Hauptinhalt

Complex regional pain syndrom (CRPS), Algodystrophie, Morbus Sudeck

In Kürze

Complex regional pain syndrom (CRPS)

Wichtigste Voraussetzung (3 Kriterien) für die Bejahung der natürlichen Kausalität eines CRPS:

  • Auftreten der typischen Symptome innerhalb von 6 - 8 Wochen!

Adäquate Kausalität:

Rechtsprechung in chronologischer Reihenfolge

Organisch nachweise CRPS-Unfallfolgen berücksichtigen, die psychischen Unfallfolgen nicht

Urteil 8C_270/2022 vom 12.10.2022 (Volltext)

 

Sachverhalt:

  • Am 07.11.2016 klemmte sich der Versicherte den linken Ringfinger ein. In der Folge klagte er über anhaltende Beschwerden und es wurde ein CRPS (komplexes beziehungsweise chronisches regionales Schmerzsyndrom) diagnostiziert.

Entscheid der Suva:

  • UVG-Invalidenrente gestützt auf einen IV-Grad von 21 %
  • Integritätsentschädigung von  37.5 %

Entscheid der Sozialversicherungsgerichts

  • Anspruch auf eine Invalidenrente bei Vollinvalidität unter Berücksichtigung der psychischen Beschwerden
  • Psychotherapeutische Behandlung ist weiterhin von der Suva zu übernehmen

Entscheid des Bundesgerichts:

  • Bestätigung der Beurteilung der Suva bei einem Invaliditätsgrad von 21 %
  • Fallabschluss auf Grund der organisch nachweisbaren Unfallfolgen

Aus dem Urteil:

 

4.2.1. Was zunächst die Beurteilung des natürlichen Kausalzusammenhangs beim CRPS (auch Algodystrophie oder Morbus Sudeck genannt) betrifft, ist zu ergänzen, dass dessen Ätiologie und Pathogenese unklar sind (Urteile 8C_416/2019 E. 5 und 8C_384/2009 E. 4.2.1). Es ist als neurologisch-orthopädisch-traumatologische Erkrankung indessen praxisgemäss als organischer beziehungsweise körperlicher Gesundheitsschaden zu qualifizieren (Urteil 8C_673/2009 vom 22. März 2010 E. 5.1 mit Hinweisen). Dabei ist jedoch erforderlich, dass anhand echtzeitlich erhobener medizinischer Befunde der Schluss gezogen werden kann, die betroffene Person habe innerhalb der Latenzzeit von sechs bis acht Wochen nach dem Unfall zumindest teilweise an den für ein CRPS typischen Symptomen gelitten (Urteile 8C_416/2019 E. 5.2.3; 8C_515/2021 vom 4. November 2021 E. 3; 8C_714/2016 vom 16. Dezember 2016 E. 4.1; 8C_177/2016 vom 22. Juni 2016 E. 4.3).

 

4.2.2. Anzufügen ist des Weiteren, dass die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers im Bereich organisch objektiv ausgewiesener Unfallfolgen praktisch keine Rolle spielt, da sich hier die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V 109 E. 2; 127 V 102 E. 5b/bb; Urteil 8C_627/2019 E. 3.2).

 

Bei organisch objektiv nicht ausgewiesenen beziehungsweise bei psychischen Unfallfolgen ist die Adäquanz indessen gesondert zu prüfen, ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf und gegebenenfalls unter Einbezug weiterer unfallbezogener Kriterien. Es ist diesbezüglich gegenüber der vorinstanzlichen Darstellung zu ergänzen, dass dabei einzig die physischen Auswirkungen des Unfalls zu berücksichtigen sind (BGE 115 V 133 E. 6c/aa; 134 V 109 E. 2.1 und E. 6.1; vgl. Urteil 8C_193/2016 E. 3.3; Urteil 8C_388/2019 vom 20. Dezember 2019 E. 3.1).

