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Invaliditätsgrad > Parallelisierung der Vergleichseinkommen

Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH)

Parallelisierung der Vergleichseinkommen inkl. Berechnungsbeispiel

KSIH


3020 (1/18): Im Rahmen des Einkommensvergleichs sind invaliditätsfremde Faktoren überhaupt nicht oder dann bei beiden Vergleichseinkommen gleichmässig zu berücksichtigen. Wenn eine versicherte Person in derjenigen Tätigkeit, die sie als Gesunde ausgeführt hat, einen deutlich unterdurchschnittlichen Lohn erzielt, weil ihre persönlichen Eigenschaften (namentlich fehlende Ausbildung oder Sprachkenntnisse, ausländerrechtlicher Status) oder ein regional unterdurchschnittliches Lohnniveau die Erzielung eines Durchschnittslohnes verunmöglichen, dann ist anzunehmen, dass sie mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung ebenfalls lediglich einen unterdurchschnittlichen Lohn erzielen kann (BGE 135 V 58). In einem solchen Fall muss eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen vorgenommen werden, um die invaliditätsfremden Faktoren zu eliminieren bzw. gleichmässig zu berücksichtigen

 

3020.1 (1/18): Eine Parallelisierung ist grundsätzlich dann vorzunehmen, wenn sich zwischen dem tatsächlich erzielten Verdienst (Valideneinkommen) und dem branchenspezifischen Tabellenlohn (nach LSE) eine Abweichung von mindestens 5% ergibt (BGE135 V 297).

 

3020.2 (1/18): Es ist nur derjenige Teil zu berücksichtigen, der die 5% übersteigt. Beträgt z.B. die Abweichung beispielsweise insgesamt 12%, so kann nur im Umfang von 7% parallelisiert werden.

 

3020.3 (1/18): Die Parallelisierung ist vorzunehmen entweder auf Seiten des Valideneinkommens durch Heraufsetzung des effektiv erzielten Einkommens oder auf Seiten des Invalideneinkommens durch Herabsetzung des statistischen Wertes (8C_2/2017).

 

Beispiel

 

Eine versicherte Person hatte im Gesundheitsfall im massgebenden Zeitpunkt einen Jahreslohn als Bauarbeiter von Fr. 56‘104.-.


Das massgebende Jahreseinkommen im Baugewerbe gemäss LSE-Tabelle (angepasst an die branchenübliche Arbeitszeit und auf denselben Zeitpunkt hochindexiert) beträgt Fr. 68‘592.-.


Der trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung noch erzielbare Jahresverdienst bei zumutbarer Ausschöpfung der Restarbeitsfähigkeit (Invalideneinkommen) beträgt Fr. 32‘602.-.


Das erzielte Valideneinkommen liegt somit 18.2% unter der branchenüblichen Entlöhnung gemäss LSE.

  • (68‘592-56‘104) x 100 / 68‘592 = 18.2%

Es verbleibt somit eine zu berücksichtigende Unterdurchschnittlichkeit des Einkommens von 13.2%.

  • (18.2% - 5% = 13.2%)

Rechnungsvariante Herabsetzung Invalideneinkommen

  • VE = 56‘104.-
  • IE = 32‘602.- x [(100 – 13.2)/100] = 28‘298.53
  • Erwerbseinbusse = 56‘104 – 28‘298.53 = 27‘805.47
  • IV-Grad = 27‘805.47 x 100 / 56‘104 = 49.56%

Rechnungsvariante Heraufsetzung Valideneinkommen

  • VE = [56‘104.- / (100 – 13.2)] x 100 = 64‘635.94
  • IE = 32‘602.-
  • Erwerbseinbusse = 64‘635.94 – 32‘602 = 32‘033.94
  • IV-Grad = 32‘033.94 x 100 / 64‘635.94 = 49.56%

Es besteht somit jeweils ein gerundeter IV-Grad von 50% und damit Anspruch auf eine halbe Rente.

