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Unfallbegriff > Stolpern / Fehltritte / Misstritte

Grundsatz zum Stolpern

Urteil 8C_783/2013 vom 10.04.2014 (Volltext) : Stolpern erfüllt per se den Unfallbegriff

 

4.2. Nach Lehre und Rechtsprechung kann das für den Unfallbegriff wesentliche Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung bestehen. Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam "programmwidrig" beeinflusst hat (BGE 130 V 117 E. 2.1 S. 118).

 

Dies trifft beispielsweise dann zu, wenn die versicherte Person

  • stolpert,
  • ausgleitet
  • oder an einem Gegenstand anstösst,
  • oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu verhindern,
  • eine reflexartige Abwehrhaltung ausführt oder auszuführen versucht

(RKUV 2004 Nr. U 502 S. 183, U 322/02 E. 4.1). Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er - nach einem objektiven Massstab - nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist (BGE 134 V 72 E. 4.1 S. 76, 129 V 402 E. 2.1 S. 404 mit Hinweisen).

Stolper-, Fehl- und Misstrittereignisse ohne gedeckte Listendiagnose

Meinung von Koordination Schweiz

 

Sofern keine gedeckte Listendiagnose gemäss Art. 6 Abs. 2 UVG vorliegt, empfiehlt Koordination Schweiz Stolper-, Fehl- und Misstrittereignissen im Zweifelsfall bei der Beurteilung des ungewöhnlichen äusseren Faktors keine hohen Anforderungen zu stellen; beinhalten die Begriffe Stolpern, Fehl- und Misstritte per se eine Programmwidrigkeit. Ausnahme: Ich nehme die Fussbewegung, die zur Verletzung führt, bewusst vor.

 

Gedecktes Beispiel:

 

Ich gehe auf dem Trottoir und schaue auf mein Mobile. Ich achte nicht darauf, dass ich mich dem Trottoir-Rand mit einem Absatz von 10 cm nähere. Es folgt unbeabsichtigt ein Fehltritt mit Abknicken des Fussgelenkes mit Abdrehbewegung des Knies über den Trottoir-Rand. Sofortige Knieschmerzen (keine Listenverletzung). Koordination Schweiz erachtet den Fehltritt als ungewöhnlichen äusseren Faktor.

Joggen mit Fehltritt

Urteil 8C_50/2012 vom 01.03.2012 (Volltext)

 

Es habe sich um einen guten Naturweg gehandelt, der ab und zu Wurzeln und Unebenheiten aufgewiesen habe (E. 4). Er sei während des Joggens über eine Wurzel gestolpert und habe einen Fehltritt gemacht (E. 5.5).

 

5.6. ...Indessen handelt es sich beim Stolpern um ein äusseres Ereignis, das heisst um einen ausserhalb des Körpers liegenden, objektiv feststellbaren, sinnfälligen, eben unfallähnlichen Vorfall (Urteil 8C_978/2010 E. 4.2).

 

Resultat:

Über Trottoir-Rand abgeknickt

Urteil 8C_822/2007 vom 05.08.2008 (Volltext)

 

2 ... "Bin beim Nachhausegehen auf dem Trottoir mit dem rechten Fuss abgeknickt und (habe) mir dabei die Bänder am Fussgelenk überdehnt. ... Hatte schon mehrmals Probleme mit den Bändern an den Fussgelenken. Seit der Kindheit." Auf Nachfrage, welche äusseren Umstände zum Ereignis führten, gab sie an: "Keine! Bin lediglich mit dem Fuss abgeknickt!"

 

3.2 Streitig ist, ob das Abknicken des Fusses während des Gehens auf dem Trottoir einen äusseren Faktor im Sinne der vorgenannten Rechtsprechung darstellt. Dem Beschwerdeführer ist zuzustimmen, dass das blosse Gehen auf dem Trottoir eine alltägliche Lebensverrichtung ist. Hier ist jedoch ein davon zu unterscheidendes äusseres Moment in Form des Abknickens infolge des Fehltritts hinzugekommen. Damit ist aber ein schädigender äusserer Faktor zu bejahen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Versicherte bereits seit ihrer Kindheit Probleme mit den Bändern hatte. Denn auch bei einer degenerativen oder krankheitsbedingten Vorschädigung des betroffenen Körperteils genügt es, wenn ein äusseres Ereignis im Sinne eines Auslösungsfaktors hinzutritt (BGE 129 V 466 E. 2.2 S. 467). Demnach besteht der vorinstanzliche Entscheid zu Recht.

 

Resultat:

Fehltritt beim Fussball

Urteil U 362/06 vom 04.07.2007 (Volltext): Unglücklich abgestanden

 

4.1 ... Ich war im Lauf mit dem Ball am Fuss. Dabei muss ich wohl etwas unglücklich abgestanden sein".

 

4.2.1 ... Die beschriebene sportliche Aktivität beinhaltet somit eine Vielzahl nicht alltäglicher Bewegungen wie Ausbalancieren des Gleichgewichts, Ballkontrolle mit einem Fuss, Rennen etc., denen ein gewisses Gefahrenpotenzial innewohnt. Das durch die Judikatur näher umschriebene Erfordernis des äusseren schädigenden Faktors bei Änderung der Körperlage ist somit erfüllt und insgesamt auf ein unfallähnliches Ereignis zu erkennen. Dafür genügt es bereits, wenn sich jemand beim Versuch, vom Stand in die Laufbewegung überzugehen, verletzt (vgl. Urteil S. vom 21. November 2006 Erw. 3.2.1, U 398/06).

 

4.2.3 ... Insbesondere ist es im Anwendungsbereich von Art. 6 Abs. 2 UVG in Verbindung mit Art. 9 Abs. 2 UVV nicht erforderlich, dass der Betroffene einen eigentlichen Fehltritt mit einem Abknicken des Fusses/Knöchels macht, da dann bereits von einem Unfall im Rechtssinne (Art. 4 ATSG) auszugehen ist.

 

Resultat:

  • Der Unfallbegriff ist gemäss E. 4.2.3 erfüllt.

Über Stein gestolpert

Urteil 8C_978/2010 vom 03.03.2011 (Volltext)

 

Die Versicherte stolperte beim Nordic Walking über einen Stein, in der Folge am rechten Knie Schmerzen (keine Listendiagnose) verspürte und dieses anschwoll.  


4.2 ... Entgegen den Ausführungen im angefochtenen Entscheid erfüllt das Ereignis den Unfallbegriff gemäss Art. 4 ATSG nicht, da das reine Stolpern ohne Sturz beim sportlichen "Walken" in der freien Natur nicht als ungewöhnlich bezeichnet werden kann. Indessen handelt es sich beim Stolpern um ein äusseres Ereignis, das heisst um einen ausserhalb des Körpers liegenden, objektiv feststellbaren, sinnfälligen, eben unfallähnlichen Vorfall (vgl. BGE 129 V 466 E.2.2 S. 467 und E. 4.1 S. 469 mit Hinweis auf Urteil S. vom 27. Juni 2001 U 127/00).

 

Resultat: