Hauptinhalt

Invaliditätsgrad > Valideneinkommen

Inhalt

 

Regelfall

Anwendung der Tabellenlöhne als Ausnahmen vom Regelfall

Mutmassliche berufliche Weiterentwicklung ohne Gesundheitsschädigung

Berufliche Entwicklung bei jungen Versicherten (in Ausbildung / im Studium)

Bedeutung der Invalidenkarriere

Weiterführende Praxis​​​​​​​

Regelfall

Bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden

Urteil 9C_225/2019 vom 11.09.2019 E. 4.2.1 (Volltext): Vollzeit

 

Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was der Versicherte im Zeitpunkt der Invaliditätsbemessung überwiegend wahrscheinlich als Gesunder tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es der Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt sein (BGE 139 V 28 E. 3.3.2 S. 30134 V 322 E. 4.1 S. 3258C_576/2008 E. 6.2; Urteil 9C_63/2018 vom 9. November 2018 E. 4.4.2).

 

Weist das zuletzt erzielte Einkommen starke und verhältnismässig kurzfristig in Erscheinung getretene Schwankungen auf, ist auf den während einer längeren Zeitspanne erzielten Durchschnittsverdienst abzustellen (Urteile 9C_14/2019 vom 24. April 2019 E. 2.2.2; 8C_443/2018 vom 30. Januar 2019 E. 2.1 mit Hinweisen).  

Teilzeitbeschäftigte Personen

Urteil 8C_768/2009 vom 01.02.2010 (Volltext): Teil- auf Vollpensum hochrechnen

 

Bei der Festlegung des hypothetischen Valideneinkommens ist somit von einer vollzeitlich erwerbstätigen Person auszugehen, die hinsichtlich Fähigkeiten, Ausbildung, Alter und örtlicher Verhältnisse mit der versicherten Person vergleichbar ist (ALEXANDRA RUMO-JUNGO, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 3. Aufl. 2003, S. 124).

Keine Lohnerhöhungen aus wirtschaftlichen Gründen

Urteil U 66/02 vom 02.11.2004 E. 4 (Volltext): Keine Anrechnung einer Nominallohnentwicklung 

 

Gewährt der Arbeitgeber (aus wirtschaflichen Gründen) keine Lohnerhöhungen, schlägt dies im Rahmen der Invaliditätsbemessung auch auf die Bestimmung des Valideneinkommens durch, indem die Anrechnung einer der statistisch festgestellten Nominallohnentwicklung entsprechende Lohnverbesserung nicht zulässig ist.

 

Hält die Lohnstagnierung indessen über mehrere Jahre an, kann die Annahme, der Arbeitnehmer hätte, wäre er gesund geblieben, dennoch keinen Stellenwechsel ins Auge gefasst, nicht mehr als realistisch betrachtet werden, weshalb er sich nach einer gewissen Zeit rechtfertigt, bei der Bestimmung des Valideneinkommens die vom BFS ermittelte Nominallohnentwicklung zu berücksichtigen.

 

Im konreten Fall wurde die gegenüber dem Vorjahr erfolgte Nominallohnentwicklung berücksichtigt, nachdem es fünf Jahre lang zu keiner Lohnanpassung mehr gekommen war.

Anwendung der Tabellenlöhne als Ausnahmen vom Regelfall

Voraussetzungen für branchenspezifischen Tabellenwert

Urteil 8C_829/2019 vom 06.03.2020 E. 3.2 (Volltext): Branchenspezifischer Tabellenwert massgebend

 

Auflösung des bisherigen Arbeitsverhältnisses; Ausbildung und langjährige Erfahrung in der Logistik!

 

Vielmehr muss mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass der Versicherte ohne Eintritt des Gesundheitsschadens auch weiterhin auf dem Gebiet der Logistik bzw. Lagerei tätig gewesen wäre. Zur Anwendung gelangt somit der statistische Tabellenlohn gemäss Tabelle TA1 (monatlicher Bruttolohn [Zentralwert] nach Wirtschaftszweigen, Kompetenzniveau und Geschlecht - Privater Sektor; Zeile 49-52 [Landverkehr; Schifffahrt; Luftfahrt; Lagerei]; Kompetenzniveau 2).

Als Gesunder nicht mehr an bisheriger Stelle tätig

Urteil 8C_551/2017 vom 02.08.2018 (Volltext) 

 

Insbesondere wenn der Versicherte als Gesunder nicht mehr an der bisherigen Arbeitsstelle tätig wäre, ist das Valideneinkommen praxisgemäss mittels statistischer Werte zu bestimmen (SVR 2009 IV Nr. 58 S. 181, 9C_5/2009 E. 2.3; Urteil 8C_115/2018 vom 27. Juni 2018 E. 7.1.2).

 

Nachdem die damalige Arbeitgeberin das Arbeitsverhältnis auflöste und der Versicherte nach Chile auswanderte, ist es nicht bundesrechtswidrig, dass das kantonale Gericht auf statistische Löhne abgestellt hat ... (E. 5).

Kündigung auch ohne Gesundheitsschaden

Urteil 8C_148/2017 vom 19.06.2017 E. 6.2.2 (Volltext)  

 

Hinsichtlich des Valideneinkommens hat das kantonale Gericht richtig erkannt, dass die Versicherte ihre letzte Stelle aufgrund des Kündigungsschreibens vom 27. Oktober 2012 per 31. Januar 2013 wegen einer Umstrukturierung des Unternehmens nach dem Verkauf einer Betriebsstätte verlor. Sie wäre somit auch ohne ihren Gesundheitsschaden nicht mehr dort erwerbstätig. Soweit sie unter Anrufung des Berichts der B. SA vom 12. Februar 2017 Gegenteiliges vorbringt, ist dies unzulässig. Demnach kann nicht mehr vom Lohn in diesem Betrieb ausgegangen werden. Das Valideneinkommen ist somit gestützt auf den LSE-Tabellenlohn zu ermitteln.

