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Invaliditätsgrad > Ausgeglichener Arbeitsmarkt im Allgemeinen

In Kürze

Die ausgeglichene Arbeitsmarktlage beinhaltet ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen dem Angebot von Stellen und der Nachfrage nach solchen; Nischenarbeitsplätze erfüllen z. B. diese Voraussetzung. Nicht zu prüfen ist, ob der Versicherte tatsächlich eine entsprechende Arbeitsstelle erhält oder erhalten kann. 

Gesetzliche Bestimmung

Zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage

Art. 16 ATSG

 

Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr

  • zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage

erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.

Grundsätze

Ausgeglichener Arbeitsmarkt

Urteil 9C_192/2014 E. 3.1. vom 23.09.2014 E. 3.1 (Volltext): Definition

 

Der Begriff des ausgeglichenen Arbeitsmarktes gemäss Art. 16 ATSG ist ein theoretischer und abstrakter Begriff, welcher die konkrete Arbeitsmarktlage nicht berücksichtigt (BGE 134 V 64 E. 4.2.1 S. 70 f.) und dazu dient, den Leistungsbereich der Invalidenversicherung von jenem der Arbeitslosenversicherung abzugrenzen. Er umschliesst einerseits ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen dem Angebot von Stellen und der Nachfrage nach solchen. Andererseits bezeichnet er einen Arbeitsmarkt, der von seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen offenhält, und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes (BGE 110 V 273 E. 4b S. 276, ...).

Urteil 8C_134/2020 vom 29.04.2020 E. 4.5 (Volltext): Keine Konkretisierung

 

Praxisgemäss besteht im Rahmen der Invaliditätsbemessung unter Beizug der statistischen Durchschnittslöhne kein Erfordernis, die Arbeitsgelegenheiten auf dem massgeblichen ausgeglichenen Arbeitsmarkt weitergehend zu konkretisieren.

Urteil 9C_837/2016 vom 13.06.2017 E. 4.1 (Volltext): Arbeitsstelle muss nicht zur Verfügung stehen

 

Verwaltung und Gericht haben nicht zu prüfen, ob die Versicherte tatsächlich eine entsprechende Arbeitsstelle erhält oder erhalten kann. Es reicht aus, dass solche auf dem Arbeitsmarkt vorhanden und nicht bloss theoretischer Natur sind.  

Urteil 9C_149/2011 vom 25.10.2012 E. 3.2 (Volltext): Fehlende verwerbare Resterwerbsfähigkeit

 

Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze Invalidenrente begründet (Urteil I 831/05 vom 21. August 2006 E. 4.1.1 mit Hinweisen).

Kein ausgeglichener Arbeitsmarkt

Urteil 8C_1050/2009 vom 28.04.2010 E. 3.3 (Volltext): Definition

 

Von einer Arbeitsgelegenheit kann nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nurmehr in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint. 

Vergleich Haftpflichtrecht

Urteil 8C_12/2013 vom 13.02.2013 E. 3.2 (Volltext)

 

Praxisgemäss rechtfertigt es sich auch, im Bereich des Sozialversicherungsrecht einen strengeren Massstab an die Unverwertbarkeit als im Haftpflichtrecht anzulegen.

Verwertbare Restarbeitsfähigkeit

Nischenarbeitsplätze

Urteil 8C_1050/2009 vom 28.04.2010 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt liegt vor

 

3.3 ... Für die Invaliditätsbemessung ist nicht massgeblich, ob eine invalide Person unter den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden kann, sondern einzig, ob sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an Arbeitskräften entsprechen würden.

 

Zu berücksichtigen ist zudem, dass der ausgeglichene Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG) auch sogenannte Nischenarbeitsplätze umfasst, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können. ...

 

3.4 Die faktische Einhändigkeit oder die Beschränkung der dominanten Hand als Zudienhand, stellen nach der Rechtsprechung Tatbestände einer erheblich erschwerten Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt dar.

 

Dennoch wurde von der Rechtsprechung wiederholt bestätigt, dass auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt genügend realistische Betätigungsmöglichkeiten für Personen, welche funktionell als Einarmige zu betrachten sind und überdies nur noch leichte Arbeit verrichten können, zu finden sind.

