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Absicht / Selbstmord / Suizid

Inhalt

 

In Kürze und Expertensysteme

 

Gesetzliche Bestimmungen

Grundsätze in chronologischer Reihenfolge  

Praxis

Beispiele in chronologischer Reihenfolge

Expertensysteme: Kürzung und Verweigerung der Versicherungsleistungen

  •  Diese Applikation beurteilt, ob und wie die Leistungen zu kürzen oder zu verweigern sind.

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In Kürze und Expertensysteme

Bei Absicht besteht mit Ausnahme der Bestattungskosten keine Leistungspflicht.

 

Ist jemand gänzlich unfähig vernunftsmässig zu handen, liegt keine Absicht vor.

 

Wenn Zweifel bestehen, ob der Tod eines Versicherten durch Unfall oder Suizid herbeigeführt worden ist, gilt infolge des Selbsterhaltungstriebs die natürlichen Vermutung der Unfreiwilligkeit einer Selbsttötung, ausser es liegen derart überzeugende Umstände vor, dass diese Vermutung widerlegt wird. 

 

Expertensysteme: Kürzung und Verweigerung der Versicherungsleistungen

  •  Diese Applikation beurteilt, ob und wie die Leistungen zu kürzen oder zu verweigern sind.

Gesetzliche Bestimmungen

Absicht

Art. 37 Abs. 1 UVG

 

Hat der Versicherte den Gesundheitsschaden oder den Tod absichtlich herbeigeführt, so besteht kein Anspruch auf Versicherungsleistungen, mit Ausnahme der Bestattungskosten.

Schuldhafte Herbeiführung des Unfalles

Art. 48 UVV

 

Wollte sich der Versicherte nachweislich das Leben nehmen oder sich selbst verstümmeln, so findet Artikel 37 Absatz 1 des Gesetzes keine Anwendung, wenn der Versicherte zur Zeit der Tat ohne Verschulden gänzlich unfähig war, vernunftgemäss zu handeln, oder wenn die Selbsttötung, der Selbsttötungsversuch oder die Selbstverstümmelung die eindeutige Folge eines versicherten Unfalles war.

Grundsätze in chronologischer Reihenfolge

Absicht verlangt eine unsinnige Tat, nicht bloss eine unverhältnismässige

Urteil 8C_359/2021 vom 07.07.2021 (Volltext)Nachweis gemäss Art. 48 UVV

 

2.3. Die Urteilsfähigkeit der versicherten Person ist in Bezug auf die in Frage stehende konkrete Handlung und unter Würdigung der bei ihrer Vornahme herrschenden objektiven und subjektiven Verhältnisse zu prüfen (vgl. zum Ganzen: Urteil 8C_496/2008 vom 17. April 2009 E. 2.3). Ob die Tat ohne Wissen und Willen erfolgte, ist nicht entscheidend; denn eine Absicht, und sei es auch nur in Form eines völlig unreflektierten, dumpfen Willensimpulses, ist stets festzustellen; sonst liegt keine Selbsttötung bzw. kein Suizidversuch vor.

  • Massgeblich ist einzig, ob im entscheidenden Moment jenes Minimum an Besinnungsfähigkeit zur kritischen, bewussten Steuerung der endothymen (d.h. vor allem der triebhaften innerseelischen) Abläufe vorhanden war.

Damit eine Leistungspflicht des Unfallversicherers entsteht, muss mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Geisteskrankheit oder eine schwere Störung des Bewusstseins erstellt sein.

  • Das heisst, es braucht den Nachweis psychopathologischer Symptome wie Wahn, Sinnestäuschungen, depressiver Stupor (plötzlicher Erregungszustand mit Selbsttötungstendenz), Raptus (plötzlicher Erregungszustand als Symptom einer seelischen Störung) u.a.m.
  • Dazu muss das Motiv zum Suizid oder Suizidversuch aus der geisteskranken Symptomatik stammen, mit anderen Worten muss die Tat "unsinnig" sein.
  • Eine blosse "Unverhältnismässigkeit" der Tat, indem der Suizident seine Lage in depressiv-verzweifelter Stimmung einseitig und voreilig einschätzt, genügt zur Annahme von Urteilsunfähigkeit nicht (Urteile 8C_916/2011 vom 8. Januar 2013 E. 28C_936/2010 vom 14. Juni 2011 E. 3.1). 