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 8C_314/2019 vom 10.09.2019 E. 6.1

Rentenbeginn nach Pensionierung (UVG)

Urteil 8C_9/2017 vom 03.03.2017 E. 4.1.1 (Volltext) 

 

Wird die versicherte Person nach dem Unfallereignis, aber noch vor dem Rentenbeginn pensioniert, kann grundsätzlich nicht beim zuletzt erhaltenen Lohn angesetzt werden. In einem solchen Fall rechtfertigt es sich, auf die vom Bundesamt für Statistik periodisch durchgeführte Lohnstrukturerhebung (LSE) zurückzugreifen.

Betriebsschliessung

Urteil 8C_462/2014 vom 18.11.2014 E. 4.2 (Volltext) 

 

Ein solcher Ausnahmefall liegt beispielsweise dann vor, wenn der Versicherte seine Arbeitsstelle infolge konkursbedingter Betriebsschliessung verliert. D. h. Anwendung der Tabellenlöhne als Valideneinkommen.

Kein Leistungslohn

Urteil 9C_192/2014 vom 23.09.2014 E. 3.2 (Volltext)

 

Auf den Lohn, den der Versicherte heute bei seinem ehemaligen Arbeitgeber verdienen würde, kann indessen nicht abgestellt werden, wenn der frühere Arbeitgeber aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage war, einen der erbrachten Arbeitsleistung entsprechenden Lohn zu bezahlen, indem er beispielsweise eine Pensenerhöhung von 80 auf 100 % nicht entsprechend lohnmässig abzugelten vermochte. D. h. Anwendung der Tabellenlöhne als Valideneinkommen.

Nach der Lehre nicht regelmässig gearbeitet

Urteil 9C_210/2011 vom 21.04.2011 E. 3.2.1.2 (Volltext) 

 

Valideneinkommen via LSE (Anforderungsniveau 3) ermitteln!

 

Aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer nach dem Lehrabschluss nicht mehr regelmässig gearbeitet hatte, kann nicht geschlossen werden, er wäre auf Dauer lediglich unregelmässig und nur soweit und solange einem Erwerb nachgegangen, um Reisen finanzieren zu können, und noch weniger, er hätte - nach einer entsprechenden Ausbildung - eine Tätigkeit ausgeübt, mit welcher er bedeutend weniger verdient hätte als im Beruf als Metallbauschlosser. Da jeder erlernte Beruf auch nach einer allfälligen Aufgabe Bestandteil der Ausbildung bleibt, über welche die versicherte Person sich ausweisen kann (Urteil I 144/05 vom 13. Mai 2005 E. 2.2.1) und Metallbauschlosser mit abgeschlossener Lehre zu den Arbeitnehmern mit Berufs- und Fachkenntnissen im Sinne der LSE zu zählen sind, rechtfertigt es sich, beim Valideneinkommen vom entsprechenden Anforderungsniveau 3 auszugehen.

Mutmassliche berufliche Weiterentwicklung ohne Gesundheitsschädigung

Grundsätze zur Anrechnung einer hypothetischen beruflichen Weiterentwicklung

Urteil 8C_575/2018 vom 30.01.2019 E. 5.1 und 5.2 (Volltext)

 

Da die Invaliditätsbemessung der voraussichtlich bleibenden oder längere Zeit dauernden Erwerbsunfähigkeit zu entsprechen hat (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG), ist auch die berufliche Weiterentwicklung zu berücksichtigen, die eine versicherte Person normalerweise vollzogen hätte; dazu ist allerdings erforderlich, dass konkrete Anhaltspunkte dafür bestehen, dass ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ein beruflicher Aufstieg und ein entsprechend höheres Einkommen tatsächlich realisiert worden wären. Blosse Absichtserklärungen genügen nicht. Vielmehr muss die Absicht, beruflich weiterzukommen, bereits durch konkrete Schritte wie Kursbesuche, Aufnahme eines Studiums etc. kundgetan worden sein (Urteile 8C_741/2016 vom 3. März 2017 E. 5, 9C_757/2010 vom 24. November 2010 E. 4.28C_488/2018 vom 13.03.2019 E. 3.28C_367/2018 vom 25.09.2018 E. 4.2).

 

Im Revisionsverfahren besteht insoweit ein Unterschied zur ursprünglichen Rentenfestsetzung, als der in der Zwischenzeit tatsächlich durchlaufene beruflich-erwerbliche Werdegang als invalide Person bekannt ist. Eine trotz Invalidität erlangte besondere berufliche Qualifizierung erlaubt zwar allenfalls Rückschlüsse auf die mutmassliche Entwicklung, zu der es ohne Eintritt des (unfallbedingten) Gesundheitsschadens bis zum Revisionszeitpunkt gekommen wäre (BGE 139 V 28 E. 3.3.3.2 in fine S. 318C_550/2009 E. 4.2).

 

Allerdings darf aus einer erfolgreichen Invalidenkarriere in einem neuen Tätigkeitsbereich nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, die versicherte Person hätte ohne Invalidität eine vergleichbare Position auch im angestammten Tätigkeitsgebiet erreicht (Urteil 8C_503/2015 vom 26. Oktober 2015 E. 3.1.2 mit Hinweisen). 

