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Unfallanalyse / Biomechanik

Gewichtige Anhaltspunkte für Qualifikation Unfallschwere im Rahmen der Adäquanzprüfung

Urteil 8C_114/2018 vom 22.08.2018 (Volltext) : Qualifikation Unfallschwere = Rechtsfrage

 

5.3.1. Einer unfallanalytischen oder biomechanischen Expertise kommt beweisrechtlich nicht erhöhtes Gewicht in dem Sinne zu, dass allein gestützt darauf die Einstufung eines Unfalls als leicht, mittelschwer oder schwer vorzunehmen wäre. Eine unfallanalytische oder biomechanische Analyse vermag gegebenenfalls gewichtige Anhaltspunkte zur mit Blick auf die Adäquanzprüfung relevanten Schwere des Unfallereignisses zu liefern; sie bildet jedoch für sich allein in keinem Fall eine hinreichende Grundlage für die Kausalitätsbeurteilung (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 357 E. 3.2, U 193/01 E. 3.2; SVR 2009 UV Nr. 13 S. 52, 8C_590/2007 E. 6.1).

 

Die Qualifikation eines Unfalls als leicht, mittelschwer oder schwer ist eine Rechtsfrage, welche nicht durch den Unfallanalytiker, sondern durch den rechtsanwendenden Unfallversicherer oder gegebenenfalls das Sozialversicherungsgericht zu entscheiden ist (Urteile 8C_137/2014 vom 5. Juni 2014 E. 6.2 und 8C_786/2009 vom 4. Januar 2010 E. 4.6.1).  

Gesamtwürdigung aller zur Verfügung stehenden Beweismittel

Urteil 8C_489/2013 vom 16.08.2013 E. 3.2 (Volltext)

 

Auch der Umstand, dass das unfallanalytische Gutachten von einem beteiligten Privatversicherer eingeholt wurde, steht seiner Verwertbarkeit im Verfahren der obligatorischen Unfallversicherung nicht entgegen. Massgebend ist, ob die Aussagen der Unfallanalytiker zu überzeugen vermögen.

 

Die tatsächliche Geschwindigkeitsänderung lässt sich nicht immer zuverlässig ermitteln, weshalb solchen Unterlagen nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung beweisrechtlich nicht erhöhtes Gewicht in dem Sinne zukommt, dass sich allein gestützt darauf eine Kausalitätsbeurteilung vornehmen liesse. Vielmehr sind die physikalisch ermittelten Ergebnisse von unfallanalytischen Gutachten im Rahmen einer Gesamtwürdigung aller zur Verfügung stehenden Beweismittel zu würdigen.

Nicht zwingend erforderlich jedoch zulässig

Urteil 8C_933/2011 vom 9.05.2012 E. 6.1 (Volltext)

 

Aus den in der Beschwerde angeführten haftpflichtrechtlichen Urteilen kann keineswegs gefolgert werden, dass für die Abklärung des natürlichen Kausalzusammenhangs zwingend ein unfalldynamisches/biomechanisches Gutachten erforderlich ist. Im Urteil 4A_540/2010 vom 8. Februar 2011 E. 1.3 wird vielmehr ausgeführt, dass entsprechende Gutachten zulässig sind, um die natürliche Kausalität zu belegen oder zu verneinen; ein solches also mitberücksichtigt werden darf.

Nicht a priori unerheblich

Urteil U 238/05 vom 31.05.2006 E. 3.1 (Volltext)

 

Bei unklaren medizinischen Befunden wäre es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG) nicht vereinbar, schlüssige biomechanische Gutachten a priori als unerheblich zu betrachten (vgl. dazu Max Berger, Unfallanalytik und Biomechanik - beweisrechtliche Bedeutung, in: SJZ 2006, S. 25 ff.).

Biomechanik keine notwendige Grundlage für natürliche Kausalität

Urteil U 14/05 vom 29.05.2006 (Volltext)

 

3.1. ... Biomechanische Gutachten stellen zudem keine hinreichende und notwendige Grundlage für die Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs dar (RKUV 2003 Nr. U 489 S. 359 mit Hinweisen). Es lässt sich daher nicht beanstanden, dass der Unfallversicherer im Anschluss an die unfallanalytische Beurteilung von der Einholung eines solchen Gutachtens abgesehen hat.

Urteil U 324/03 vom 8.11.2004 (Volltext): Biomechanik alleine für Kausalitätsfrage nicht geeignet

 

E. 2.2 ... Zu Recht weist die Vorinstanz in diesem Zusammenhang aber darauf hin, dass gemäss Rechtsprechung ein biomechanisches Gutachten zwar gewichtige Anhaltspunkte zur Schwere des Unfallereignisses liefern kann, jedoch alleine nicht geeignet ist, die Unfallkausalität der nach einem Schleudertrauma anhaltenden gesundheitlichen Beschwerden zuverlässig zu bestimmen (vgl. Urteile M. vom 26. März 2003 [U 125/01], Erw. 3.1, und Z. vom 18. März 2003 [U 205/02], Erw. 2.1). Aus den gleichen Gründen lässt sich - bei diagnostizierter Distorsion der HWS und gegebenem typischen Beschwerdebild - ein Schleudertrauma nicht einzig unter Hinweis auf das Ergebnis eines unfallanalytischen Gutachtens ausschliessen, zumal dieses eine kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung Delta-v zwischen 6,7 und 10,2 km/h ausweist, womit der obere Wert über der in der Literatur vertretenen Harmlosigkeitsschwelle von 10 km/h liegt (unfallanalytisches Gutachten vom 18. Oktober 1999). Letztlich ist es für die Frage des natürlichen Kausalzusammenhanges aber ohnehin nicht von Relevanz, ob ein Schleudertrauma der HWS angenommen wird, wird doch im Gutachten der Klinik A._ die natürliche Kausalität zwischen Unfall und Gesundheitsschaden unter Hinweis auf die richtunggebende Verschlimmerung des Vorzustandes bejaht.