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Zeckenbiss: Lyme-Borreliose, FSME

Grundsätze zu Zeckenbissen gemäss Rechtsprechung und Praxis

Unfallbegriff

BGE 122 V 230 vom 23.05.1996 (Volltext)

 

Der Zeckenbiss erfüllt alle Merkmale eines Unfallbegriffs.

Besondere Regeln hinsichtlich der natürlichen Kausalität bei Zeckenbissen

Urteil 8C_390/2022 vom 07.09.2022 E. 3 (Volltext)

 

Hinsichtlich der natürlichen Kausalität sind praxisgemäss besondere Regeln zu beachten:

  • Ein mittels serologischer Untersuchungen belegter Kontakt mit dem Borreliose-Erreger genügt nicht für den Schluss auf eine daraus entstandene Lyme-Borreliose.
  • Die Diagnose einer Lyme-Borreliose - gleich welchen Stadiums - setzt ein entsprechendes klinisches Beschwerdebild und den Ausschluss von Differentialdiagnosen voraus

(Urteile U155/06 vom 19. April 2007 E. 4.3; 8C_831/2016 vom 7. März 2017 E. 2.2; 8C_924/2011 vom 7. März 2012 E. 3). 

 

Sachverhalt gemäss der unten zitierten Erwägung 4.1.

Nachweis eines Zeckenbisses

Urteil 8C_924/2011 vom 07.03.2012 E. 3 (Volltext): Vorgehen in der Praxis

 

Es ist nicht entscheidend, ob sich die versicherte Person an einen Zeckenstich erinnern kann. Massgebend ist, ob aufgrund der fachärztlichen Stellungnahmen darauf geschlossen werden kann, dass im Zeitpunkt der vorhandenen Versicherungsdeckung überwiegend wahrscheinlich von einem Zeckenstich auszugehen ist, der die Gesundheitsschädigung bewirkt hat (Urteil U 208/05 vom 18. Januar 2006 E. 5.3).

 

Der erfolgte Kontakt mit dem Borreliose-Erreger kann mit serologischen Untersuchungen belegt werden; indessen genügen diese nicht für den Schluss auf eine daraus entstandene Lyme-Borreliose. Deren Diagnose - gleich welchen Stadiums - setzt ein entsprechendes klinisches Beschwerdebild und den Ausschluss von Differentialdiagnosen voraus, wobei je nach Krankheitsstadium ein pathologischer laborchemischer Test die Wahrscheinlichkeit der Diagnose erhöhen kann. Ebenso hilfreich können bei rückblickender Einschätzung der Verlauf und die Ergebnisse einer Therapie sein. Weitere Indizien sind denkbar (Urteil 8C_695/2010 vom 9. Juni 2011 E. 5; Abklärung und Therapie der Lyme-Borreliose in Schweizerische Ärztezeitung 2005, S. 2332 ff., S. 2333 Ziff. 3). 

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_170/2019 vom 16.05.2019 E. 2.2.2

Beschwerdebilder einer Lyme-Borreliose

Urteil U 282/04 vom 14.03.2005 E. 2.2 (Volltext)

 

Bei der durch Zeckenbiss übertragenen Lyme-Borreliose handelt es sich um eine Infektionskrankheit mit komplexem Krankheitsbild, welches aus unspezifischen Allgemein- und spezifischen Symptomen besteht, die aus dem Befall der einzelnen Organe resultieren. Zu den wichtigsten Allgemeinsymptomen gehören

  • Müdigkeit, Malaise, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Fieber, Arthralgien, Myalgien, Heiserkeit, Nausea, Erbrechen, Konjunktivitis, Gewichtsverlust, Diarrhöe.

Bekannt sind auch Beeinträchtigungen der Psyche wie insbesondere depressive Verstimmungen. Als Folge kann ferner ein Chronic Fatigue-Syndrom auftreten, wobei für dessen Diagnose andere Krankheiten ausgeschlossen sein müssen.

Stufenschema der versicherungsmedizinischen Beurteilung

Auszug Aktengutachten vom 27.11.2015, Dr. med. Peter Scollar, Pesomed GmbH

 

Wesentlich ist für die Unfallversicherung die Frage, ob eine Borreliose bzw. eine Neuroborreliose bei der versicherten Person vorliegt.