 

3020.4 (1/18): Nach dem ersten Schritt der Parallelisierung der Vergleichseinkommen ist in einem zweiten Schritt ein allenfalls noch angebrachter leidensbedingter Abzug vom Invalideneinkommen vorzunehmen (Rz 3067.1 ff.). Zu beachten ist, dass die bei der Parallelisierung berücksichtigten invaliditätsfremden Faktoren nicht noch bei der Bemessung des leidensbedingten Abzuges berücksichtigt werden dürfen.


3020.5 (1/18): Ausnahmen von der Parallelisierung:

  • Wenn Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sich die versicherte Person aus freien Stücken mit einem bescheideneren Einkommen begnügt hat (BGE 135 V 297, BGE 134 V 322, 9C_488/2008, BGE 135 V 58, 9C_996/2010), insbesondere bei über mehrere Jahre hinweg erzielten bescheidenen Einkommen aus selbstständiger Erwerbstätigkeit (8C_626/2011).
  • Wenn bei Validen- und Invalideneinkommen die gleichen invaliditätsfremden Faktoren einen (negativen) Einfluss auf das Lohnniveau hatten (9C_112/2012 Erw. 4.5).
  • Wenn der Versicherte nicht (ausschliesslich) eines der bisherigen Arbeitsverhältnisse weitergeführt hätte und daher der tatsächlich erzielte (allenfalls unterdurchschnittliche) Verdienst nicht mehr als Grundlage für das Valideneinkommen herangezogen werden kann, sondern ein statistischer Wert heranzuziehen ist (9C_595/2010).

Chronologische Rechtsprechung

Invaliditätsfremde Umstände

Urteil 8C_223/2019 vom 11.07.2019 E. 3.2 (Volltext):  Fahrende Gemeinschaft  

 

Invaliditätsfremde Umstände, so auch die Tatsache, dass eine versicherte Person zur Gemeinschaft der Fahrenden gehört (vgl. Urteil I 750/04 vom 5. April 2006 E. 5.5), sind im Rahmen des Einkommensvergleichs überhaupt nicht oder dann bei beiden Vergleichsgrössen gleichmässig zu berücksichtig. Wenn diesem Umstand nur beim Invalideneinkommen Rechnung getragen wird, verletzt dies den Grundsatz der Parallelisierung.

Mindestlohn gemäss GAV-LMV

Urteil 8C_607/2018 vom 20.02.2019 E. 2.2.2 (Volltext): Keine Parallelisierung

 

Gemäss den Urteilen 8C_141/2016 und 8C_142/2016 vom 17. Mai 2016 E. 5.2.2 kann das Valideneinkommen eines Bau-Hilfsarbeiters, das dem Mindestlohn gemäss GAV-LMV entspricht, nicht als unterdurchschnittlich bezeichnet werden, auch wenn es erheblich unter dem LSE-Lohnniveau (Kompetenzniveau 1, Männer) im Baugewerbe liegt, weshalb für eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen kein Anlass besteht (vgl. auch Urteil 8C_537/2016 vom 11. April 2017 E. 6.2, publiziert in SVR 2017 UV Nr. 32 S. 105). Angesichts der nur kurzen Beschäftigungsdauer des Beschwerdegegners im Baugewerbe ist auch mit Blick auf das in Urteil 8C_759/2017 vom 8. Mai 2017 (publiziert in SVR 2018 UV Nr. 33 S. 115) am Ende von E. 3.2.2 Erwogene nichts anderes anzunehmen.

Selbst gewählte Tätigkeit als Taxifahrer

Urteil 8C_313/2018 vom 10.08.2018 (Volltext): Keine Parallelisierung

 

Der Versicherte absolvierte die Taxiprüfung im Jahr 1981. Seit 2006 ging er bis zu seinem Unfall am 20. Januar 2009 seiner Tätigkeit als Taxifahrer in einem Vollzeitpensum nach. Dabei wären ihm nach seiner Entlassung bei der Maschinenbaufirma aufgrund einer betrieblichen Umstrukturierung im Jahr 2006 auch andere Tätigkeiten im bisherigen Bereich offen gestanden. Stattdessen entschied er sich für die Tätigkeit als Taxifahrer. Diese übte er auch nach dem Unfall weiter aus, weshalb anzunehmen ist, dass er auch ohne gesundheitliche Beeinträchtigung bis zur ordentlichen Pensionierung als Taxifahrer gearbeitet hätte. Es bestehen somit gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass sich der Versicherte aus freien Stücken mit einem tiefen Einkommen begnügte. Damit besteht kein Anlass für eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen (E. 7.2). 

