zum erstmaligen Auftreten der Beschwerden geführt haben.
  • Hatten Sie an dem zur Diskussion stehenden Körperteil schon früher krankheitsbedingte Beschwerden? Wenn ja, wann, behandelnder Arzt, Krankenversicherer und Versichertennummer? 
  • War der zur Diskussion stehenden Körperteil schon früher Bestandteil einer unfallbedingten Behandlung? Wenn ja, Unfalldatum, behandelnder Arzt, damaliger Arbeitgeber, zuständiger Unfallversicherer und ev. Unfallnummer?
  • Ihre Bemerkungen
  • Telefonnummer für Rückfragen

Ort, Datum und Unterschrift

Massgebende Fragen an den beratenden Arzt

Bei Knieverletzungen bei Bedarf detaillierter Ergänzungbericht Knie (Word Pdf  elektronisch ausfüllen) beilegen.

 

Dossier:

Versicherte Person:

Beilagen: Unfallmeldung, Protokoll versicherte Person, medizinische Akten (dokumentierte Vorstände, aktuelle Berichte inkl. Röntgenbilder, MRT)

 

Ort, Datum und Unterschrift

Weitere Themen

Nicht unfallbedingte Schäden an Sachen

Art. 9 UVV

 

Keine Körperschädigung im Sinne von Artikel 6 Absatz 2 des Gesetzes stellen nicht unfallbedingte Schäden an Sachen dar, die infolge einer Krankheit eingesetzt wurden und einen Körperteil oder eine Körperfunktion ersetzen.

Beispiele zu Art. 9 UVV:

  • Spontanluxationen von Silastic-Prothesen am Handgelenk;
  • Luxationen von Hüftgelenk-Totalprothesen (oft bereits in der ersten Nacht nach der Operation!);
  • Spontanrupturen an Kunststoffbändern, vor allem am Kreuzbandersatz im Kniegelenk.
  • In naher Zukunft wird ferner mit der Implantation künstlicher Menisken (vom Tier oder aus Kunststoff) mit entsprechenden Komplikationen zu rechnen sein.

Anders verhält es sich, wenn ein Unfall zum Schaden führt. Unter solchen Umständen hat der für den Schaden leistungspflichtige Versicherer im Rahmen von Art. 12 UVG in Verbindung mit Art. 36 UVG die Kosten zu übernehmen.

Übergangsbestimmungen

Ziffer II

 

1 Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausgebrochen sind, werden nach bisherigem Recht gewährt.

Rechtsprechung und Praxis zu konkreten Leistungsfällen in chronologischer Reihenfolge

Steissbeinfraktur während einer Geburt

Sachverhalt:

  • Im Rahmen einer Geburt bricht sich die versicherte Person das Steissbein.

Diagnose:

UVG-Deckung liegt vor:

(Beurteilung durch Michael Keller vom 30.11.2022)

Schulterverletzung beim Hochheben einer Schutzhaube

Urteil 8C_85/2022 vom 10.05.2022 (Volltext): UVG-Deckung liegt nicht vor

 

Sachverhalt:

  • Gemäss Unfallmeldung traten starke Schmerzen in der linken Schulter auf, nachdem der Versicherte eine Schutzhaube einer Maschine einhändig statt zweihändig hochgehoben hatte.

Diagnose:

  • Reizung der Bizepssehe bei degenerativem Vorzustand

Beurteilung:

Rippenbruch nach starkem Niesen bzw. Husten

Sachverhalt:

  • Im Rahmen von starkem Niesen bzw. einem Hustenanfall bricht sich die versicherte Person ein Rippe.

Diagnose:

UVG-Deckung liegt vor:

(Beurteilung durch Michael Keller vom 05.04.2022)

Achillessehnenruptur bei einer Stop-and-Go-Bewegung

Urteil 8C_593/2021 vom 06.01.2022 (Volltext): UVG-Deckung liegt vor

 

Sachverhalt:

  • Der Versicherte hat während des Badmintonspiels bei einer "Stop-and-Go"-Bewegung von hinten vom Feld nach vorne zum Netz einen Knall gehört und zugleich einen Spannungsverlust in der rechten Achillessehne verspürt. 

Diagnose:

Entlastungsbeweis nicht möglich: 

  • Im hier zu beurteilenden Sachverhalt ist im Gegensatz zum Urteil 8C_13/2021 vom 06.09.2021 gerade nicht erstellt, dass die Achillessehne des Versicherten im Zeitpunkt des Ereignisses bereits Texturstörungen resp. degenerative Veränderungen aufwies. Das mag zwar der Tatsache geschuldet sein, dass vorliegend auf ereignisnahe bildgebende oder histologische Untersuchungen verzichtet wurde. Dieser Umstand darf sich aber nicht zu Ungunsten des Versicherten auswirken, trägt doch der UVG-Versicherer die Beweislast für den Nachweis einer vorwiegend auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführenden Listenverletzung (E. 5.2.1).
  • Dabei kann aber nicht von vornherein gesagt werden, bei der fraglichen "Stop-and-Go"-Bewegung im Rahmen des Badmintonspiels handle es sich um ein Ereignis ganz untergeordneter oder harmloser Art. Zum einen ist unbestritten, dass die Achillessehne des Versicherten bei dieser Belastung gerissen ist. Zum anderen gehen sowohl die operierende Ärztin als auch der behandelnde Physiotherapeut von einer geradezu typischen Sportverletzung aus (E. 5.2.3).
  • Dem UVG-Versicherer ist der Entlastungsbeweis nach Art. 6 Abs. 2 UVG nicht gelungen; es liegt eine gedeckte unfallähnliche Körperschädigung vor (E. 5.2.4).