 

Vorliegend ist zwar eine erstmalige Rentenzusprechung zu beurteilen. Angesichts des seit Jahren andauernden Verfahrens zur Ermittlung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit sowie dem Umstand, dass die Versicherte stets (teil-) erwerbstätig war, ist eine Situation gegeben, bei der für die Ermittlung des Invalideneinkommens Kenntnisse über die Erwerbstätigkeit in den ersten fünf Jahren des Rentenanspruchs vorliegen. Insofern kann - analog einem Rentenrevisionsverfahren - der in der Zwischenzeit tatsächlich durchlaufene beruflich-erwerbliche Werdegang als invalide Person mitberücksichtigt werden.  

Potenzial zum Partner einer Anwaltskanzlei genügt nicht

Urteil 9C_368/2017 vom 03.08.2017 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Entwicklung vom angestellten Rechtsanwalt (Fr. 147'079.00) zum als Senior Associate (Fr. 220'000 bis Fr. 300'00) nicht nachgewiesen.  

 

4.4.1. Unbestritten war ihm nicht die Stellung eines Senior Associate oder Partners in der Anwaltskanzlei konkret in Aussicht gestellt oder zugesichert worden. Gemäss den Ausführungen seines früheren Vorgesetzten im Schreiben vom 10. November 2014 hatten zwar (bereits) während der Semesterferien des L.L.M-Nachdiplomstudiums Gespräche mit der Partnerschaft der Kanzlei stattgefunden. Dabei war ihm jedoch nur, aber immerhin sein Potenzial zum Partner bescheinigt und der Weg dorthin aufgezeigt worden. Dass eine Partnerschaft auch in einer anderen Anwaltskanzlei eingegangen werden kann, wie er geltend macht, ist im Lichte der Rechtsprechung (E. 4.1 hiervor) ebenso wenig von Relevanz wie das Vorbringen, es sei gerichtsnotorisch, dass ein Anwalt zwischen 35 und 45 Jahren Lohnsprünge mache, die höher sind als die Teuerung.

 

4.4.3. Schliesslich stellte zwar der Erwerb des L.L.M "zweifellos einen ersten Schritt in Richtung eines beruflichen Aufstiegs" auf dem Weg zum gesteckten Karriereziel, "Partner oder zumindest Senior Associate in einer Wirtschaftsrechtskanzlei" dar, wie die Vorinstanz festgestellt hat. Das allein kann indessen nicht genügen, um von einem entsprechend höheren Valideneinkommen auszugehen. ...

Künftige Erlangung Rechtsanwaltspatent nachgewiesen

Urteil 8C_379/2017 vom 08.09.2017 E. 5.2 (Volltext): Uni-Abschluss 'magna cum laude'

 

Indem der Invaliditätsbemessung der Grad der Arbeitsunfähigkeit als Jurist ohne Anwaltspatent zugrunde gelegt wird, impliziert die Vorinstanz, der Versicherte hätte auch als Gesunder die entsprechende Qualifikation nicht erreicht. Sie beruft sich dabei auf die "gerichtsnotorisch nicht unerhebliche Durchfallquote bei Anwaltsprüfungen". Damit sei "nicht garantiert", dass der Versicherte tatsächlich Anwalt geworden wäre.

 

Das kantonale Gericht übersieht dabei, dass im Bereich des Sozialversicherungsrechts keine "Garantie" und damit Sicherheit über ein bestimmtes Sachverhaltselement bestehen muss. Der Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit genügt. Es wurden jedoch keine Abklärungen darüber getroffen, wie hoch der Prozentsatz und damit die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Kandidat im Kanton Zürich die Prüfung auch nach wiederholten Versuchen definitiv nicht besteht. Ebensowenig haben weder das kantonale Gericht, noch die Verwaltung gewürdigt, dass der Versicherte einen überdurchschnittlichen Universitätsabschluss (magna cum laude) vorweisen kann, und dass er auch nach Ausbruch seiner Krankheit zur Vorbereitung der Prüfungen bei der Anwaltskanzlei als Substitut im Teilzeitpensum angestellt wurde. Das ist ein erhebliches Indiz dafür, dass Anwälte mit langjähriger Erfahrung den Versicherten für fähig hielten, die entsprechende berufliche Qualifikation zu erreichen. 

Klare Absicht eine Ausbildung zu absolvieren, genügt nicht

Urteil 9C_215/2016 vom 28.10.2016 E. 4.2.1 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Die "klare Absicht" bzw. "dokumentierte Intention" allein, eine Ausbildung zu absolvieren, genügt nicht.

 

Der Umstand allein, dass sich die Versicherte im Februar 1994 bei der Schule für Soziale Arbeit für den berufsbegleitenden Ausbildungsgang Sozialarbeit/Sozialpädagogik beworben und sie am entsprechenden Selektionsverfahren teilgenommen hat, in dem sie u.a. (erfolgreich) einer graphologischen Beurteilung unterzogen worden ist, genügt für den Nachweis des behaupteten beruflichen Fortkommens nicht. Dies gilt umso mehr, als der Kursbeginn nach ihren eigenen Worten infolge Fehlens eines geeigneten Ausbildungsplatzes hatte verschoben werden müssen. Die blosse Anmeldung samt anschliessendem Evaluierungsprozess vermag weder eine Zulassung zur beabsichtigten Ausbildung noch einen entsprechenden Abschluss bzw. darauf basierende Stellenaussichten rechtsgenüglich zu belegen. Theoretisch vorhandene berufliche Entwicklungsmöglichkeiten erweisen sich im vorliegenden Zusammenhang nur dann als beachtlich, wenn überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen ist, dass diese auch eingetreten wären. 