Klassische Faktoren eines unfreiwilligen Minderverdienstes inkl. Berechnungsbeispiel

Urteil 8C_841/2017 vom 14.05.2018 (Volltext)

 

Klassische Faktoren eines unfreiwilligen Minderverdienstes (E. 5.1.3.):

  • Sie kam erst im Alter von 49 Jahren in die Schweiz. Erfahrungsgemäss ist die Suche nach einer - besser bezahlten - Stelle ab einem Alter von 50 Jahren erschwert.
  • In ihrer Heimat, Bosnien, besuchte sie während bloss 4 Jahren die Grundschule und arbeitete in der Folge auf dem elterlichen Bauernhof.
  • Einen Beruf erlernte sie nicht, ebensowenig die deutsche Sprache. 

Berechnungsbeispiel (E. 4.2.):

  • Die Versicherte verdiente als Raumpflegerin vor dem Unfall Fr. 46'068.00.
  • LSE 2012, TA1, KN 1, Frauen: Fr. 51'441.00; dies entspricht dies einem unfreiwilligen Minderverdienst von Fr. 10.44 %.
  • Abzug der Erheblichkeitsgrenze: 10.44 % ./. 5 % = 5.44 %.
  • Erhöhung des Valideneinkommens um 5.44 %: Fr. 46'068.00 . 100 x Fr. 105.44 = Fr. 48'574.00

Gesamtarbeitsvertrag / leistungsmindernde Charakterzüge

Urteil 8C_759/2017 vom 08.05.2018 (Volltext)

 

Keine Parallelisierung der Vergleichseinkommen, wenn:

  • der Validenverdienst über dem GAV-Mindestverdienst liegt, weshalb er per se nicht als unterdurchschnittlich betrachten werden kann. Mit Urteil 8C_141/2016 und 8C_142/2016 vom 17. Mai 2016 E. 5.2.2.3 hat das Bundesgericht entschieden, dass das Einkommen ungelernter Bauarbeiter, welches dem Mindestverdienst gemäss dem Landesmantelvertrag für das schweizerische Bauhauptgewerbe (GAV-LMV)  entspreche oder diesen gar übersteige, nicht als unterdurchschnittlich qualifiziert werden könne, auch wenn es erheblich unter dem in der LSE ausgewiesenen Durchschnittslohn im Bauhauptgewerbe liegt. Dies wird im Wesentlichen mit der Aussage unterlegt, der Mindestverdienst gemäss GAV-LMV bilde das branchenübliche Einkommen präziser ab als der entsprechende LSE-Lohn.
  • leistungsmindernde, ängstlich unsichere Charakterzüge vorliegen und somit der Minderverdienst auf Freiwilligkeit beruht.

Selbst gewählter beruflicher Richtungswechsel

Urteil 8C_250/2017 vom 28.09.2017 (Volltext): Keine Parallelisierung (Herrenkonfektion > Buchhandel)

 

5.1.2. Wie schon das kantonale Gericht führt auch der Versicherte die festgestellte Unterdurchschnittlichkeit seines Valideneinkommens in seiner Vernehmlassung vom 22. Mai 2017 auf die fehlende Ausbildung als Buchhändler, die mangelnde Berufserfahrung und das direkt nach dem Lehrabschluss noch junge Alter zurück. Diese Umstände mögen zwar tatsächlich dazu mitbeigetragen haben, dass er nur einen relativ geringen Lohn erhielt. Sie waren aber für sich allein nicht ausschlaggebend für die geringe Entlöhnung und deren Unterdurchschnittlichkeit. Wie der Unfallversicherer richtig geltend macht, hätten sie auch bei anderen Anstellungen im Detailhandel zu eher tiefen Löhnen geführt.