Schulterverletzung beim planmässigen Heben einer schweren Kartonschachtel

Urteil 8C_630/2020 vom 28.01.2021 (Volltext): Listenverletzung liegt vor / Entlastungsbeweis erbracht

 

Sachverhalt:

  • Die 57-jährige Versicherte hat beim planmässigen Heben einer schweren Kartonschachtel mit Keramik-Platten sofort einen starken Schmerz in der linken Schulter verspürt.

Diagnose:

Entlastungsbeweis:

  • Für eine frische Rotatorenmanschettenruptur brauche es laut versicherungsmedizinischer Literatur das Element der Luxation, Verrenkung oder heftigen exzentrischen Belastung mit Rotationskomponente. Bei derartigen Traumatisierungen seien Begleitverletzungen obligat zu erwarten. Dazu gehöre das Knochenödem (Bone Bruise). Eine degenerative Vorschädigung sei aufgrund der intraoperativ erhobenen Befunde überwiegend wahrscheinlich. Der vom Versicherten demonstrierte Vorgang sei nicht geeignet, eine Rotatorenmanschette zu zerreissen. Dr. med. H. zeigte schlüssig auf, dass die Begleitverletzungen nicht mit einer frischen traumatischen Schädigung zu vereinbaren seien, welche durch den geltend gemachten Bewegungsablauf hätte verursacht werden können. Auch SLAP-Läsionen seien in der Regel degenerativer Natur.

Spitalbett verschieben mit Zwick in der Schulter

Urteil 8C_819/2019 vom 26.02.2020 (Volltext): Listenverletzung liegt vor / Entlastungsbeweis erbracht

 

Sachverhalt:

  • Die 52-jährige Versicherte verspürte beim Verschieben eines Spitalbettes einen "Zwick" in der linken Schulter.

Diagnose:

Entlastungsbeweis:

  • Für den Entlastungsbeweis gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG hat der Unfallversicherer gestützt auf beweiskräftige ärztliche Einschätzungen - mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit - nachzuweisen, dass die fragliche Listenverletzung vorwiegend, das heisst im gesamten Ursachenspektrum zu mehr als 50 %, auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen ist (E. 6.3). 
  • Gestützt darauf hat es aus dem Vergleich des detailliert dokumentierten - bereits im Sommer 2017 symptomatisch gewesenen - Vorzustandes an der linken Schulter (vgl. unter anderem das Arthro-MRI vom 26. Juli 2017) mit der Operationsdiagnose vom 16. Oktober 2018 unter Berücksichtigung des geltend gemachten Verletzungsmechanismus zutreffend erkannt, dass der am 16. Oktober 2018 operierte Supraspinatussehnenriss an der linken Schulter zu mehr als 50 % auf Abnützung zurückzuführen ist (E. 6.3.2). 

An schwerem Seil gezogen mit Schulterverletzung

Urteil 8C_618/2019 vom 18.02.2020 (Volltext): Listenverletzung liegt vor / Entlastungsbeweis offen

 

Sachverhalt:

  • Der 61-jährige Versicherte habe den Seilbagger deshalb alleine abgebaut. Dabei habe er ein schweres Seil (200 kg) gezogen, welches normalerweise mit sechs Personen gezogen werde. Plötzlich habe er im Arm keine Kraft mehr gehabt und in der rechten Schulter Schmerzen verspürt.

Diagnose:

Entlastungsbeweis:

  • Unter diesen Umständen kann die gesetzliche Vermutung, beim Versicherten liege eine von der Suva zu übernehmende unfallähnliche Körperschädigung vor, (noch) nicht zum Zuge kommen (Urteil 8C_267/2019 vom 30. Oktober 2019 E. 7.2.2). Vielmehr ist ein klärendes Gutachten einzuholen. Zu diesem Zweck ist die Sache an das kantonale Gericht zurückzuweisen. Dabei hat sich der Gerichtsgutachter unter Berücksichtigung der vorhandenen Akten, insbesondere zu äussern, ob die fraglichen Listenverletzungen vorwiegend, d.h. im gesamten Ursachenspektrum zu mehr als 50 %, auf Abnützung oder Erkrankung zurückzuführen sind (E. 8.2). 

Ball in der Luft fangen mit Knieverletzung bei der Landung

Urteil 8C_267/2019 vom 30.10.2019 (Volltext): Listenverletzung liegt vor / Entlastungsbeweis offen

 

Sachverhalt:

  • Um beim Sport einen Ball zu fangen, in die Luft gesprungen. Beim Landen auf dem linken Bein habe es im Knie geknackt. 

Diagnose:

Vorzustand:

  • Insuffizienz der anamnestisch bestehenden Plastik des vorderen Kreuzbandes als auch der stattgehabten vorangegangenen Meniskusteilresektion 

Unfallbegriff:

Entlastungsbeweis:

  • Es liegt ein initiales, nicht ganz untergeordnetes Ereignis als potenzielle Ursache ihres Gesundheitsschadens vor, was unbestritten ist (E. 7.1). Es liegt keine beweiskräftige ärztliche Beurteilung vor, die eine abschliessende Beurteilung des Sachverhalts erlaubt; es ist ein medizinischs Gutachten nach Art. 44 ATSG zu veranlassen (E. 7.2.2).