Seit 2 Tagen begonnene Weiterbildung genügt nicht

Urteil 8C_373/2014 vom 27.06.2014 E. 3.3 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Es ist nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der gelernte Innenausbauzeichner (Fr. 127'248.00) als Gesunder dank einer Weiterbildung zum Wirtschaftsinformatiker - welche er zwei Tage vor dem Unfall begonnen hatte, in der Folge jedoch gesundheitlich bedingt nicht fortführen konnte - eine Stelle als Abteilungsleiter (Fr. 181'182.00) inne hätte.

Zeugenaussagen und statistische Häufigkeit genügt nicht

Urteil 8C_635/2012 vom 11.02.2013 E. 5.2 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Karriereschritte gelten nicht durch Zeugenaussagen über statistische Häufigkeit von Karriereverläufen nach Absolvierung von Weiterbildungen (hier: dipl. Tourismusfachfachfrau HF) als überwiegend wahrscheinlich nachgewiesen.

Beförderung vom Consultant zum Senior Consultant bekannt

Urteil 9C_85/2009 vom 15.03.2010 (Volltext): Beweis für Anrechnung erbracht

 

In diesem Entscheid ging es um einen Versicherten, der während des Studiums zum Maschineningenieur ETH verunfallt war und in der Folge zunächst eine ganze später eine halbe Rente der Invalidenversicherung bezog. Im Rahmen eines Rentenrevisionsverfahrens machte er geltend, er wäre in der Firma, in welcher er teilzeitlich tätig war, ohne gesundheitliche Beeinträchtigung zum Senior Consultant aufgestiegen.

 

Wie das Bundesgericht an dieser Stelle festhielt, war der Fall des während des Studiums verunfallten Maschineningenieurs ETH insofern speziell gelagert, als aufgrund der Angaben der Arbeitgeberin, namentlich zu ihrer Politik bei der Beförderung vom Consultant zum Senior Consultant, dessen hypothetische berufliche Validenlaufbahn so genau bekannt war, dass der Einwand der IV-Stelle, es fehlten konkrete Anhaltspunkte, nicht überzeugte. (Erwähnt im Urteil 9C_368/2017, E. 4.3 vom 03.08.2017)

Vom angestellten zum möglichen selbstständigen Therapeuten

Urteil 9C_480/2009 vom 21.08.2009 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Sachverhalt: Einkommen angestellter (Fr. 84'500) / künftig selbstständiger (Fr. 116'000) Physiotherapeut. Arbeitszeugnisse bescheinigen Potenzial zur Ausübung einer selbstständigen Tätigkeit. Mietvertrag für Praxisräume kam (vor dem Unfall) nicht zustande.

 

Resultat: Nachweis mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht erbracht. Im Übrigen ist nicht massgebend, was der Versicherte allenfalls hätte verdienen können, sondern was er effektiv verdient hätte. Denn blosse Absichtserklärungen der versicherten Person hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft reichen nicht aus, damit eine entsprechende Entwicklung als überwiegend wahrscheinlich angesehen werden darf. 

Berufliche Entwicklung bei jungen Versicherten (in Ausbildung / im Studium)

Kein strikter Beweis für die Anrechnung einer beruflichen Karriere

Urteil 8C_550/2009 vom 12.11.2009 E. 4.2 (Volltext): Grundsätze

 

Indizien für eine berufliche Weiterentwicklung müssen grundsätzlich auch bei jungen Versicherten in Form von konkreten Anhaltspunkten bereits bei Eintritt des Gesundheitsschadens vorhanden sein.

 

Ein strikter Beweis für eine nach dem Unfall absolvierte Weiterbildung ist nicht zu verlangen, hingegen gewisse konkrete Anhaltspunkte zum Unfallzeitpunkt, damit von einem späteren Abschluss der Ausbildung und einem entsprechenden Einkommen ausgegangen werden kann.

 

Eine vom Grundsatz abweichende Beurteilung, wonach konkrete Anhaltspunkte für eine beruflichen Weiterentwicklung verlangt werden, ergibt sich daher für junge Versicherte nicht.

Mit Diplommittelschule zum möglichen Primarlehrer

Urteil 8C_612/2014 vom 28.04.2015 (Volltext): Beweis für Anrechnung erbracht

 

Der 1983 geborene A. schloss im Juli 2003 die Diplommittelschule ab. Er wollte Primarlehrer werden und meldete sich deshalb für den am 23. Februar 2004 beginnenden Vorkurs zur Aufnahmeprüfung als Primarlehrer an der Hochschule B. an. Zuvor arbeitete er vom 3. November 2003 bis Ende Januar 2004 als Druckereigehilfe auf Abruf für die Druckerei C. AG und war in dieser Eigenschaft bei der SUVA gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Schwerer Unfall am 18. Februar 2004.

 

E. 4.2.2.2.: Da die Anforderungen an den massgebenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit für eine Berufskarriere als Primarlehrer beim im Zeitpunkt des Unfalls erst 20-jährigen Versicherten nicht zu hoch sein dürfen, ist daher davon auszugehen, dass er ohne die Folgen aus dem versicherten Ereignis vom 18. Februar 2004 Primarlehrer geworden wäre.