 

Bestätigung der Rechtsprechung:

Faktische Einarmigkeit bzw. Einhändigkeit

Urteil 8C_726/2014 vom 02.04.2015 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt liegt vor

 

4. ... Das Bundesgericht hat wiederholt bestätigt, dass die faktische Einhändigkeit oder die Beschränkung der dominanten Hand als Zudienhand Tatbestände einer erheblich erschwerten Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt darstellen, dass jedoch genügend realistische Betätigungsmöglichkeiten zu finden sind (Urteil 8C_1050/2009 vom 28. April 2010 E. 3.4). Eine dem Handleiden (CRPS) angepasste leichte Tätigkeit ist ihr deshalb zuzumuten, ohne dass die beantragten weiteren Abklärungen angezeigt wären. Dass die Beschwerdeführerin ihre rechte Hand nur noch beschränkt einsetzen kann, hat die SUVA beim Invalideneinkommen mit einem leidensbedingten Abzug vom Tabellenlohn in der Höhe von 20 Prozent berücksichtigt, was nicht beanstandet wird. ...

Nur Überwachungs- und Kontrolltätigkeiten

Urteil 8C_599/2015 vom 22.12.2015 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt liegt vor

 

5.1. ... Die IV-Stelle weist zu Recht darauf hin, dass die ihr offen stehenden, zumutbaren Hilfsarbeiten - leichte Überwachungs-, Prüf- und Kontrollarbeiten in der Industrie oder die Bedienung und Überwachung von (halb-) automatischen Maschinen oder Produktionseinheiten, Sortierarbeiten oder eine Beschäftigung an einem Empfang oder als Telefonistin - keinen besonderen Qualifikationen unterliegen. Umstände, die den Zugang zum ausgeglichenen Arbeitsmarkt im Sinne von Art. 16 ATSG (...) ohne vorgängige befähigende Massnahmen ausschliessen oder erheblich erschweren, sind nicht ersichtlich (...).

 

5.2.4. ... Denn praxisgemäss werden diese Arbeiten auf dem massgebenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt auch vorwiegend sitzend angeboten. ...

Vermeidung sozialer Interaktionen im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung

Urteil 9C_738/2010 vom 07.03.2011 E. 3.1 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt liegt vor

 

Der ausgeglichene Arbeitsmarkt liegt bei einer Persönlichkeitsstörung vor, bei welcher soziale Interaktionen mehrheitlich vermieden werden müssen.

Instabile Persönlichkeit von Borderline-Typus

Urteil 9C_1053/2010 vom 28.01.2011 E. 4.3 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt bei IV-Grad 33 % liegt vor

 

Instabile Persönlichkeit vom Borderline-Typus bei stark eingeschränktem Zumutbarkeitsprofil.

 

Resultat: Allgemeiner Arbeitsmarkt liegt vor; IV-Grad 33 %, keine Rente der Invalidenversicherung.

Keine verwertbare Restarbeitsfähigkeit

Geringe Restarbeitsfähigkeit

Urteil 9C_446/2012 vom 16.11.2012 E. 3 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt liegt nicht vor

 

Keine verwertbare Restarbeitsfähigkeit: 20 % Arbeitsfähigkeit mit einer Leistungsverminderung von 40 %.

Faktisch taube Versicherte mit Mehrfachproblematiken

Urteil 8C_652/2014 vom 09.01.2015 (Volltext): Ausgeglichener Arbeitsmarkt liegt nicht vor

 

Der ausgeglichene Arbeitsmarkt liegt für das verbliebene Leistungsvermögen bei einer faktisch tauben, an mehreren Geburtsgebrechen und an einer Depression leiden Versicherten (Jahrgang 1988) nicht mehr vor.

Arbeitsplatzabklärung bei minderintelligentem Versicherten

Urteil 8C_762/2013 vom 30.04.2014 E. 5.3 (Volltext)

 

Bei einem minderintelligenten Versicherten wurde die körperliche Belastbarkeit durch die unfallbedingten Beschwerden verringert. Die verbliebene Arbeitsfähigkeit und deren Verwertbarkeit sind daher mittels einer praktischen Arbeitsabklärung zu eruieren.