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Gutachten > Beweiswert einzelner Berichte und Gutachten

In Kürze

Beweiswert von ärztlichen Berichten

 

Externe Gutachten

  • Vollen Beweiswert, solange ‘nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit‘ der Expertise sprechen.

Beratende Ärzte und versicherungsinterne Ärzte

  • Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen.

Behandelnde Ärzte (Hausärzte oder Spezialisten)

  • Entscheiden im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten. Im Streitfall wird eine direkte Leistungszusprache einzig gestützt auf diese Angaben kaum je in Frage kommen.

Aktengutachten

  • Kann voller Beweiswert zukommen, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht.

Gutachten von externen Spezialisten

Urteil 8C_737/2019 vom 19.07.2020 E. 5.1.4 (Volltext): Voller Beweiswert

 

Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezialärzte darf Beweiswert zuerkannt werden,

  • solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen

(BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; Urteil 9C_18/2019 vom 14. Juni 2019 E. 2.2 mit Hinweisen). Solche vermag die versicherte Person nicht aufzuzeigen. Ein Administrativgutachten ist denn auch nicht stets dann in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn behandelnde Ärzte zu einem anderen Ergebnis gelangen; vorbehalten bleiben Fälle,

Beratende Ärzte und versicherungsinterne Ärzte

BGE 135 V 465 vom 28.10.2009 E. 4.4 (Volltext): Geringere Beweiskraft als externe Gutachten

  

Auch wenn die Rechtsprechung den Berichten versicherungsinterner medizinischer Fachpersonen stets Beweiswert zuerkannt hat, so ist doch zu betonen, dass ihnen praxisgemäss nicht dieselbe Beweiskraft wie einem gerichtlichen oder einem im Verfahren nach Art. 44 ATSG vom Versicherungsträger in Auftrag gegebenen Gutachten zukommt (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 ff.; 122 V 157 E. 1c S. 160 ff.).


Soll ein Versicherungsfall jedoch ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 122 V 157 E. 1d S. 162 f.).

Urteil 8C_583/2019 vom 12.11.2019 E. 5.2.1 (Volltext): Konsiliarische Zusatzbeurteilung

 

Dr. med. D. hat die Sache vorgängig seiner Beurteilung vom 29. Mai 2018 dem Radiologen Dr. med. E. zur konsiliarischen Zusatzbeurteilung unterbreitet. Dass Letzterer gegenüber der Suva vertrauensärztliche Aufgaben wahrnehmen würde, wird nicht behauptet und ist auch nicht erstellt. Dr. med. E. kann somit in dieser Konstellation nicht als versicherungsinterner Arzt angesehen werden (vgl. auch Urteil 8C_465/2016 vom 31. Oktober 2016 E. 4.1).  

Urteil 8C_281/2018 vom 25.06.2018 E. 4.2.2 (Volltext): Beratende bzw. versicherungsinterne Ärzte

 

Beratende Ärzte sind, was den Beweiswert ihrer ärztlichen Beurteilung angeht, versicherungsinternen Ärzten gleichzusetzen.

Urteil 8C_800/2011 vom 31.01.2012 E. 3.3 (Volltext): Einwand Facharzt genügt als geringer Zweifeln

 

Konkrete und differenzierte Einwände des behandelnden Facharztes sind geeignet, zumindest geringe Zweifel an der Schlüssigkeit der Beurteilung der Beurteilung des Kreisarztes zu wecken. Bei dieser Ausgangslage hätte nicht erneut eine versicherungsinterne Beurteilung eingeholt werden müssen, sondern vielmehr ein externen medizinisches Gutachten.

Behandelnde Ärzte (Hausärzte oder Spezialärzte)

Urteil 8C_317/2019 vom 30.09.2019 E. 4.2.3 (Volltext): Geringere Beweiskraft als externe Gutachten

 

Es ist Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte (seien dies Hausärzte oder spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen) im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen (Urteile 8C_420/2018 vom 13. März 2019 E. 6.5; 8C_609/2017 vom 27. März 2018 E. 4.3.3; je mit Hinweisen).