Vom Schreinerlehrling zur möglichen Meisterprüfung

Urteil 8C_550/2009 vom 12.11.2009 E. 4.3.1 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Intelligenter, motivierter und begabter Lehrling im 3. Lehrjahr. Lehrmeister bescheinigt als Zeuge die Fähigkeiten zum Schreinermeister. Besuchte während der Lehre den Förderkurs 'Fachrechnen' und das Freifach 'CAD-Zeichnen'. Resultat: Beweis für spätere Meisterprüfung nicht erbracht.

Vom Sanitärlehrling zum möglichen technischen Kaufmann

Urteil 8C_629/2011 vom 16.1.2012 E. 5.1 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Unfall als Sanitärmonteur-Lehrling im 1. Lehrjahr. Annahme Valideneinkommen im Zeitpunkt des Rentenbeginns als Sanitärmonteur. Gefordert wird der Lohn eines technischen Kaufmannes. Er hat nach dem Unfall bei der Ausbildung zum technischen Kaufmann überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft gezeigt und diese auch abgeschlossen. Er hat sich jedoch erst nach dem Unfall auf Anraten des Lehrmeisters zu dieser Ausbildung entschlossen. Grund: Der erlernter Beruf könne bei Teilarbeitsfähigkeit nicht ausgeführt werden.

 

Resultat: Weil der Entscheid zur Ausbildung zum technischen Kaufmann erst nach dem Unfall erfolgt ist, wird lediglich das Einkommen als Sanitärinstallateur berücksichtigt.

Vom Gymnasium zu möglichen höheren Ausbildung

Urteil 8C_954/2010 vom 11.03.2011 E. 4.1 (Volltext): Beweis für Anrechnung nicht erbracht

 

Versicherte besuchte das Gymnasium. Notenblatt: Intellektuelle Begabung bezogen auf Mittelschülerin überdurchschnittlich, mathematisch-naturwissenschaftlicher Bereich eher durchschnittlich, Dispenz von Turnunterricht. Jahrelanger Missbrauch von Abführmittel, keine konkrete Indizien für besondere Willenskraft um höhere Berufsausbildung zu absolvieren. Resultat: Beweis für später höhere Berufsausbildung nicht erbracht.

Vom Verwaltungslehrling zum Fachhochschulabschluss

Urteil 8C_667/2010 vom 15.12.2010 E. 4.1 (Volltext)Beweis für Anrechnung erbracht

 

Verwaltungslehrling im 1. Lehrjahr, trotz Unfallfolgen Lehrabschluss und Berufsmaturität; Invalidenkarriere nicht in einem neuen Tätigkeitsbereich, auch als Invalider überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft bewiesen. Resultat: Beweis für künftigen Fachhochschulabschluss erbracht.

Bedeutung der Invalidenkarriere

Anrechnung einer Invalidenkarriere

Urteil U 340/04 vom 09.03.2005 E. 2.2 (Volltext): Grundsätze

 

Bei der Prüfung der mutmasslichen beruflichen Entwicklung können unter Umständen aus einer besonderen beruflichen Qualifizierung im Invaliditätsfall Rückschlüsse auf die hypothetische Entwicklung gezogen werden, zu der es ohne Eintritt des (unfallbedingten) Gesundheitsschadens gekommen wäre.

  • Nach der Rechtsprechung ist dies insbesondere dann zulässig, wenn die angestammte Tätigkeit auch nach dem Unfall weitergeführt werden kann(Urteil I  97/00 vom 29.08.2002 E. 1.2).
  • Indessen darf aus einer erfolgreichen Invalidenkarriere in einem neuen Tätigkeitsbereich nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, die versicherte Person hätte ohne Invalidität eine vergleichbare Position auch im angestammten Tätigkeitsgebiet erreicht(Urteil U 183/02 vom 26.05.2003).

 

Gemäss Urteil 8C_488/2018 vom 13.03.2019 E. 3.2 gilt der gleiche Grundsatz auch im Revisionsverfahren.

Abgrenzung zwischen Invalidenkarriere und hypothetischer Karriere

Urteil 8C_224/2019 vom 18.09.2019 E. 4.4 (Volltext): Die wahrscheinlichste Möglichkeit

 

Der Versicherte macht geltend, er hätte ohne gesundheitliche Beeinträchtigung an einer öffentlichen Primarschule im Kanton Zürich unterrichtet. Die Vorinstanz lehnte jedoch eine Bemessung des Valideneinkommens gestützt auf die konkreten Angaben des Personalamts des Kantons Zürich ab, da eine entsprechende Validenkarriere nicht feststehe, und zog die Zahlen der LSE bei.

 

Entgegen den vorinstanzlichen Erwägungen ist jedoch für ein Abstellen auf die konkreten Zahlen nicht nötig, dass eine entsprechende Validenkarriere feststeht; vielmehr genügt es,

  • dass sie von allen möglichen hypothetischen Karrieren als die wahrscheinlichste erscheint.

Dies trifft auf die vom Versicherten geltend gemachte mögliche Anstellung an einer Primarschule im Kanton Zürich zu. Es sind keine überzeugende Gründe ersichtlich, weshalb der im Kanton Zürich wohnhafte Versicherte ohne Unfall einen tieferen Lohn bei einer Anstellung an Privatschulen oder öffentlichen Schulen anderer Kantone hätte akzeptieren sollen.

Vom Verkäufer zum Reha-Technik-Berater

Urteil 8C_488/2018 vom 13.03.2019 E. 4 (Volltext): Keine Anrechnung der Invalidenkarriere

 

Zum Unfallzeitpunkt arbeitete der Versicherte als Verkäufer im Aussendienst in der Holzbranche. - Aus seiner erfolgreichen Karriere im neuen Tätigkeitsbereich als Rollstuhl- und Reha-Technik-Berater kann nicht abgeleitet werden, dass der Versicherte ohne Invalidität auch im angestammten Tätigkeitsbereich eine vergleichbare Position erreicht hätte, zumal sein neuer beruflicher Werdegang direkt mit den gesundheitlichen Folgen des Unfalls zusammenhängt. 

Von Hardware- in Softwarebereich gewechselt

Urteil 8C_414/2018 vom 22.02.2018 E. 3.1.2 (Volltext): Keine Anrechnung der Invalidenkarriere

 

Zum Zeitpunkt des Unfalls ist der Versicherte unter anderem für die physische Installation und Aufsetzung von Netzwerken zuständig gewesen. Infolge des Unfalles hat er eine Weiterbildung beziehungsweise eine Umschulung zum Datenschutzspezialisten absolviert. Sprachlich vereinfacht ausgedrückt hat der Versicherte von der physischen Installation von Hardware in den Bereich der Software gewechselt habe.

 

So habe der damalige Arbeitgeber denn auch ausgeführt, dass eine Umschulung der Versicherte bei einer Weiterbeschäftigung im Betrieb unabdingar sei, da dieser Bereich für ihn neu sei. Von einem Verbleib in der angestammten Tätigkeit im Sinne erfolgreichen Invalidenkarriere liegt nicht vor.

 

Das Valideinkommen ist somit in der angestammten Tätigkeit (Fr. 78‘540.00) und nicht nach erfolgter Invalidenkarriere als Netzwerk-  und Datenschutzspezialist (Fr. 106‘772.00) zu bestimmen.

Vom kaufmännischen Bereich zum Fachhochschulabschluss

Urteil 8C_667/2010 vom 15.12.2010 E. 4.2 (Volltext): Anrechnung der Invalidenkarriere

 

Weil es sich bei der Invalidenkarriere nicht um einen neuen Tätigkeitsbereich handelt, wird diese ausnahmsweise beim Valideneinkommen berücksichtigt.

Lohnkarriere beim neuen Arbeitgeber

Urteil 8C_217/2010 vom 25.08.2010 E. 4.2.4 (Volltext): Keine Anrechnung der Invalidenkarriere

 

Lukrative Lohnkarriere bei einem anderen Arbeitegeber wird als Valideneinkommen nicht berücksichtigt. Ohne Unfall hätte der Versicherte weiterhin beim ehemaligen Arbeitgeber weitergearbeitet.

Vom Elektromechaniker zum Hausmeister

Urteil 9C_770/2015 vom 24.03.2016 E. 4.4.3 (Volltext): Anrechnung der Invalidenkarriere

 

Schliesslich stellt sich die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht davon ausgegangen ist, dass die derzeitige Tätigkeit als "Hausmeister" keinen Rückschluss auf die Validenkarriere resp. das Valideneinkommen zulasse, da es sich dabei nicht um seine angestammte Tätigkeit als Elektromechaniker handle. Wohl darf aus einer erfolgreichen Invalidenkarriere in einem neuen Tätigkeitsbereich nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, die versicherte Person hätte ohne Invalidität eine vergleichbare Position auch im angestammten Tätigkeitsgebiet erreicht.

 

Indessen ist ein solcher Schluss zulässig, sofern die konkreten Umstände dafür sprechen. So scheint, dass die angestammte Tätigkeit als "Mitarbeiter Betriebsunterhalt" gewisse Überschneidungen mit jener als "Mitarbeiter Techn. Dienst / Sicherheitsbeauftragter" aufweist. Für die derzeitige Arbeit war denn auch keine zusätzliche Aus- oder Weiterbildung erforderlich. Sodann ist die Mutter des Versicherten Hauswirtschaftsleiterin des Altersheimes, in dem er arbeitet. Schliesslich ist die Arbeitgeberin mit seinen Leistungen zufrieden und würde ihn, "wenn er mehr könnte", "in einem höheren Prozentgrad beschäftigen".

 

Bei einem Pensum von rund 20 % erzielte er 2011 bis 2014 ein durchschnittliches Einkommen von Fr. 20'378.-. Hochgerechnet auf ein volles Pensum und unter Abzug der im Lohn enthaltenen Ferienentschädigung (10,64 %) resultiert ein Jahreseinkommen von rund Fr. 85'000.-. Diese Gegebenheiten, welche das kantonale Gericht unbeachtet liess, sprechen eher dafür, vom Invaliden- auf das Valideneinkommen zu schliessen.

Weiterführende Praxis

Massgebend ist der AHV-Lohn

Urteil 8C_430/2010 vom 28.09.2010 (Volltext): Grundsatz

 

Auch bei der Ermittlung des hypothetischen Valideneinkommens im Rahmen des Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG) ist nur relevant, was grundsätzlich zum massgeblichen Lohn gemäss AHVG zu zählen ist (Urteil 8C_465/2009 vom 12. Februar 2010 E. 2.1 mit Hinweisen).

Urteil 8C_897/2015 vom 15.01.2016 (Volltext): Kinderzulagen / Familienzulagen

 

Die Versicherte übersieht, dass Familienzulagen nicht zum Valideneinkommen zählen (E. 3.2.2.).