Demzufolge muss der Unfallcharakter einer suizidalen Handlung verneint werden, wenn sie lediglich als unverhältnismässig zu bezeichnen ist und nur diesbezüglich eine vollständige Urteilsunfähigkeit besteht.

 

2.4. Für den Nachweis der Urteilsunfähigkeit ist nicht bloss die zu beurteilende Suizidhandlung von Bedeutung und somit nicht allein entscheidend, ob diese als unvernünftig, uneinfühlbar oder abwegig erscheint.

  • Vielmehr ist auf Grund der gesamten Umstände, wozu das Verhalten und die Lebenssituation der versicherten Person vor dem Selbsttötungsereignis insgesamt gehören, zu beurteilen, ob sie in der Lage gewesen wäre, den Suizid oder Suizidversuch vernunftmässig zu vermeiden oder nicht.
  • Der Umstand, dass die Suizidhandlung als solche sich nur durch einen krankhaften, die freie Willensbetätigung ausschliessenden Zustand erklären lässt, stellt nur ein Indiz für das Vorliegen von Urteilsunfähigkeit dar (Urteil U 256/03 vom 9. Januar 2004 E. 3.2).

An deren Nachweis sind keine strengen Anforderungen zu stellen; er gilt als geleistet, wenn eine durch übermächtige Triebe gesteuerte Suizidhandlung als wahrscheinlicher erscheint als ein noch in erheblichem Masse vernunftgemässes und willentliches Handeln (Urteile 9C_81/2014 vom 20. Mai 20148C_496/2008 vom 17. April 2009 E. 2.3 in fine mit Hinweisen).  

 

Zum Sachverhalt dieses Urteils > Beispiele in chronologischer Reihenfolge > Erhängen

Beweis bei mehreren Ursachenvarianten des Suizids

Urteil 8C_552/2019 vom 23.12.2019 E. 5.1 (Volltext): Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit

 

Entgegen der Ansicht des Krankenversicherers hat bei mehreren möglichen Varianten die Beurteilung, ob ein Suizid (-versuch) oder ein Unfall vorliegt, nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu erfolgen.

 

Das Bundesgericht führt dazu explizit aus:

  • "Die Vermutung [der Unfreiwilligkeit einer Selbsttötung] verbietet aber nicht, aus dem Umstand, dass aufgrund der Sachlage ein unfreiwilliger Tod als weniger wahrscheinlich als ein Suizid erscheint, auf das Vorliegen einer Selbsttötung zu schliessen."

Entgegen der Ansicht des Krankenversicherers müssen nicht alle möglichen Varianten mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Zudem spricht auch der Umstand, dass keine psychische Störung vorlag, die Verletzungsart für einen Suizid untypisch war und kein Abschiedsbrief gefunden wurde, nicht gegen das Vorliegen einer suizidalen Handlung.

 

Zum Sachverhalt diess Urteils > Beispiele in chronologischer Reihenfolge > Gasexplosion

Kein Beweiswert der Wahrnehmung eines medizinischen Laiens

Urteil 8C_187/2019 vom 07.06.2019 E. 6.5 (Volltext): Ehemann

 

Entgegen der Ansicht von Dr. med. H. in seinem Bericht vom 4. Juni 2018 kann aus den Schilderungen des Ehemannes gegenüber Dr. med. F. nicht zwingend auf eine im massgebenden Zeitpunkt vorliegende Unfähigkeit, vernunftgemäss zu handeln, geschlossen werden. Der Ehemann ist zwar naher Angehöriger, was aber angesichts des neuen Partners der Versicherten und seines letzten Besuchs bei ihr eine Woche vor ihrem Tod relativiert wird. Er ist zudem medizinischer Laie. Seine Wahrnehmungen stellen jene der behandelnden Fachleute, welche die Versicherte in den letzten Wochen vor ihrem Tod engmaschig betreut und begleitet haben und am Todestag "durch den Tag einen unverändert stabilen gebesserten Zustand" festgestellt hatten, nicht in Frage. 
 

Anzufügen bleibt, dass der Umstand, wonach die Handlungen der Suizid begehenden Person nicht nachvollziehbar oder unvernünftig erscheinen, eine Urteilsunfähigkeit, wie sie Art. 48 UVV verlangt, nicht zu belegen vermögen. 

Kein Abschiedsbrief schliesst Suizid nicht aus

Urteil 8C_773/2016 vom 20.03.2017 E. 4.2.3 (Volltext)

 

Dass der Versicherte keinen Abschiedsbrief hinterliess und zuvor niemandem gegenüber Suizidgedanken geäussert hatte, schliesst eine Selbsttötung ebenfalls nicht aus. Ein Suizid erfolgt aus Sicht der Hinterlassenen nicht selten völlig unerwartet und unerklärlich (vgl. z.B. die Tatumstände gemäss SVR 2016 UV Nr. 31 S. 102, 8C_662/2015 E. 4.2)

Nachweis eines Suizids / Beweislosigkeit / Selbsterhaltungstrieb

Urteil 8C_581/2016 vom 14.02.2017 E. 3.3 (Volltext): Vermutung der Unfreiwilligkeit

 

Rechtsprechungsgemäss ist aufgrund

  • der Macht des Selbsterhaltungstriebes in der Regel von einer natürlichen Vermutung der Unfreiwilligkeit einer Selbsttötung

und damit

  • vom Vorliegen eines Unfalles auszugehen, wenn Zweifel bestehen, ob der Tod eines Versicherten durch Unfall oder Suizid herbeigeführt worden ist.

Dass der Versicherte willentlich aus dem Leben geschieden ist, darf daher nur dann als nachgewiesen gelten,

  • wenn gewichtige Indizien jede andere den Umständen angemessene Deutung ausschliessen.

Deshalb ist in solchen Fällen zunächst von der durch den Selbsterhaltungstrieb gegebenen Vermutung auszugehen, es liege keine Selbsttötung vor, und sodann zu fragen, ob derart überzeugende Umstände vorliegen, dass diese Vermutung widerlegt wird (Urteil 8C_550/2010 vom 6. September 2010 E. 2.3 mit Hinweis auf RKUV 1996 Nr. U 247 S. 168 E. 2b).

 

Eine solche Vermutung führt faktisch zu einer Umkehr der Beweislast (vgl. Urteil 8C_271/2012 vom 17. Juli 2012 E. 3.2.1 mit weiteren Hinweisen).

 

Damit ist im Falle einer Beweislosigkeit zur Frage, ob eine versicherte Person eine Selbsttötung beging oder ob sie der Tod unfreiwillig erlitten hat, von einem unfreiwilligen Tod auszugehen. Die Vermutung verbietet aber nicht, aus dem Umstand, dass aufgrund der Sachlage ein unfreiwilliger Tod als weniger wahrscheinlich als ein Suizid erscheint, auf das Vorliegen einer Selbsttötung zu schliessen.

 

So bejahte das Bundesgericht etwa trotz fehlender vorgängiger Hinweise auf eine Suizidialität des Versicherten eine Selbsttötung bei einem Mann, der trotz eines einfahrenden Zuges auf dem Gleis verharrte, da sein Verhalten sich nur mit suizidialen Absichten erklären liess und die möglichen Sachverhaltsalternativen als unplausibel erschienen (vgl. erwähntes Urteil 8C_550/2010 vom 6. September 2010 E. 4.3).   

Erfüllter Unfallbegriff ist auch bei gänzlicher Urteilsunfähigkeit notwendig

Urteil 8C_494/2013 (BGE 140 V 220) vom 22.4.2014 E. 3.3 (Volltext): Keine Plötzlichkeit

 

Multiorganversagen bei Mischintoxikation mit Todesfolge: Kriterium der Plötzlichkeit des Unfallbegriffs nicht erfüllt.

 

Auch bei im Zustand der gänzlichen Urteilsunfähigkeit begangener Selbsttötung oder Selbstschädigung besteht ein Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung nur, wenn die Kriterien des Unfallbegriffs erfüllt sind.

Nachweis einer Selbstschädigung

Urteil 8C_256/2010 vom 22.6.2010 E. 3.2.3 (Volltext): Keine überspitzten Anforderungen

 

Ob eine Selbstschädigung vorliegt, beurteilt sich hingegen nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Dabei dürfen angesichts praktischer Beweisschwierigkeiten an den Nachweis einer freiwilligen Selbstbeeinträchtigung keine überspitzten Anforderungen gestellt werden (RKUV 1996 Nr. U 247 S. 172 E. 2c).