 

ATSG > Gutachten > Fallbearbeitung > Einwände des Hausarztes gegen ein Gutachten

Urteil 8C_549/2021 vom 07.01.2022 (Volltext): Behandelnde Arzt als Rechtsvertreter = Doppelte Parteistellung

 

7.2. Die Erfahrungstatsache, wonach behandelnde Ärzte (seien dies Hausärzte oder spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen) im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall mitunter eher zugunsten ihrer Patienten aussagen, darf zwar, wie die Vorinstanz zu Recht festhält, nicht dahingehend missverstanden werden, dass Berichten von behandelnden Ärzten in jedem Fall zu misstrauen ist und ihnen von vornherein ohne nähere Begründung jegliche Glaubwürdigkeit abzusprechen wäre.

 

Vorliegend trug das kantonale Gericht dem Umstand jedoch keine Rechnung, dass Dr. med. B nicht nur der behandelnde Arzt des Versicherten war, sondern auch als dessen Rechtsvertreter auftrat (und weiterhin auftritt).

  • Damit hat er die parteiische Stellung, die bei behandelnden Ärzten erfahrungsgemäss ohnehin angenommen wird, noch bekräftigt.

Vor diesem Hintergrund kann es umso weniger angehen, dass die Vorinstanz die direkte Leistungszusprache einzig auf die Angaben dieses Arztes abstützte.  

Urteil 8C_301/2021 vom 23.06.2021 E. 5.2.2 (Volltext): Im Speziellen schmerztherapeutisch tätige Ärzte 

 

Erfahrungsgemäss sagen behandelnde Ärzte bzw. Therapiekräfte im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall mitunter eher zu Gunsten ihrer Patienten aus. Dies gilt für den allgemein praktizierenden Hausarzt wie für den behandelnden Spezialarzt und erst recht für den schmerztherapeutisch tätigen Arzt mit seinem besonderen Vertrauensverhältnis und dem Erfordernis, von den geklagten Schmerzen zunächst bedingungslos auszugehen.

BGE 135 V 465 vom 28.10.2009 E. 4.5 (Volltext): Eher zu Gunsten des Patienten

 

Aus dem Grundsatz der Waffengleichheit folgt das Recht der versicherten Person, mittels eigener Beweismittel die Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen der versicherungsinternen Fachpersonen in Zweifel zu ziehen. Diese von der versicherten Person eingereichten Beweismittel stammen regelmässig von behandelnden Ärztinnen und Ärzten oder von anderen medizinischen Fachpersonen, die in einem auftragsrechtlichen Verhältnis zur versicherten Person stehen.

 

Da sich die behandelnden Ärztinnen und Ärzte zudem in erster Linie auf die Behandlung zu konzentrieren haben, verfolgen deren Berichte nicht den Zweck einer den abschliessenden Entscheid über die Versicherungsansprüche erlaubenden objektiven Beurteilung des Gesundheitszustandes und erfüllen deshalb kaum je die materiellen Anforderungen an ein Gutachten gemäss BGE 125 V 351 E. 3a S. 352.

 

Aus diesen Gründen und aufgrund der Erfahrungstatsache, dass Hausärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3a/cc S. 353 mit weiteren Hinweisen), wird im Streitfall eine direkte Leistungszusprache einzig gestützt auf die Angaben der behandelnden Ärztinnen und Ärzte denn auch kaum je in Frage kommen.

Aktengutachten und Aktenberichte / Datenschutz

Urteil 8C_322/2020 vom 09.07.2020 E. 3 (Volltext): Voraussetzungen für Beweiskraft

 

Reine Aktengutachten sind beweiskräftig, sofern

  • ein lückenloser Befund vorliegt
  • und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht,
  • mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt. 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 9C_154/2021 vom 10.03.2022 E. 2.1

Urteil 8C_721/2014 vom 27.04.2015 E. 7.3 (Volltext): Psychiatrie-Aktengutachten ohne Beweiswert

 

Nach der Rechtsprechung bedarf es zu einer überzeugenden psychiatrischen Exploration in aller Regel eines Gesprächs mit dem Patienten, ist doch gerade im Rahmen der Psychiatrie der persönliche Eindruck von ausschlaggebender Bedeutung. Weder med. pract. C. noch Dr. med. D. haben jedoch den Versicherten persönlich gesehen, sondern sich alleine auf die vorhandenen Akten gestützt.

