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Unfallbegriff

Art. 4 ATSG

 

Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.

Ungewöhnlicher äusserer Faktor

BGE 130 V 117 vom 30.12.2003 (Volltext)

 

2.1 Nach Lehre und Rechtsprechung kann das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung bestehen.

 

Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam programmwidrig beeinflusst hat.

 

Bei einer solchen unkoordinierten Bewegung ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor - Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt - ist wegen der erwähnten Programmwidrigkeit zugleich ein ungewöhnlicher Faktor.

Urteil 8C_783/2013 vom 10.4.2014 (Volltext)

 

4.2 ... Die Programmwidrigkeit trifft beispielsweise dann zu, wenn die versicherte Person stolpert, ausgleitet oder an einem Gegenstand anstösst, oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu verhindern, eine reflexartige Abwehrhaltung ausführt oder auszuführen versucht. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er - nach einem objektiven Massstab - nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist.

Schädigungen im Körperinnern

BGE 134 V 72 vom 18.1.2008 (Volltext) : Ursache der Schädigung im Körperinnern = Krankheit

 

4.1.1 ... Einwirkungen, die aus alltäglichen Vorgängen resultieren, taugen in aller Regel nicht als Ursache einer Gesundheitsschädigung. Liegt der Grund somit allein im Innern des Körpers, ist Krankheit gegeben. Daran ändert die blosse Auslösung des Gesundheitsschadens durch einen äusseren Faktor nichts; Unfall setzt vielmehr begrifflich voraus, dass das exogene Element so ungewöhnlich ist, dass eine endogene Verursachung ausser Betracht fällt.

Urteil 8C_693/2010 vom 25.3.2011 (Volltext): Hampelmann-Übung

 

5.2 ... Bei Schädigungen, die sich auf das Körperinnere beschränken (vorliegend eine Hampelmann-Übung), unterliegt der Nachweis eines Unfalls indessen insofern strengen Anforderungen, als die unmittelbare Ursache der Schädigung unter besonders sinnfälligen Umständen gesetzt werden muss; denn ein Unfallereignis manifestiert sich in der Regel in einer äusserlich wahrnehmbaren Schädigung, während bei deren Fehlen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit rein krankheitsbedingter Ursachen besteht. Der äussere Faktor ist zentrales Begriffscharakteristikum eines jeden Unfallereignisses; er ist Gegenstück zur - den Krankheitsbegriff konstituierenden - inneren Ursache.

Sportunfälle im Speziellen

Urteil 8C_835/2013 vom 28.01.2014 (Volltext)

 

Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist das Merkmal der Ungewöhnlichkeit ohne besonderes Vorkommnis daher auch bei einer Sportverletzung zu verneinen (...). Der äussere Faktor ist nur dann ungewöhnlich, wenn er - nach einem objektiven Massstab - nicht mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist, nicht aber, wenn ein Geschehen in die gewöhnliche Bandbreite der Bewegungsmuster des betreffenden Sports fällt (...).

Urteil U 322/02 vom 7.10.2003 (Volltext)

 

Bei sportlichen Tätigkeiten ist ein Unfall im Rechtssinne nur dann anzunehmen, wenn die sportliche Übung anders verläuft als geplant.

 

Wenn sich hingegen das in einer sportlichen Übung inhärente Risiko einer Verletzung verwirklicht, liegt kein derartiges Unfallereignis vor.

 

Ein solches ist auch dann zu verneinen, wenn die Übung zwar nicht ideal verläuft, die Art der Ausführung sich aber noch in der Spannweite des Üblichen des betreffenden Sportes bewegt.

Plötzlichkeit

Definition

 

Der ungewöhnliche äussere Fator muss plötzlich auf den menschlichen Körper wirken. Er muss mit anderen Worten einmalig und nicht voraussehbar sein. Dadurch lässt sich zwischen der meist schleichend entstandenen gewöhnlichen Krankheit und der plötzlich durch Unfall verursachte Gesundheitsschädigung unterscheiden.