Urteil 8C_379/2015 vom 20.10.2015 (Volltext): Sold der Milizfeuerwehr

 

Der Sold der Milizfeuerwehr bis Fr. 5'000.00 pro Jahr gehört gemäss Art. 6 Abs. 2 lit. a AHVV nicht zum massgebenden Lohn. Aus diesem Grund ist dieser Sold auch nicht Bestandteil des Valideneinkommens.

Urteil 8C_749/2013 vom 06.03.2014 (Volltext): Ferien- und Feiertagsentschädigungen

 

Es ist nicht entscheidend, ob die Invaliditätsbemessung mit Stunden-, Monats- oder Jahreswerten durchgeführt wird. Bei allen drei Vorgehensweisen ist jedoch dem Anspruch auf Ferien oder Ferien- und Feiertagsentschädigung Rechnung zu tragen. - Sind im Lohn Ferien- und Feiertagsentschädigungen enthalten, müssen die entsprechenden Zeiten für Ferien und Feiertage von der (gesamtarbeitsvertraglich) vereinbarten Jahresarbeitszeit abgezogen werden, um das massgebende Erwerbseinkommen ermitteln zu können (E. 3.3.2).

Urteil 8C_514/2012 E. 4.2 vom 11.12.2012 (Volltext): Trinkgelder

 

Nur wenn Trinkgelder als wesentlicher Teil des Lohnes der AHV gemeldet sind (Art. 7 Bst. 4 AHVV), kann auch dieser massgebende Lohn bei der Berechnung des Valideneinkommens berücksichtigt werden.

Hoher Lohn aus unterschiedlichen Gründen

Urteil 9C_239/2019 vom 05.09.2019 E. 2.2.1 (Volltext): Markant überdurchschnittlicher Lohn

 

Ist der zuletzt bezogene Verdienst markant überdurchschnittlich hoch gewesen, ist er nur dann als Validenlohn heranzuziehen, wenn mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststeht, dass er weiterhin erzielt worden wäre (Urteil 9C_838/2016 vom 3. März 2017 E. 3.1).  

Urteil 8C_744/2012 vom 20.12.2012 (Volltext): Überstunden

 

2. Geleistete Überstunden dürfen bei der Bemessung des Valideneinkommens lediglich dann berücksichtigt werden, soweit sie auch für die Zukunft zu erwarten gewesen wären. Bei mehrjährigen Arbeitsverhältnissen ist erste Voraussetzung, dass dies in der Vergangenheit bereits wiederholt geschehen ist (siehe etwa Urteile 8C_61/2012 vom 25. April 2012 E. 2.7.2; 9C_824/2011 vom 10. Februar 2012 E. 3.3; I 273/05 vom 16. Januar 2006 E. 3.1.2; I 124/05 vom 7. Dezember 2005 E. 5; I 253/02 vom 29. November 2002 E. 3; I 357/01 vom 17. Dezember 2001, publiziert in AHI 2002 S. 155 E. 3b).

 

Anhaltspunkte dazu können neben Lohnabrechnungen etwa auch der Auszug aus dem individuellen Konto der Ausgleichskasse (kurz: IK-Auszug) liefern. Fehlt es daran, scheitert der Nachweis eines ohne den Unfall auch in der Zukunft aller Voraussicht nach regelmässig erwirtschafteten (Zusatz-)Verdienstes. Mit anderen Worten sind Überzeiten beim Valideneinkommen (erst) dann zu berücksichtigen, wenn sie 

Für den Fall, dass Überstundenentschädigungen zu berücksichtigen sind, ist in einem zweiten Schritt nach dem Umfang zu fragen. Der Erfahrungstatsache Rechnung tragend, dass ausbezahlte Überzeitentschädigungen oftmals grösseren Schwankungen unterworfen sind (vgl. dazu etwa Urteil 9C_159/2010 vom 1. Juli 2010 E. 6.4), darf daher keineswegs unbesehen auf den in den letzten zwölf Monaten vor dem Unfallereignis erzielten (Zusatz-)Verdienst abgestellt werden. Vielmehr ist, vorbehältlich ganz besonderer Umstände der Durchschnittswert vergangener Jahre zu berücksichtigen (Urteil U 431/06 vom 4. Oktober 2007 E. 5.1 mit Hinweis auf RKUV 2000 Nr. U 400 S. 381 E. 2 [U 297/99 vom 14. Juli 2000]; siehe auch AHI 2002 S. 155 E. 3b [I 357/01 vom 17. Dezember 2001] und Urteil I 124/05 vom 7. Dezember 2005 E. 5.2).

 

Ein unbesehenes Abstellen auf den versicherten Verdienst, der die Überzeitentschädigung miteinschliessenden Lohnbezüge der letzten zwölf Monate widerspiegelt (RKUV 2006 U 584 S. 247 E. 3 f.[U 469/05 vom 2. Februar 2006]; Urteil 8C_125/2009 vom 27. April 2009 E. 5.5), erweist sich dergestalt als unzulässig. 

 

Bestätigung der Rechtsprechung: Urteil 9C_243/2015 vom 15.07.2015 E. 2

Urteil 8C_671/2010 vom 25.02.2011 (Volltext): Mehrfachbeschäftigung

 

4.5.2 ... Praxisgemäss gehören dazu - ohne Rücksicht auf den hiefür erforderlichen zeitlichen oder leistungsmässigen Aufwand - auch regelmässig geleistete Überstunden sowie aus einer Nebenbeschäftigung oder selbständiger Erwerbstätigkeit fliessendes Entgelt.