Urteil 9C_1019/2010 vom 30.03.2011 E. 2.3 (Volltext): Alter der beurteilten medizinischen Akten: 2 Jahre

 

 Ein Zeitraum von zwei Jahren zwischen der Erstattung der als massgebend erachteten Berichte und dem Erlass der Verfügung bedeutet für sich allein noch keine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes, wenn bei fehlenden Hinweisen für eine Veränderung des Gesundheitszustandes weiterhin darauf abgestellt wird (vgl. Urteil 8C_1024/2010 vom 3. März 2011 E. 2.1). Hinweise auf eine Veränderung des Gesundheitszustandes finden sich nun aber weder in den Akten, noch macht die Beschwerdeführerin eine solche geltend. 

Urteil 8C_63/2009 vom 25.01.2010 E. 5.2.2 (Volltext): Ablehnung Gutachten; Aktengutachten mit Beweiswert

  • Versicherte lehnt Begutachtung ab.
  • Versicherer veranlasst ein Aktengutachten ohne die Versicherte zu informieren.
  • Vorgehen Versicherer entspricht nicht vorgesehenem Ablauf (Art 43 ATSG: Abklärung).
  • Aktengutachten erhält nur den Beweiswert einer Stellungnahme einer versicherungsinternen Fachperson.

Urteil 8C_550/2007 vom 12.03.2007 E. 2.1.2 (Volltext): Datenschutz

 

Aktengutachten ohne Einwilligung der versicherten Person sind erlaubt.

Privat- bzw. Parteigutachten

Urteil 9C_580/2018 vom 14.11.2018 E. 4.1 (Volltext): KTV-Gutachten mit Beweiswert für IV-Stelle

 

Wenn die IV-Stelle auf das von der Krankentaggeldversicherung AXA-Winterthur in Auftrag gegebene neurologische Gutachten abgestellt hat, hat sie kein Bundesrecht verletzt.  Den vom Krankentaggeldversicherer nicht im gesetzlich vorgesehenen Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten kommt vielmehr der Beweiswert versicherungsinterner ärztlicher Feststellungen zu (Urteile 8C_71/2016 vom 1. Juli 2016 E. 5.3, 8C_486/2015 vom 30. November 2015 E. 4.1.3).

Urteil 8C_924/2015 vom 23.02.2016 E. 4.3 (Volltext): Gegen versicherungsinterne Einschätzung

 

Zusammengefasst vermögen die Einwände des Privatgutachters keine hinreichenden Zweifel an den versicherungsinternen Einschätzungen, auf welche sich Verwaltung und Vorinstanz gestützt haben, zu begründen, um davon abzuweichen (BGE 139 V 225 E. 5.2 S. 229). Weitere medizinische Abklärungen erübrigen sich. 

Urteil 4A/178/2015 vom 11.09.2015 E. 2.6 (Volltext): Auftrag durch VVG-Versicherer als Parteibehauptung

 

Bei einem durch einen Einzel-Krankentaggeldversicherer nach VVG veranlasstes Gutachten, handelt es sich nicht um ein neutrales, sondern um ein Partei- bzw. Privatgutachten, welche im Zivilprozess nicht als Beweismittel, sondern als blosse Parteibehauptungen gelten.

 

BGE 125 V 351 vom 14.06.1999 (Volltext): Beweiwert liegt vor

 

Was Parteigutachten anbelangt, rechtfertigt der Umstand allein, dass eine ärztliche Stellungnahme von einer Partei eingeholt und in das Verfahren eingebracht wird, nicht Zweifel an ihrem Beweiswert (ZAK 1986 S. 189 Erw. 2a in fine).