 

Unerheblich ist, ob Schmerzen plötzlich auftreten, da diese bereits zur gesundheitlichen Störung (und nicht zum äusseren Faktor) gehören.

Urteil 8C_494/2013 (BGE 140 V 220) vom 22.04.2014 (Volltext): Mehrmaliges Zuführen von Substanzen

 

Die Einnahme von Alkohol, Medikamenten und Drogen führt zu einer Mischintoxikation mit Multiorganversagen. Infolge mehrmaligem Zuführen von Substanzen ist die Plötzlichkeit nicht erfüllt.

 

Auch beim Zustand der gänzlichen Urteilsunfähigkeit begangener Selbsttötung oder Selbstschädigung besteht ein Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung nur, wenn die Kriterien des Unfallbegriffs erfüllt sind (E. 3.3).

 

5.5. Ist zusammenfassend bereits das Kriterium der Plötzlichkeit nicht erfüllt, braucht auf die weiteren Unfallkriterien wie auch auf die Frage eines Suizids bzw. Suizidversuchs nicht näher eingegangen zu werden. ...

Urteil 8C_709/2010 vom 31.01.2011 (Volltext): Einmaliger Vorfall 

 

3.2 ... Da es jedoch für die Bejahung des Unfallbegriffes (vgl. Art. 4 ATSG) eines plötzlichen, überwiegend wahrscheinlich in einem bestimmten Zeitpunkt eingetretenen einmaligen Vorfalles bedarf - eine Verletzung, die ausschliesslich auf wiederholte, im täglichen Leben laufend auftretende, eine allmähliche Abnützung bewirkende und schliesslich zu einem behandlungsbedürftigen Gesundheitsschaden führende Mikrotraumata zurückzuführen ist, genügt diesem Begriffsmerkmal nicht  (Urteile U 137/06 vom 17. Oktober 2006 E. 2 in fine und U 368/05 vom 21. Dezember 2005 E. 2 mit Hinweisen)

Urteil U 32/07 vom 14.06.2007 E. 2 (Volltext): Ein einzelner äusserer Faktor als Deckungsvoraussetzung

 

Die Exposition gegenüber einem schädlichen Faktor (Gasvergiftung, Bestrahlung, etc.) gilt als Unfall, wenn sich die Gesundheitsschädigung über einen relativ kurzen Zeitraum ereignet hat und es sich dabei um einen einzelnen äusseren Faktor handelt. Die Gesundheitsschädigung darf nicht durch die Summe der repetitiven Einwirkungen immer gleicher äusserer Faktoren entstehen.

Urteil U 245/05 vom 1.12.2005 (Volltext): Mehrere Paukenschläge = Keine Plötzlichkeit

 

Sachverhalt: Gehörtrauma bei einer Souffleuse durch Paukenschlag

 

Resultat: Die Gesundheitsschädigung lässt sich insgesamt nicht einem einzelnen Paukenschlag zuordnen; damit ist nebst der Ungewöhnlichkeit auch das Element der Plötzlichkeit nicht erfüllt.

 

2.4 ... Da die Versicherte aufgrund ihrer Tätigkeit als Souffleuse die aufgeführte Oper bestens kannte, war sie auf den Paukeneinsatz gefasst, auch wenn dieser nicht von jedem Musiker zeitlich gleich schnell und gleich kräftig ausgeführt wird. Somit erfolgte nichts, was nicht im Bereich des Erwarteten lag, weshalb weder das Element der Plötzlichkeit noch jenes der Ungewöhnlichkeit erfüllt ist.

Absicht / Eventualvorsatz

Schädigende Einwirkung

Ein Unfall liegt nur vor, wenn das Ereignis einen Gesundheitsschaden bewirkt. Es kann sich um körperliche und ebenso um psychische Störungen handeln.