 

Bei einer Selbstschädigung ist nach konstanter Praxis gestützt auf die dargelegten Gründe von der üblichen Beweislast (vgl. E. 3.2.1 hievor) sowie dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweismass auszugehen und deshalb gerade nicht gleich zu verfahren wie bei einer Selbsttötung (Urteil 8C_663/2009 E. 2.4 mit weiteren Hinweisen).

 

Hinweis von Koordination Schweiz > Konkret heisst dies:

  • Beweislosigkeit, ob ein Suizid vorliegt; Umkehr der Beweislast; der Unfallbegriff ist erfüllt.
  • Beweislosigkeit, ob eine Selbstschädigung vorliegt; keine Umkehr der Beweislast; der Unfallbegriff ist nicht erfüllt.

Adäquanz zwischen einem Unfall und einem danach eingetretenen suizidalen Ereignis

BGE 120 V 352 vom 28.10.1994 (Volltext)

 

Die Frage, ob der adäquate Kausalzusammenhang zwischen einem versicherten Unfall und einem danach eingetretenen suizidalen Ereignis (Suizid, Suizidversuch und Artefakt) gegeben ist, ist gemäss den Kriterien der Rechtsprechung zu den psychogenen Unfallfolgen (BGE 115 V 133 ff.) zu beurteilen.

Praxis

Checkliste

1. Kondolenz-Schreiben

 

2. Todesfall-Attest einfordern

 

3. Familienschein bei der Einwohnerkontrolle des Heimatortes einfordern

 

4. Meldeverfahren an AHV durchführen

 

5. Amtliche Akten einfordern

 

6. Liegt ein Abschiedsbrief vor?

 

7. Je nach Situation: Besuch bei den Hinterbliebenen 

 

8. Psychiatrisches Aktengutachten​​​​​​​

Fragenkatalog für psychiatrisches Aktengutachten

1. Psychiatrische Diagnose?

 

2. Litt die versicherte Person im Zeitpunkt der Tat an Geisteskrankheit, Geistesschwäche oder Verhaltensstörungen? Wir bitten Sie, die Antwort zu begründen.

 

3. Befand sich der Versicherte zum Zeitpunkt der Tat, unter Berücksichtigung seiner allgemeinen psychischen Verfassung und den konkreten äusseren Umständen überwiegend wahrscheinlich in einem Zustand, der es ihr nicht erlaubte, sich vernünftig zu verhalten? Wir bitten Sie, die Antwort zu begründen. 

 

4. Liegen überzeugende Umstände vor, dass die Vermutung des Selbstverhaltungstriebes widerlegt wird? Wir bitten Sie, die Antwort zu begründen.

Beispiele in chronologischer Reihenfolge

Erhängen

Urteil 8C_359/2021 vom 07.07.2021 E. 5.2.4 (Volltext): Absicht beim Suizid

 

Der Versicherte erhängte er sich in seinem Badezimmer. 

 

Mit der Vorinstanz mag der Suizid des Versicherten zwar im Sinne der Ausführungen des Privatgutachters als impulsiv-krankheitsbedingtes Geschehen im Rahmen einer schweren manisch-depressiven Erkrankung zu interpretieren sein. Eine vollständig aufgehobene Urteilsfähigkeit ist aber nicht mit dem notwendigen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt.

Frontalkollision mit Erstaussage eines Suizidversuchs

Urteil 8C_555/2020 vom 16.12.2020 (Volltext): Absicht nicht nachgewiesen

 

Der Versicherte kollidierte mit dem von ihm gelenkten Personenwagen auf der Gegenfahrbahn seitlich frontal in ein entgegenkommendes Fahrzeug. Der Personenwagen des Versicherten kam von der Strasse ab, fuhr auf das links anliegende Wiesland und prallte in eine Böschung.

 

Das kantonale Gericht hat erkannt, dass der Polizist F., der als erste Person am Unfallort eingetroffen sei, später angegeben habe, der Versicherte habe auf die Frage, ob er aus dem Leben habe scheiden wollen, sinngemäss geantwortet:

  • "Ja, ich sehe keinen anderen Weg mehr".

Vorab sei darauf hinzuweisen, dass sämtliche von der AXA genannten Indizien, die für einen Suizidversuch sprächen, allein auf dieser Angabe beruhten (E. 3.1).

 

Was die AXA vorbringt, ist nicht stichhaltig. Das kantonale Gericht desavouiert die Angaben des Polizeibeamten nicht. Es hat gestützt auf die Akten nunmehr zutreffend festgehalten, dass der Versicherte wegen der vor ihm liegenden Kurve die Strasse nicht habe überblicken können. Damit habe er nicht voraussehen können, ob ihm beim Schneiden der Kurve ein anderes Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn entgegenkommen würde. Hätte er in Selbsttötungsabsicht eine frontale Kollision (Front zu Front) provozieren wollen, hätte er dies auf übersichtlicher gerader Strecke getan. Gegen eine Suizidabsicht sprächen die Aussagen der Zeugen des Geschehens, wonach der Versicherte seinen Personenwagen so gelenkt habe, als wäre er in irgendeiner Weise körperlich oder psychisch beeinträchtigt gewesen. Gegen eine Suizidabsicht spreche weiter auch die allgemeine Lebenserfahrung, wonach sich eine suizidgefährdete Person allenfalls im Affekt vor einen herannahenden Zug wirft oder sich von einer Brücke stürzt, nicht aber gewissermassen im Sinne eines erweiterten Suizids einen ihm fremden Menschen mittöten will. Dem ist mit den weiteren Erwägungen des kantonalen Gerichts anzufügen, dass aus den Akten keine Anhaltspunkte hervorgehen, der Versicherte sei je suizidgefährdet gewesen, weshalb auch aus diesem Grunde nicht davon ausgegangen werden kann, er habe die Kollision im Affekt provoziert, um sich das Leben zu nehmen. Zwar hatte er vor dem Unfall psychoaktive Stoffe eingenommen. Aus den Akten ergibt sich jedoch nicht, dass er so stark berauscht gewesen sein könnte, um in einer nicht mehr kontrollierbaren Anwallung eine Kollision zu provozieren, um sich zu töten (E.3.3).

Gasexplosion

Urteil 8C_552/2019 vom 23.12.2019 (Volltext): Absicht beim Suizidversuch

 

Am 2. März 2015 zog sich der Versicherte bei einer Gasexplosion in seinem Wohnmobil schwerste Verbrennungen sowie ein Inhalationstrauma zu.

 

Massgebend für die Beurteilung sei vielmehr das vom Versicherten an den Tag gelegte Verhalten und die im Bericht der Kantonspolizei festgehaltenen Umstände. Aus objektiver Sicht lägen danach gewichtige Indizien dafür vor, dass ein Brand gelegt werden sollte. Die vom Versicherten getroffenen Vorkehrungen würden weit über das hinausgehen, was für ein Verbrennen von persönlichen Gegenständen und Dokumenten nötig gewesen wäre (E. 4).

 

Zudem vermöchte der Umstand, dass die Explosion nicht wie geplant erfolgte, nichts daran zu ändern, dass das von ihm beabsichtigte Geschehen (eine Explosion) eingetreten ist. Denn nach der Rechtsprechung muss sich im Rahmen der absichtlichen Gesundheitsschädigung der Vorsatz der versicherten Person resp. die Unfreiwilligkeit nicht auf die zur gesundheitlichen Schädigung führenden Handlung sondern auf die Herbeiführung des Gesundheitsschadens beziehen (BGE 143 V 285 E. 4.2.1 S. 290 mit Hinweisen). Die Subsumtion als Suizid (-versuch) im Sinne von Art. 37 Abs. 1 UVG ist nicht zu beanstanden (E. 5.4).

Psychopharmaka

Urteil 8C_783/2018 vom 04.04.2019 (Volltext): Absicht beim Suizid

 

Selbstmord nach Beginn der Einnahme der verordneten Medikakamente (Paroxetin und Lexotanil, beide mit antidepressiven Wirkstoffen). Ein Zusammenhang zwischen der Medikation und dem Suizid ist möglich aber nicht überwiegend wahrscheinlich (Beweislast). Leistungsverweigerung gemäss Art 37 Abs. 1 UVG. 