 

4.2.3. Letzteres gilt auch hinsichtlich des Fallabschlusses. Dieser erfolgt bei Vorliegen psychischer Unfallfolgen unter Einstellung von Heilbehandlung und Taggeld sowie Prüfung des Anspruchs auf Invalidenrente und Integritätsentschädigung, sobald von der Fortsetzung der auf die somatischen Leiden gerichteten ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung abgeschlossen sind (Art. 19 Abs. 1 UVG; BGE 134 V 109 E. 6.1; Urteile 8C_674/2019 vom 3. Dezember 2019 E. 4.1; 8C_184/2017 vom 13. Juli 2017 E. 2.2).

 

Kausalität > Getrennte Prüfung der Adäquanz bei organischen und psychischen Beschwerden

Krankheitsbild eines Complex regional pain syndrom (CRPS)

Urteil 8C_698/2021 vom 03.08.2022 E. 4.3 (Volltext): Vorliegend keine natürliche Kausalität

 

Das CRPS ist eine Sammelbezeichnung für Krankheitsbilder, die die Extremitäten betreffen. Es entwickelt sich nach einem schädigenden Ereignis und führt beim Betroffenen zu anhaltenden Schmerzen mit Störungen des vegetativen Nervensystems, der Sensibilität und der Motorik.

  • Das CRPS I (früher: Sudeck-Syndrom oder sympathische Reflexdistrophie) ist eine Erkrankung der Extremität, die ohne definierte Nervenläsion nach relativ geringfügigem Trauma ohne Bezug zum Innervationsgebiet eines Nervs auftritt.
  • Das CRPS II (früher: Kausalgie) zeichnet sich aus durch brennende Schmerzen und Störungen des sympathetischen Nervensystems als Folge einer definierten peripheren Nervenläsion.

Klinische Zeichen bzw. Symptome eines CRPS sind schwer lokalisierbare brennende Schmerzen (z.B. Allodynie, Hyperalgesie) kombiniert mit sensiblen, motorischen und autonomen Störungen (u.a. Ödeme, Temperatur- und Schweisssekretionsstörung, evtl. trophische Störung der Haut, Nagelveränderungen, lokal vermehrtes Haarwachstum). Im weiteren Verlauf kann es zu Knochenabbau (Demineralisation), Ankylose sowie Funktionsverlust kommen.

  • Im vorliegenden Fall besteht keine natürliche Kausalität zwischen dem Unfall und dem CRPS, weil der Verdacht auf ein CRPS erst mehrere Wochen nach Ablauf der Latenzzeit vom sechs bis acht Wochen erfolgt ist (E. 5.1.1).

Beurteilung der natürlichen Kausalität bei einem Complex regional pain syndrom (CRPS)

Urteil 8C_515/2021 vom 04.11.2021 E. 3 (Volltext): Erforderliche Latenzzeit von 6 - 8 Wochen

 

Praxisgemäss ist erforderlich, dass anhand echtzeitlich erhobener medizinischer Befunde der Schluss gezogen werden kann, die betroffene Person habe

  • innerhalb der Latenzzeit von sechs bis acht Wochen nach dem Unfall

zumindest teilweise an den für ein CRPS typischen Symptomen gelitten (Urteil 8C_416/2019 E. 5.2.3; Urteile 8C_714/2016 vom 16. Dezember 2016 E. 4.1; 8C_177/2016 vom 22. Juni 2016 E. 4.3).