 

Als entscheidender Grund für die deutliche Unterdurchschnittlichkeit ist der berufliche Wechsel in den Buchhandel zu betrachten, nachdem er schon eine Lehre im Bereich der Herrenkonfektion abgeschlossen hatte. Diesen Richtungswechsel hat er selbst gewählt, ohne dass ihn dazu äussere Umstände, die von ihm nicht beeinflussbar gewesen wären, getrieben hätten. Deshalb stellt sich der UVG-Versicherer zu Recht auf den Standpunkt, das unterdurchschnittliche Einkommen sei aus freien Stücken akzeptiert worden. Nach der Rechtsprechung besteht damit kein Grund für eine Parallelisierung der Vergleichseinkommen.

Unterdurchschnittlichkeit des Valideneinkommens

Urteil 8C_494/2014 (BGE 141 V 1) vom 11.12.2014 (Volltext): Überstunden nicht einbeziehen


Bei der Prüfung der Unterdurchschnittlichkeit des tatsächlich erzielten Valideneinkommens ist von dem Lohn auszugehen, den der vollzeitlich tätige Versicherte innerhalb der vereinbarten Arbeitszeit erzielte, und das Entgelt für Überstundenarbeit ist nicht einzubeziehen (E. 5).

Urteil 8C_594/2013 vom 11.11.2013 (Volltext): Gesamtschweizerische Verhältnisse

 

6. ... Anzumerken bleibt, dass zur Prüfung der Unterdurchschnittlichkeit des Valideneinkommens einerseits nicht auf das Lohnniveau in der jeweils in Betracht fallenden Grossregion, sondern auf gesamtschweizerische Verhältnisse abzustellen ist.

Urteil 8C_437/2013 vom 27.08.2013 (Volltext): Massgebender Tabellenlohn

 

2.1 …Massgeblich für die Ermittlung der Unterdurchschnittlichkeit des Valideneinkommens ist der branchenübliche Tabellenlohn. Nicht relevant ist, ob die Versicherte in einem anderen Beruf mehr hätte verdienen können. 

Wirtschaftlich nicht ausgenutztes Potential

Urteil 9C_112/2012 vom 19.11.2012 (Volltext)

 

Eine Erhöhung des Valideneinkommens (Parallelisierung) ist nicht möglich, wenn im Zeitpunkt des Krankheitseintritts offene Kapazitäten bestanden haben, welche mit Aufträgen hätten gefüllt werden können.

 

Denn das versicherte Risiko in der Invalidenversicherung ist nicht der Verlust von Erwerbsmöglichkeiten, sondern die effektive, gesundheitlich bedingte Einbusse im Erwerbseinkommen. Mit anderen Worten ist bei einer versicherten Person, welche im Gesundheitsfall ihr wirtschaftliches Potential nicht voll ausnützt, der nicht verwertete Teil der Erwerbsfähigkeit nicht versichert (E. 4.6).

Keine Anwendung bei wirtschaftlichen Gründen

BGE 135 V 58 vom 12.12.2008 (Volltext)

 

Ist ein durchschnittliches Invalideneinkommen realistischerweise erzielbar bzw. zumutbar, so ist ein aus wirtschaftlichen Gründen unterdurchschnittliches Valideneinkommen nicht auf ein durchschnittliches aufzurechnen. Darin liegt keine Ungleichbehandlung der Schlechtverdienenden (E. 3.4.1- 3.4.6 [insbes. E. 3.4.4]).

Erheblichkeitsgrenze 5 %

BGE 135 V 297 vom 08.05.2009 (Volltext):

  • Parallelisierung erfolgt bei deutlich unterdurchschnittlichem Lohn.
  • Die Erheblichkeitsgrenze beträgt 5 %.
  • Weicht der tatsächliche Lohn vom branchenüblichen LSE-Tabellenlohn weniger als 5 % ab, erfolgt keine Parallelisierung der Vergleichseinkommen.

Verhältnis zum Leidensabzug

BGE 134 V 322 vom 12.6.2008 (Volltext)  

 

…, wobei zu beachten ist, dass allfällige bereits bei der Parallelisierung der Vergleichseinkommen mitverant-wortliche invaliditätsfremde Faktoren im Rahmen des sogenannten Leidensabzuges nicht nochmals berücksichtigt werden dürfen.