Schuss in den Kopf mit Sturmgewehr mit 2.6 %o Alkohol im Blut

Urteil 8C_96/2018 vom 06.06.2018 (Volltext): Absicht beim Suizidversuch 

 

Seit Juli 2012 stand er bei Dr. med. C. Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, wegen psychischer Probleme in gesprächstherapeutischer und medikamentöser Behandlung. Nachdem die Arbeitgeberin dem Versicherten bereits 2013 einmal gekündigt hatte sowie nach einem Konflikt über den Wortlaut eines Zwischenzeugnisses, löste sie das Arbeitsverhältnis erneut mit Schreiben vom 28. Mai 2014 auf. Am 30. Mai 2014 schoss er sich auf dem Balkon seines gemieteten Reiheneinfamilienhauses mit einem Sturmgewehr 57 in den Kopf. Er erlitt dabei schwere Hirn-, Schädel- und Augenverletzungen, blieb invalid und bezieht seither von der Invalidenversicherung eine Entschädigung infolge einer leichten Hilflosigkeit. Der Blutalkoholgehalt bei Spitaleintritt betrug etwa 2,6 Promille.

 

Wegen der absichtlichen Herbeiführung des Gesundheitsschadens verneinte die Suva zurecht gestützt auf Art. 37 Abs. 1 UVG eine Leistungspflicht.

Verbluten durch Messerstich in den Oberschenkel

Urteil 8C_773/2016 vom 20.03.2017 (Volltext): Absicht beim Suizid

 

Selbsttötung des Versicherte ohne Anspruch auf Versicherungsleistungen gemäss Art. 37 Abs. 1 UVG durch Verbluten nach einem Messerstich in die linke Oberschenkelvorderseite unterhalb der Leiste mit Eröffnung der Oberschenkelschlagader (A. femoralis).  

Vergiftung und Tod nach Einnahme von Pflanzenteilen des Blauen Eisenhuts

Urteil 8C_581/2016 vom 14.02.2017 (Volltext): Absicht beim Suizid 

 

4.2. Es steht weiter fest, dass der Versicherte aufgrund seiner Ausbildung den Blauen Eisenhut kannte und von der hohen Giftigkeit der Pflanze wusste. Ist nach dem Gesagten eine Dritteinwirkung nicht überwiegend wahrscheinlich, so muss der Versicherte die Pflanze mit Wissen und Willen zu sich genommen haben; es fehlen jegliche Hinweise auf einen anderen Geschehensablauf. Fraglich ist demnach lediglich, ob der Verzehr in suizidaler Absicht oder zum Zweck eines Medikamenten- oder Drogenexperimentes erfolgte. Wie die Beschwerdeführerin in anderem Zusammenhang selber einräumt, erscheint es jedoch als reichlich ungewöhnlich, dass eine Person ohne suizidale Absichten eine solch giftige Pflanze wissentlich einnimmt. Es fehlen in den Akten auch jegliche Hinweise darauf, dass sich der Versicherte für alternativmedizinische Behandlungsmethoden interessiert oder Erfahrungen mit Drogen (ausser Alkohol) gemacht hätte. Eine Selbsttötung erscheint damit als bedeutend wahrscheinlicher als ein misslungenes Drogen- oder Medikamentenexperiment, was unter den gegebenen Umständen gegen die Vermutung spricht, die versicherte Person sei unfreiwillig aus dem Leben geschieden. Daran ändert nichts, dass sich das Motiv für einen Suizid nicht ohne weiteres nachvollziehen lässt, muss doch dies von vielen Selbsttötungen gesagt werden. Aus dem Fahrradkauf des Versicherten kurz vor seinem Tod lässt sich entgegen den Vorbringen der Beschwerdeführerin nichts ableiten, kann doch dieser auch als Entschluss, sich vor seinem geplanten Tod noch etwas zu gönnen, interpretiert werden. ...

Erschiessen an einen abgelegenen Ort

Urteil 8C_195/2015 vom 19.01.2016 (Volltext) : Absicht beim Suizid

 

Absicht trotz psychischen Problemen nach Arbeitsplatzverlust: Koordinierte Handlungen durch Zusammensetzen der zerlegten Waffe und Fahrt mit dem Auto an einen abgelegenen Ort.

Schuss in den Bauch

Urteil 8C_591/2015 vom 19.01.2016 (Volltext): Absicht beim Suizidversuch

 

Schuss in den Bauch. Absicht mit der Begründung, dass der Versicherte den Ablauf der Polizei detailliert schildern konnte.

Sprung aus dem fahrenden Auto

Urteil 8C_271/2012 vom 17.7.2012 (Volltext): Keine Absicht, Unfallbegriff erfüllt

 

Im vorliegenden Fall handelt es sich infolge eines heftigen Streites bei einem Sprung aus dem mit 50 - 60 km/h fahrenden Fahrzeuges weder um einen Suizidversuch noch um eine absichtliche Körperschädigung.

 

Eine Leistungsverweigerung gestützt auf Art. 37 Abs. 1 UVG ist nicht möglich.

 

Es gilt zu prüfen, ob Grobfahrlässigkeit oder ein Wagnis vorliegt.

Sprung aus dem Fenster im dritten Stock

Urteil 8C_953/2012 vom 22.02.2013 (Volltext): Absicht beim Suizid

 

4.1 Der Psychiater Dr. med. C. stellte im Gutachten vom 31. August 2010 für den Zeitpunkt des Sprungs aus dem Fenster folgende Diagnose: Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen (Depression, Anspannung, Sorgen, Verzweiflung, Trauer, Sehnsucht nach Nähe zum verstorbenen Freund; ICD-10 F43.23); Störung durch Sedativa und Hypnotika (akute Intoxikation mit Temesta und Stilnox; ICD-10 F13.0). Im Rahmen der Beantwortung der Zusatzfragen vom 31. August 2010 ergänzte er die erstgenannte Diagnose dahingehend, dass möglicherweise ein dissoziativer Prozess mitgewirkt habe. ...

 

4.2.3 Dr. med. C. legte bei der Beantwortung der Zusatzfragen am 31. März 2010 dar, beim Sprung der Versicherten aus dem Fenster handle es sich um eine motorisch komplexe Handlung, die eine bewusste und zielgerichtete Steuerung erfordere (auf den Tisch steigen, sich positionieren und unter Kraftanstrengung zum Sprung ansetzen). Daraus müsse gefolgert werden, dass das Bewusstsein weder quantitativ vollständig aufgehoben gewesen noch qualitativ solcherart gestört gewesen sei, dass keine geordnete Handlung mehr möglich gewesen wäre. Der Sprung aus dem Fenster spreche darum gegen das Vorliegen einer vollständigen Aufhebung der Urteilsfähigkeit. ...

Gang vor den Zug

Urteil 8C_550/2010 vom 06.09.2010 (Volltext): Absicht beim Suizid

 

3 ... Dass der Verstorbene an psychischen Problemen gelitten hätte, liess sich daraus nicht entnehmen. Deuten liessen sich lediglich die Umstände, wie sie von den Augenzeugen am 4. April 2009 beobachtet wurden, sowie die daraus vom Psychiater gezogenen Schlüsse. Die Vorinstanz ging gestützt darauf davon aus, dass der Tod des Versicherten, obwohl keine entsprechenden medizinischen Diagnosen bekannt waren, durch Suizid herbeigeführt worden sei. Der Versicherte sei (nachdem er unüblicherweise den Zündschlüssel im unverschlossenen Auto habe stecken und sein Mobiltelefon zu Hause habe liegen lassen) während der Einfahrt des herannahenden Zuges aufs Gleis herunter gestiegen, wofür keine anderen plausiblen Gründe als die suizidale Absicht ersichtlich seien, zumal der Versicherte keinerlei Anstalten gezeigt habe, sich vor dem Zug, welcher sich unüberhörbar mit Warnsignalen bemerkbar gemacht habe, in Sicherheit zu bringen.

Schwere Verbrennungen durch sich selber anzünden

Urteil 8C_663/2009 vom 27.04.2010 (Volltext): Absicht beim Suizidversuch

 

A. In der Nacht vom 22. November 2004 zog er sich schwere Verbrennungen zweiten und dritten Grades von 37 % seiner Körperoberfläche zu. ...

 

3.3.1 Im Austrittsbericht des Departements Chirurgie, Klinik für Wiederherstellungschirurgie des Spitals Y. vom 28. Januar 2005 finden sich gewisse Hinweise für Suizidabsichten: Die Ehefrau des Beschwerdeführers habe dem aufnehmenden Notfallarzt berichtet, ihr Mann habe sich in suizidaler Absicht mit Desinfektionsmittel überschüttet und angezündet. ...