 

Eine herabgesetzte Anrechenbarkeit kommt dagegen bei Mehrfachbeschäftigungen über ein Vollpensum hinaus (Kumulierung von Erwerbs- und Haushaltarbeit, Ausübung verschiedener wirtschaftlich gleichbedeutender Erwerbstätigkeiten) zum Tragen (SVR 2008 IV Nr. 28 S. 89, I 433/06 E. 4.1.2; Urteil I 181/05 vom 3. Februar 2006 E. 2 mit Hinweisen).

Urteil 8C_116/2008 vom 27.11.2008 (Volltext): Bonuszahlungen

 

3.4 Der vorinstanzlichen Betrachtungsweise bezüglich der Bonuszahlungen kann insofern nicht beigepflichtet werden, als jeglicher Nachweis dafür fehlt, dass diese bei der Bank X. linear zum Gehalt ausgerichtet wurden. Kaderleute erhalten häufig verhältnismässig höhere Boni als Angestellte tieferer Funktions- und Gehaltsklassen. Überdies sind allgemeine Wirtschaftslage und Geschäftsergebnis der Bank nicht nur für die Höhe der Bonuszahlung, sondern indirekt auch für die Höhe des Grundgehaltes mitentscheidend.

 

3.5 ... Gestützt auf deren Ergebnis wird das Valideneinkommen basierend auf den entsprechenden Lohnansätzen einschliesslich Bonus festzulegen sein.

Urteil 9C_45/2008 vom 03.07.2008 E. 4.2 (Volltext): Nebenerwerb

 

Versicherungsschutz besteht grundsätzlich im Rahmen eines normalen Einsatzpensums von 100 %.

 

Ein Nebeneinkommen kann nur dann als Validenlohn zu berücksichtigen, falls ein solches bereits im Gesundheitsfall erzielt wurde und weiterhin erzielt worden wäre.

Professioneller Spitzensport

Urteil I 779/03 vom 22.06.2004 E. 5 (Volltext): Rücktritt im Alter zwischen 33 und 35 Jahren

 

Professioneller Spitzensport mit hohen Verdienstmöglichkeiten kann in aller Regel nur bis zu einem gewissen Alter betrieben werden. In AHI 1998 S. 175 Erw. 6b wurde mit Bezug auf Fussballspieler offen gelassen, ob entsprechend einer in der Literatur vertretenen Meinung von einem durchschnittlichen Rücktrittsalter von 33 Jahren auszugehen sei. Im vorliegenden Fall gab der ehemalige Arbeitgeber gegenüber der IV-Stelle an, Profihandballer könnten ihren Beruf in der Regel bis ca. zum 35. Lebensjahr ausüben. Einer dadurch bedingten anspruchserheblichen Veränderung des Valideneinkommens kann gegebenenfalls im Rahmen einer Rentenrevision Rechnung getragen werden (AHI 1998 S. 174 Erw. 6a). 

 

Praxis im UVG gemäss Koordination Schweiz: Verfügung mit terminierter Rente (d. h. ohne Rentenrevision) 

Anstellung bei der eigenen GmbH

Urteil 9C_361/2016 vom 22.08.2016 (Volltext): Auf effektive Geldflüsse abstellen

 

6.2. ... Unter diesen Umständen durfte die Vorinstanz nicht ohne weiteres auf die von der Firma gemeldeten Jahreslöhne abstellen, wie die Vorsorgeeinrichtung beanstandet, zumal wenn berücksichtigt wird, dass grundsätzlich nur Einkünfte, die tatsächlich geflossen sind, der AHV-Beitragspflicht unterliegen (BGE 131 V 444 E. 1.1 S. 446; Urteil 9C_841/2012 vom 10. Mai 2013 E. 3.1). Dieser Grundsatz hat auch zu gelten, wenn das Vorsorgereglement den Begriff massgebender Lohn nach Art. 5 Abs. 2 AHVG oder wie im vorliegenden Fall AHV-Jahreslohn verwendet. Von weiteren Abklärungen ist abzusehen. ...

 

ATSG > Erwerbstätige > Geschäftsführer (Einpersonen-AG / GmbH): AN oder SE?

Erwerbseinbusse trotz Steuer- und Beitragsoptimierung

Urteil 9C_27/2012 vom 13.12.2012 (Volltext)

 

Geschäftspolitisch betriebene Steuer- und Beitragsoptimierung: Trotz Vollpensum bescheidenes bzw. kein Einkommen; wird von der AHV als Nichterwerbstätiger geführt. Meinung der IV-Stelle: Trotz IV-relevantem Gesundheitsschaden keine Erwerbseinbusse; kein Rentenanspruch. Das Sozialversicherungsgericht stützt die Meinung der IV-Stelle.

 

Beurteilung des Bundesgerichts gemäss E. 3.2:

 

Wenn das Sozialversicherungsgericht den Versicherten auf seiner Geschäftspolitik betriebener Steuer- und Beitragsoptimierung durch Absprechung des Erwerbstätigenstatus' im Invaliditätsfall behaften will, verliert sie aus den Augen, dass - womit kein Werturteil über die Tätigkeit des Beschwerdeführers ausgesprochen wird - gegebenenfalls auch eine widerrechtliche oder unsittliche Erwerbstätigkeit die Versicherungs- und Beitragspflicht begründet (BGE 115 V 1, 107 V 193). - Gesetzliches Korrektiv des beitragsmindernden Verhaltens erfolgt bei den AHV-rechtlichen Berechnungsvorschriften: Massgebliches durchschnittliches Jahreseinkommen.