 

Gemäss Halperin (1) et al. sowie Kaiser (2) wird ein Stufenschema mit diagnostischen Kriterien einer Neuroborreliose angewendet:

 

Mögliche Neuroborreliose

  • Typisches klinisches Bild (Hirnnervenausfälle, Meningitis/Meningoradikulitis, fokale neurologische Ausfälle)
  • Borrelien-spezifische IgG- und/oder IgM-Antikörper im Serum
  • Liquorbefund nicht vorliegend/Liquorpunktion nicht durchgeführt

Wahrscheinliche Neuroborreliose

 

Wie bei möglicher Neuroborreliose, jedoch zusätzlich:

  • Entzündliches Liquorsyndrom mit lymphozyärer Pleozytose, Blut-Liquor-Schrankenstörung
  • und intrathekaler Immunglobulinsynthese
  • und Ausschluss anderer Ursachen für die vorliegende Symptomatik

Gesicherte Neuroborreliose

 

Wie bei wahrscheinlicher Neuroborreliose, jedoch zusätzlich:

  • intrathekale Synthese Borrelien-spezfischer Antikörper (IgG und/oder IgM) im Liquor oder
  • positiver kultureller- oder Nukleinsäurenachweis (PCR) im Liquor
  • und Ausschluss anderer Ursachen für die vorliegende Symptomatik

(1) Halperin J, Logigian EL, Finkel MF et al. Practice parameters for the diagnosis of patients with nervous system. Lyme borreliosis (Lyme disease). Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology. Neurology 1996; 46: 619 - 627.

 

(2) Kaiser R. Neuroborreliosis. J. Neurol 1998; 245: 247 - 255.  

Rechtsprechung zur natürlichen und adäquaten Kausalität in chronologischer Reihenfolge

Trotz Zeckenbiss natürliche Kausalität nicht nachgewiesen

Urteil 8C_390/2022 vom 07.09.2022 E. 4.1 (Volltext)

 

Gemäss Unfallmeldung vom 12..08.2019 hat sich der Versicherte am 28.06.2019 einen Zeckenbiss zugezogen.

 

Zwar habe die Blutuntersuchung Borrelia burgdorferi gezeigt, im Liquor seien aber keine Antikörper nachgewiesen worden. Damit sei eine Neuroborrelliose auszuschliessen und die diagnostizierte Meningoenzephalitis müsse auf eine andere - wenn auch nicht weiter abgeklärte - Ursache zurückgeführt werden. Auch das von den behandelnden Ärzten erwähnte, aber nicht detailliert beschriebene Erythema migrans könne den erforderlichen Beweis für eine unfallbedingte Ursache der geltend gemachten Beschwerden nicht erbringen.

 

Beachten Sie auch die oben zitierte Erwägung 3.

Wegfall der adäquaten Kausalität (Psycho-Praxis als leichter Unfall) nach 9 1/2 Monaten

Urteil 8C_734/2021 vom 08.07.2022 (Volltext)

  • Zeckenbiss vom 12.06.2020
  • Adäquate Kausalität per 31.03.2021 verneint.

Sachverhalt:

 

Gestützt auf die ärztlichen Akten gelangte Dr. med. C., Facharzt für Neurologie, Mitglied FMH, Suva Versicherungsmedizin, am 5. März 2021 zum Schluss, nach durchgemachter FSME sei das Krankheitsgeschehen positiv verlaufen mit vollständiger Normalisierung der kognitiven Leistungen. Nach den Leitlinien der Schweizerischen Vereinigung der Neuropsychologinnen und Neuropsychologen liege rein unfallbedingt eine minimale Funktionsstörung vor, die allenfalls bei hohen Anforderungen zu leichten Einschränkungen der Leistungsfähigkeit führe (Arbeitsunfähigkeit von höchstens 10 %). Mit Verfügung vom 17. März 2021 eröffnete die Suva A., die Abklärungen hätten ergeben, dass sich die aktuell noch geklagten gesundheitlichen Beschwerden organisch nicht ausreichend erklären liessen.

 

Der adäquate Kausalzusammenhang ist gemäss Psycho-Praxis als leichter Unfall nicht mehr gegeben, weshalb die Versicherungsleistungen auf den 31. März 2021 einzustellt wurden (E.3.3).