 

4. ..., dass aufgrund des Gutachtens des wissenschaftlichen Dienstes Q. nicht eine versehentlichen Brandentfachung durch eine Zigarette angenommen werden kann, sondern in Übereinstimmung mit der Vorinstanz überwiegend wahrscheinlich von einem absichtlichen Anzünden ausgegangen werden muss. Eine unfreiwillige Schädigung ist damit zu verneinen. 

Sturz von der Brücke

Urteil U 313_99 vom 04.04.2000 (Volltext) : Absicht beim Suizid

 

Anamnese und Sachverhalt:

 

A. ... Seit 1978 litt er periodisch unter depressiven Schüben, welche durch den Psychiater Dr. M. und ab 1984 durch den Hausarzt Dr. O. behandelt wurden und am 15. März 1988 zu einer kurzfristigen Hospitalisation in der Privatklinik W. AG geführt hatten. Ende Mai 1991 trat erneut eine depressive Phase auf, weshalb B. in Behandlung bei Dr. O. stand. Am 19. Juni 1991 ging er nicht zur Arbeit und rief am frühen Morgen seinen Hausarzt an, der sich zu ihm nach Hause begab und ihn gesprächsweise beruhigte. Am Abend dieses Tages fuhr B. mit seinem Personenwagen von zu Hause weg und stürzte sich um ca. 19.00 Uhr in X. von der Brücke, was seinen sofortigen Tod zur Folge hatte. ...

 

Beurteilung:

 

2.a) ... im gesamten langjährigen Verlauf der depressiven Krankheit von B. jegliche Anhaltspunkte für das Vorliegen von Wahnideen, Halluzinationen oder anderen psychotischen Symptomen fehlten. Ebenso müsse als "extrem unwahrscheinlich" gelten, dass B. am Abend des 19. Juni 1991 erstmals von einem Raptus (plötzlich hervorbrechende, unsinnige und gewalttätige Handlung in einem albtraumartigen psychotischen Dämmerzustand) erfasst worden sei. Es lägen daher keine Anzeichen dafür vor, dass im Zeitpunkt des Suizids erstmals im Leben von B. ein derartiges psychotisches Erlebnis aufgetreten sei. Der Umstand, dass der Versicherte bereits rund eine Woche vor der Tat eine Selbsttötung durch Sprung von der Brücke in X. in Betracht gezogen und am Abend des 19. Juni 1991 seinen Personenwagen in einem nahe dieser Brücke gelegenen Parkhaus abgestellt habe, belege vielmehr ein zielgerichtetes Handeln. Es müsse angenommen werden, dass er damals von Verzweiflung, subjektiver Ausweglosigkeit und antizipierter Scham für den Fall eines abermaligen Zurückweichens erfüllt gewesen sei. Hingegen seien keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass er plötzlich von einer umfassenden und unsinnigen Realitätsverkennung überwältigt worden sein könnte. ....

Sturz vom zweiten Stock

BGE 113 V 61 vom 06.02.1987 (Volltext): Keine Absicht / gänzliche Urteilsunfähigkeit

 

Die völlige Urteilsunfähigkeit ist bei einem Versicherten zu bejahen, der an einer paranoiden depressiven Psychose leidet, die auf dem Hintergrund einer depressiv-zwanghaften Persönlichkeit entstanden ist und der von einem unkorrigierbaren Wahngedanken beherrscht ist, weil er glaubt, für die hohen finanziellen Verluste seiner Arbeitgeberfirma verantwortlich zu sein.

Aufenthalt in Garage bei laufendem Motor

SUVA-Jahresbericht 1969 Nr. 3b S. 19: Keine Absicht beim Suizid 

 

Unabsichtlich handelt, wer bei einem Blutalkoholspiegel von 3.3 %o sich bei laufendem Automotor in der Garage aufhält, da er die Gefahren seines Handelns übersieht, unterschätzt oder sich darüber hinwegsetzt.

Mit Ordonnanz-Karabiner hantiert

Suva-Jahresbericht 1957 Nr. 3a/2 S. 16: Absicht bei Suizid

 

Wer in der Toilette seiner Wohnung in kauernder Stellung mit dem Ordonnaz-Karabiner hantiert (was den elementarsten Bewegungen, die einem Soladaten eingeschärft werden, widerspricht) und den Teil der Waffe, den er angeblich reinigen wollte, weit weg von sich hält, gibt den Schuss aus seiner Waffe aller Wahrscheinlichkeit nach absichtlich ab.