 

ATSG > Gutachten > Gutachterfragen zu CRPS, Algodystrophie, Morbus Sudeck

CRPS nach Fallabschluss diagnosdiziert

Urteil 8C_308/2020 vom 02.09.2020 E. 5.3 (Volltext): Kein Rückfall

  • Sachverhalt: Unfall am 05.04.2016. Verfügung vom 20.10.2017 mit IV-Rente von 26 % und IE von 15 %.
  • Rückfallmeldung per 15.05.2018 mit CRPS

Resultat: Selbst wenn die ärztlichen Berichte dahingehend zu verstehen wären, dass sich ein CRPS nach dem rechtskräftigen Fallabschluss entwickelt habe, ändert sich nichts an der fehlenden Unfallkausalität. Denn nach der Rechtsprechung  müssen die ersten Manifestationen eines CRPS innert sechs bis acht Wochen nach dem Unfall resp. nach der unfallbedingten Operation aufgetreten sein. Dies ist vorliegend nicht gegeben, da sich der Unfall am 5. April 2016 ereignete und die letzte unfallbedingte Operation am 23. Januar 2017 erfolgte, ohne dass innert der massgebenden Latenzzeit von sechs bis acht Wochen in den echtzeitlichen ärztlichen Berichten entsprechende Hinweise auf ein CRPS festgehalten wurden.  

Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auf Basis der funktionellen Auswirkungen

Urteil 8C_277/2020 vom 17.08.2020 E. 4.3 (Volltext)

 

Abgesehen davon ist für die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht entscheidend, ob ein CRPS I oder ein CRPS II vorliegt, sondern vielmehr die Frage der funktionellen Auswirkungen dieser Störung (vgl. BGE 143 V 418 E. 6 S. 427; Urteil 9C_857/2018 vom 22. Juli 2019 E. 4.2.1 mit Hinweisen).

Bejahte Kausalität eines unfallbedingten CRPS als Folge einer unfallkausalen Operation

Urteil 8C_27/2019 vom 20.08.2019 E. 6.4.2 (Volltext)

 

Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist für die Annahme eines CRPS nicht erforderlich, dass die Diagnose innerhalb von sechs bis acht Monaten nach dem Unfall gestellt worden sein muss, um sie als unfallbedingt anzusehen.

 

Entscheidend ist, dass anhand echtzeitlich erhobener medizinischer Befunde der Schluss gezogen werden kann, die betroffene Person habe innerhalb der Latenzzeit von sechs bis acht Wochen nach dem Unfall

  • zumindest teilweise an den für ein CRPS typischen Symptomen gelitten

(Urteile 8C_123/2018 vom 18. September 2018 E. 4.1.2; 8C_384/2009 vom 5. Januar 2010 E. 4.1.1 und 4.2.2).

 

Eine Kausalität kann auch bejaht werden, wenn das CRPS Folge einer unfallkausalen Operation ist (Urteil 8C_629/2013 vom 29. Januar 2014 E. 4).

CRPS ist ein organischer Gesundheitsschaden

Urteil 8C_123/2018 vom 18.09.2018 (Volltext)

 

Das CRPS ist eine neurologisch-orthopädisch-traumatologische Erkrankung und ein organischer bzw. körperlicher Gesundheitsschaden (Urteile 8C_232/2012 vom 27. September 2012 E. 5.3.1; 8C_1021/2010 vom 19. Februar 2011 E. 7).  

Drei Kriterien für ein unfallbedingtes CRPS

Urteil 8C_384/2009 vom 05.01.2010 E. 4.2.1 (Volltext)

 

Zur Qualifikation des Beschwerdebildes als Folge eines Unfalles die folgenden drei Kriterien erfüllt sein sollten:

  • Nachweis eines Körperschadens nach einem Unfall (beispielsweise in Form eines Hämatoms oder einer Schwellung) oder das Auftreten einer Algodystrophie nach einer wegen einer Unfallverletzung durchgeführten Operation,
  • Ausschluss anderer nicht traumatischer, ursächlicher Faktoren (wie z.B. Zustand nach Myokardinfarkt, nach Apoplexie, nach/bei Barbiturat-Einnahme, bei Tumoren, bei Schwangerschaften etc.) sowie
  • Kurze Latenzzeit zwischen dem Unfall und dem Auftreten der Algodystrophie (bis maximal sechs bis acht Wochen).