Wegfall der natürlichen Kausalität nach 6 Monaten

Urteil 8C_727/2021 vom 21.04.2022 (Volltext)

  • Zeckenbiss vom 03.09.2019
  • Natürliche Kausalität per 01.03.2020 verneint.

Begründung gemäss E. 3.2.2:

 

Inwieweit sich nach der deutlich gebesserten Symptomatik der erlittenen FSME ein darauf zurückzuführendes Fatigue-Syndrom entwickelt haben soll, ist weder den medizinischen noch den neuropsychologischen Befunden zu entnehmen. Jedenfalls wären von den beantragten weiteren Abklärungen keine entscheidrelevanten neuen Aspekte zu erwarten. Die Versicherte bestreitet denn auch nicht, dass der Zeckenbiss einen leichten Unfall im Sinne von BGE 115 V 133 E. 7 mit Hinweisen (vgl. auch das vorinstanzlich zitierte Urteil 8C_208/2015 vom 17. Juni 2015 E. 4) darstellt, dem für die Entstehung der geltend gemachten psychisch bedingten Erwerbsunfähigkeit keine massgebende Bedeutung zukommt oder der mit andern Worten nicht ernsthaft ins Gewicht fällt.

Natürliche Kausalität ab Unfallmeldung verneint

Urteil 8C_158/2020 vom 17.04.2020 (Volltext) / ZH-Urteil UV.2018.00304 (Volltext) 

  • Zeckenbiss ca. am 09.01.2016
  • Unfallmeldung vom 23.01.2017. Die Borreliose-Symptome seien zeitnah aufgetreten; deren Ursachen jedoch nicht erkannt worden.
  • Mit Verfügung vom 10.05.2017 hielt die Suva korrekt fest, dass geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Ereignis vom 09.01.2016 zurückzuführen sind, weshalb kein Leistungsanspruch besteht.

Begründung gemäss E. 3.2:

 

Beim Argument sodann, sie habe vor dem Zeckenbiss keine entsprechenden Beschwerden gehabt, handelt es sich um einen beweisrechtlich nicht zulässigen "Post-hoc-ergo-propter-hoc-Schluss" (im Sinne von "nach dem Unfall, also wegen des Unfalls"). Im Übrigen beschreibt die Beschwerdeführerin über Seiten hinweg die Geschehnisse, gibt ihre eigene Sicht der Dinge wieder und zitiert erneut Literaturstellen und Forschungsergebnisse zu Borreliose, ohne sich mit den entscheidenden Erwägungen der Vorinstanz zum Kausalzusammenhang substanziiert auseinanderzusetzen.

Wegfall der natürlichen Kausalität nach 9 Monaten

Urteil 8C_835/2018 vom 23.04.2019 (Volltext)

  • Zeckenbiss vom 08.04.2016
  • Natürliche Kausalität per 18.01.2017 verneint.

Begründung gemäss E. 6.2:

 

Einen Kausalzusammenhang zu den bestehenden Beschwerden schloss er zwar (im Gegensatz zu Prof. Dr. med. H.) nicht explizit aus. Indessen beschrieb er diese als "Allgemeinsymptome unklarer Genese". Solche allein genügen rechtsprechungsgemäss nicht für den Nachweis einer Verursachung der Borrelieninfektion durch den Unfall (U 245/99 E. 4; Urteil U 282/04 vom 14. März 2005 E. 2.2).

 

Für die Vorinstanz sprach des Weiteren gegen die Annahme einer natürlichen und adäquaten Kausalität, dass es namentlich im Januar 2017 an einer positiven Serologie fehlte.

Natürliche Kausalität eines Rückfalls nach 4 Jahren verneint

Urteil 8C_831/2016 vom 07.03.2017 (Volltext)

  • Zeckenbiss am 17.08.1998 mit Arbeitsunfähigkeit.
  • Meldung eines Rückfalls am 15.05.2013: Der Versicherte leide seit einigen Jahren an der von Zecken übertragenen Krankheit Borreliose und sei wegen eines erneuten Schubes seit 05.02.2013 arbeitsunfähig 
  • Mit Verfügung vom 27.10.2014 hielt die Suva korrekt fest, dass die geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf einen Unfall (Zeckenbiss) zurückzuführen sind, weshalb kein Leistungsanspruch besteht.

Wegfall der natürlichen Kausalität nach 6 Jahren

Urteil 8C_777/2015 vom 22.03.2016 (Volltext)

  • Zeckenbiss vom 10.08.2005
  • Natürliche Kausalität per 31.07.2011 verneint.

Begründung gemäss E. 3.5:

 

Denn massgebend ist die Gesamtbeurteilung aller beteiligten asim-Fachgutachter vom 31. Dezember 2012. Hierin führten sie aus, eine Abgrenzung der aus psychiatrischer Sicht der affektiven Erkrankung zuzuordnenden Symptome gegenüber Symptomen, die gegebenenfalls dem stattgehabten Borrelien-Infekt zugeordnet werden könnten, sei kaum möglich. Eine Verursachung der aktuellen Beschwerden durch die affektive Störung erscheine (v.a. bei Fehlen einer Neuroborreliose) insgesamt plausibler als die Annahme eines Residualzustandes nach Borrelien-Infekt. Zusammenfassend könne der unspezifische Beschwerdenkomplex der Versicherten zwar ätiologisch nicht sicher zugeordnet werden, begründe aber zusammen mit der gesicherten affektiven Störung und der neurologisch festgestellten Schmerzsymptomatik eine Minderung der Leistungs- resp. Arbeitsfähigkeit. Eine Zuordnung des heute geklagten Beschwerdekomplexes zu der durchgemachten Borreliose erscheine bestenfalls möglich, aber nicht überwiegend wahrscheinlich.

Adäquater Kausalzusammenhang nach 5 Jahren verneint

Urteil 8C_208/2015 vom 17.06.2015 (Volltext): Grundsatz = Allgemeine Adäquanzformel

 

Im vorliegenden Fall wurde die natürliche Kausalität offen gelassen und die Adäquanz nach 5 Jahren rechtskräftig verneint.

 

4.2.2. Dass ein lediglich leichter Unfall vorliegt, wird richtigerweise nicht bestritten. Rechtens und nicht in Frage gestellt ist auch die Beurteilung, dass die Adäquanz demnach zu verneinen ist (vgl. BGE 115 V 133 E. 6a S. 139), was einen Leistungsanspruch ausschliesst.

 

4.3. Festzuhalten bleibt, dass nach der allgemeinen Adäquanzformel nicht anders zu entscheiden wäre. Ein derart langwieriger Beschwerdeverlauf aus einer zeckenstichbedingten FSME bei zugleich seit Jahren gegebener voller Arbeitsfähigkeit in einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit entspricht wohl kaum dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung.

Sekundäre, psychische Folgen im Lichte der natürlichen Kausalität und der Psycho-Praxis

Urteil U 282/04 vom 14.03.2005 E. 2.2 (Volltext): Psychische Fehlentwicklung = Psycho-Praxis
 

Im vorliegenden Fall wurde bereits die natürliche Kausalität rechtskräft verneint.

 

Psychische Beeinträchtigungen können eine direkte Folge der Infektionskrankheit sein. Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfallereignis und dem Gesundheitsschaden kann diesfalls ohne weiteres bejaht werden, weil die Infizierung mit dem Borreliose-Erreger nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung, wozu in erster Linie die wissenschaftlichen Erkenntnisse gehören, einen Erfolg von der Art des eingetretenen zu bewirken vermag (BGE 129 V 181 Erw. 3.2 u. 405 Erw. 2.2, je mit Hinweisen)

 

Handelt es sich dagegen um sekundäre Folgen in dem Sinne, dass die betroffene Person mit der Krankheit insgesamt oder mit Folgen davon psychisch nicht fertig wird und deshalb erkrankt, hat die Adäquanzprüfung nach den für psychische Fehlentwicklungen nach Unfällen massgebenden Kriterien zu geschehen (BGE 115 V 133 ff.). Die Qualifikation der psychischen Beschwerden als direkte Auswirkungen der Erkrankung oder aber als sekundäre Folge davon bzw. als rein psychische Erkrankung hat aufgrund der ärztlichen Berichte zu erfolgen (U 222/00 und P. vom 9. Juli 2001, U 17/00).